Eine kurze Geschichte der Welt in sehr kleinen Teilen. In diesem Blog geht es um Literatur, Politik, Wissenschaft und Technologie, weil es der Autor noch nie anständig entscheiden konnte.

private projekte




  • Exposé
  • Die ersten Kapitel

    Erzählungen:


  • Am Geburtstag des Fürsten ...
  • The Way I Found Van Morrison
  • Am Anfang war die Leihbüch...
    Unvollendetes
  • Die sieben Dinge meines Lebens
  • Braunkohlerevier

    Ich bin im rheinischen Braunkohlerevier aufgewachsen. Vor einiger Zeit war ich nochmal dort und dabei ist mir eine alte Sentenz in die Hände gefallen, die ich über die Landschaft meiner Kindheit geschrieben habe:

    In der Erde dieses Landstriches hat der Fortschritt mehr Narben hinterlassen, als die Windpocken im Gesicht meines Bruders. Nur an den Menschen scheint er auf eine seltsame Weise vorüber gegangen zu sein. Sie leben in Dörfern, die zwischen Pappelwäldern und Rübenäckern eingeklemmt sind wie Hasen in der Ackerfurche. Buchsbäume und Baccararosen wachsen in ihren Vorgärten. Es gibt wilde Kühe, die allnächtlich durchs Dorf laufen und verrückte Bauern, die seit vielen Generationen den gleichen Hof bewirtschafteten und ihre Ehen innerhalb der Familie schließen. Jede Generation dieser alten Geschlechter bringt einen Sprössling hervor, dessen Unterlippe ein wenig herunter hängt. Meistens sind es Männer. Kleine träumende Jungen, die in den Körpern von Landarbeitern stecken. In ihren Familien rufen sie Scham hervor und Depressionen und Frömmigkeit.
    Matthias Gerhards 8. Sep, 06:15 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Kinder sind am schönsten

    In meiner derzeitigen Wohngegend gibt es ziemlich viele alte Leute, die ganz wild auf unsere Kinder sind. Das ist auch grundsätzlich sehr schön. Aber gelegentlich klaffen Erinnerungswelt und Realität doch etwas auseinander. Das gipfelt dann meistens in dem Ausspruch: "Genießen Sie die Zeit, das geht so schnell vorbei". Aus der Rückschau mag das richtig sein. Und ich will nicht ausschließen, dass ich jenseits meines siebzigsten Geburtstages ähnlich rede. Aber derzeit wäre ich ganz froh, wenn ich die Zeit ein bisschen nach vorne drehen könnte. Natürlich liebe ich meine Kinder. Nicht, dass hier jemand glaubt, ich wollte mich beschweren. Nein, Nein! Aber was ist gegen einen selbstständiges Kind einzuwenden, dass gegen 9:00 Uhr aufsteht, bei der Hausarbeit hilft und sich um 19:00 Uhr selbst in Bett bringt?
    Matthias Gerhards 14. Jul, 23:31 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der Sinn des Lebens

    Es war etwas still in diesem Blog im letzten halben Jahr. Dennoch kann ich allen, die unter Schwermut, Depressionen, Selbstmordgedanken oder Ähnlichem leiden nur empfehlen, sich zwei Kinder unter drei Jahren anzuschaffen. Nein, Kinder machen den Menschen nicht stärker! Auch die Verantwortung lässt niemanden erwachsen werden, der vorher ein selbst noch ein Hosenscheißer war. Dennoch stellt sich eine entscheidende Veränderung ein: Man hat keine Zeit mehr für dumme Gedanken und ist zu müde, für alles andere.
    Matthias Gerhards 13. Jul, 00:39 | 9 Kommentare - Kommentar verfassen

    Die alte Schule

    Ich habe meinen Glauben verloren, als ich auf die Hauptschule kam. Damals kam mir die Existenz Gottes einfach zu unglaubwürdig vor. Kürzlich war ich noch mal in der Gegend, habe mir das Gebäude angesehen und fand meine Zweifel bestätigt. Es kann keinen Gott geben, wenn er zuläßt, dass unsere Kinder in solchen Ruinen unterrichtet werden.
    Matthias Gerhards 14. Dez, 21:20 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Boris! Es ist vorbei.

    "Entweder du meldest dich oder es ist vorbei." Jetzt wissen wir also, woran das Glück der Becker-Meyer-Wöldens zerplatzt ist. Ich habe solche Formulierungen zuletzt im Alter von vierzehn Jahren benutzt. In einer Zeit als man Beziehungen noch durch ankreutzen anbahnen konnte. Daran kann man sehr leicht erkennen, dass die Abwesendheit von Bildung auch nicht immer glücklich macht.
    Matthias Gerhards 11. Dez, 21:39 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der geschraubte Turm

    Ich muss gestehen, dass ich die meisten Bücher online kaufe. Das hat den Vorteil, dass man es nach 22:00 Uhr erledigen kann, wenn die Kinder schlafen. Aber der Nachteil ist, dass man nicht immer weiß, worauf man sich einläßt. Was grundsätzlich kein Problem darstellt. Eigentlich.

    Im Fall des Buches von Uwe Tellkamp, hat das Wort jedoch eine geradezu erschreckende Berechtigung. Eigentlich ist das ein Bestseller und wird von der Kritik höchlichst gelobt. Aber die erste Seite ist so verschwurbelt, das ich es bisher nicht geschafft habe, das Verb zu finden, dass diesen fein geschraubten Satz zusammenhalten soll. Ich vermute, dass es nicht existiert, weil der Lektor nicht wußte, wo er es einfügen sollte. Das ist wie mit manchen Tönen im Gesang von Joe Cocker. Die hört man auch nur, wenn man seine Lippenbewegung dazu sieht. Jedenfalls habe ich es bisher nicht geschafft noch eine weitere Zeile zu lesen. Ich glaube, ich werde erwachsen und lese bald nur noch was mir gefällt.
    Matthias Gerhards 8. Dez, 23:12 | 7 Kommentare - Kommentar verfassen

    11/28

    Was bisher nicht vorgekommen ist, liegt oft außerhalb unserer Vorstellung. Auch wenn es geradezu lächerlich einfach ist. Die Anschläge von Mumbai beweisen, wie erschreckend banal Terrorismus sein kann. Man bracht kein komplexen internationales Netzwerke, keine Schläfer (die es vermutlich ohnehin nie gegeben hat), man muss keine Piloten ausbilden, um einen Anschlag zu verüben, der ein ganzes Land erschüttert. Man benötigt nur eine Handvoll junger Menschen, die bereit sind zu sterben. Die notwendigen Waffen kann man in Ländern wie den USA fast legal beschaffen. Mögliche Ziele gibt es mehr als genug.

    In einer Zeit, in der die Kriege von hochtechnologisierten Armeen gewonnen werden, führt uns der Terror vor, dass man unsere Welt mit einfachsten Mitteln aus den Angeln heben kann. Das ist erschreckend. Aber es zeigt auch, dass man Terrorismus nicht militärisch besiegen kann. Man kann ihn nur politisch, gesellschaftlich und moralisch bekämpfen. Man könnte sich beispielsweise die Frage stellen, weshalb es ihn überhaupt gibt?
    Matthias Gerhards 29. Nov, 14:53 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Paradox am Mittag

    Der Typ, der die bequeme Herausforderung erfindet, kann vermutlich die Nobelpreise aller Disziplinen abräumen.
    Matthias Gerhards 28. Jul, 12:59 | 1 Kommentar - Kommentar verfassen

    Igitt Kinder

    Mit einem Seitenblick auf eine alte Ausgabe des Spiegels sagte ich zu meiner Liebe: "Da hat jemand ein Buch mit 40 Gründen gegen Kinder geschrieben."
    "Nur vierzig? Mir fallen gerade mindestens hundert ein." antwortete sie, weil in diesem Augenblick die Wehen begannen.

    Das ist nun fünf schlaflose Nächte her. Ich möchte noch anfügen, dass die Autorin vermutlich mit allem recht hat. Ebenso wie Reinhold Messner mindestens fünftausend Gründe gegen die Besteigung eines Achttausenders runterleiern kann.
    Matthias Gerhards 27. Jul, 22:54 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Enemy mine

    In der Schule hatte ich immer ein selbstgebackenes Pausenbrot mit Biosalat dabei. Meine Pullover waren selbstgestrickt und wenn wir Fleisch aßen, dann nur die eigenen ökologisch genährten Tiere. Mindestens die Hälfte meiner physischen Existenz verdanke ich der alternativen Landwirtschaft.

    Aber wenn wir unseren Feinden begegenen, müssen wir über uns hinaus wachsen. Kürzlich habe ich mir Schneckenkorn gekauft. Hergestellt von der Firma Bayer.
    Matthias Gerhards 26. Jul, 13:11 | 7 Kommentare - Kommentar verfassen

    Die Kernkraft wird aus der Mottenkiste geholt

    Man vergißt allzuleicht, dass die großen weltumspannenden Ideen meistens an dem gleichen Küchentisch ausgebrütet werden, an dem auch die nächste Sonntagsausflug geplant wird. Wenns gut läuft, bespricht man das Ganze noch mit seinen Frau und seinen halbwüchsigen Kindern, bevor man den Krempel auf die Welt losläßt.
    So entstehen solche tollen Ideen wie der Wiedereinstieg in die Kernenergie und Anderas Sentker schreibt in der Zeit einen flammenden Artikel, in dem er eine neue deutsche Kernforschung fordert. Schließlich seien auch die Finnen, die Inder, die Chinesen und sonst noch wer gerade dabei wild zu forschen und massenweise neue Meiler in die Welt zu setzen. Angeblich sicherte das Uran ja für Jahrhunderte unsere Stromversorgung.

    Aber an dem gleichen Küchentisch, an dem man sich diesen Quark ausgedacht hat, hätte man auch über ein paar andere Dinge Gedanken machen können:

    Wie lange reicht das Uran eigentlich, wenn die Inder und die Chinesen und alle die Anderen nun massenweise Atommeiler in die Landschaft setzen? Vierzig, dreißig Jahre, zwanzig Jahre?

    Und wie hoch wird das Risiko für einen Supergau (der bis jetzt alle 10 Jahre irgendwo aufgetreten ist), wenn sich plötzlich Hans und Franz Kernkraftwerke in ihren Vorgarten stellen?

    Welche Länder werden demächst über Atombomben verfügen, die als "Abfallprodukt" der Kernforschung anfallen? Lybien, der Tschad, Madargaskar, Nepal und Belgien?

    Vielleicht sollte man sich noch ne halbe Stunde länger Zeit nehmen, um das Thema mit seinen Kindern und dem Bettgenossen zu diskutieren, bevor man so was in die Welt setzt.
    Matthias Gerhards 11. Jul, 07:17 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Das dritte Kind

    Es gelingt mir selten einen Tag wirklich als Ereignis wahrzunehmen. Das Abenteuer der Dinge, die jetzt passieren. Ich bin immer einen Schritt zu weit und bemerke nicht, dass während ich spüle oder Hecken schneide ein Abenteuer vor sich geht. Das dritte Kind will bald geboren werden und ich will versuchen die Welt mit den richtigen Augen zu sehen.
    Matthias Gerhards 2. Jul, 09:59 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Die kleine Welt

    Mein Sohn (der Kleine) hat jetzt eine Puppe. Er wickelt sie (mit meiner Hilfe), trägt sie herum und zeigt ihr die Welt. Sie darf unters Sofa blicken und auch in den Laufstall. Dann beginnt er zu erklären: "Pappa Tutaaa" (Mein Vater sitzt am Computer). "Tellä Phon" (Das ist ein Telefon). "Nein, Nein, boten" (Die Stereoanlage ist verboten). Jede Welt hat ihre Grenzen.
    Matthias Gerhards 17. Jun, 07:05 | 1 Kommentar - Kommentar verfassen

    woking man in my pride

    Mein Arbeitsgerät besteht heute aus:
    1 Tasse Espresso
    1 Glas Wasser (0,4 l)
    1 Portion Häagen Dazs Karamell Nuss Eis

    Das Ergebnis ist der erste Teil meines neuen Projektes. Eigentlich zu lang für diese Website.
    Matthias Gerhards 11. Jun, 23:07 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Erster Gesang

    Could you find me
    Would you kiss my eyes
    And lay me down in the silence easy
    To be born again, to be born again
    (Van Morrison, Astral Weeks)


    Schillbach, Juni 1984
    Es war ein warmer Sommertag, als der Körper meines Bruders gefunden wurde. Die Mücken standen in Schwärmen über dem Bach, der sich in weiten Schleifen durch die Felder gefressen hatte. Eine Lerche stieg in den Himmel auf und jubilierte über dem Wasser. Sie besang die ahnungslose Schönheit der Dinge. Wasserläufer schossen über die Oberfläche. Gelbrandkäfer tauchten nach Kaulquappen und zogen winzige Luftblasen hinter sich her. Die Larven der Köcherfliegen durchzuckten das Ufer und zeichneten ein wellenförmiges Muster in den Schlamm. Ein paar junge Stichlinge standen bewegungslos in der Strömung und hofften auf eine Mahlzeit. Doch ein Aal hatte sich bereits Zutritt zu den inneren Werten des siebenjährigen Jungen verschafft, der mit aufgerissenen Augen unter der Wasseroberfläche trieb. Das schlangenförmige Tier bewachte den geöffneten Mund wie eine Schatzhöhle und die kleineren Fische gingen leer aus. An guten Tagen war das Wasser, in dem sie lebten braun. An weniger guten bekam es einen gräulichen Schimmer, roch nach modrigem Holz und nach einem unbekannten metallischem Stoff.

    Einen Teil seiner Färbung verdankte es dem fruchtbaren Lösboden, den es mit sich führte. Den anderen Teil steuerte ein Braunkohlekraftwerk bei, das sein Kühlwasser seit über dreißig Jahren in den Bach leitete. Dennoch waren die flachen Auen in seiner Umgebung mit Pappelhainen, Hecken und Bruchwäldern bedeckt und erweckten den Eindruck einer unberührten und zeitlosen Landschaft. Dazwischen lagen Weizenfelder und Rübenäcker, die im Herbst aufweichten und die Erntemaschinen mit unbeschreiblichen Mengen von Schlamm überzogen. Das Land war voller Wasser. Es sammelte sich in den Senken und ließ dort Schilfrohr, Wasserminze, Birken und Pappeln wachsen, obwohl in nicht einmal mehr dreißig Kilometer Entfernung Braunkohle abgebaut wurde. Die Bagger fraßen sich mehrere hundert Meter tief in das Land und verwandelten Höfe, Kirchen, Dörfer und sogar Flussquellen in weiße Flecken auf der Landkarte. In namenlose Erinnerungen von alten Leuten. Nur die Pumpen sorgten am Ende dafür, dass die gigantischen Löcher mit ihren Maschinen nicht in den Fluten dieser wasserreichen Landschaft versanken. Die Sümpfe der Umgebung wurden trocken gelegt. Einige Rinnsale mussten umgeleitet werden. Und der Bach, in dem mein Bruder vielleicht gestorben war, wurde mit dem Abwasser eines Kraftwerkes gespeist, weil sein Quellgebiet schon lange nicht mehr existierte. Es war abgebaggert und zu einem lang gestreckten Berg aufgeschüttet worden. In der Erde dieses Landstriches hatte der Fortschritt mehr Narben hinterlassen, als die Windpocken im Gesicht meiner Schwester. Nur an den Menschen schien er auf eine seltsame Weise vorüber gegangen zu sein. Sie lebten in Dörfern, die zwischen Pappelwäldern und Rübenäckern eingeklemmt waren wie Hasen in der Ackerfurche. Buchsbäume und Baccararosen wuchsen in ihren Vorgärten. Es gab wilde Kühe, die allnächtlich durchs Dorf liefen und verrückte Bauern, die seit vielen Generationen den gleichen Hof bewirtschafteten und ihre Ehen innerhalb der Familie schlossen. Jede Generation dieser alten Geschlechter brachte einen Sprössling hervor, dessen Unterlippe ein wenig herunter hing. Meistens waren es Männer. Kleine träumende Jungen, die in den Körpern von Landarbeitern steckten. In ihren Familien riefen sie Scham hervor und Depressionen und Frömmigkeit.

    Der rechte Arm der Leiche hatte sich in einem Gitter verfangen, das schräg in das Wasser hineinragte und ein großes Betonrohr verschloss. Es war der Ablauf der Kläranlage, die sich zwischen dem Dorf und dem alten Bahndamm befand, der wie ein ausgestreckter Finger in der Landschaft lag. Dort wurden unsere gereinigten Fäkalien den Elementen übergeben. Die Strömung war stärker, als an irgendeiner anderen Stelle. Deshalb fand ich es erstaunlich, dass sich der Leichnam gerade hier niedergelassen hatte, um gefunden zu werden. Es schien, als habe mein Bruder, die Grenzen des Dorfes nicht verletzen wollen. Als habe er nicht gewollt, dass andere den vermeidlichen Ärger seines Todes ausbaden müssen. Er war immer der rücksichtsvollste, der stillste und der klügste von uns gewesen, obwohl sich niemand erklären konnte, woher diese Fähigkeiten stammten. Am wenigsten meine Eltern.

    An diesem letzten Tag seines Lebens hatte er sich mit Algen geschmückt. Sie umrankten seinen weißen Hals, hatten sich in sein Haar eingeflochten und wickelten sich wie magersüchtige Tänzerinnen um seinen Körper. Die lebendigen Bänder der Tiefe. Der Druck des Wassers war so stark, dass sich der Leib mit diesen grünen Flechten immer wieder auf die Bauchseite rollte. Und diese fast elegante Drehung brachte ein seltsames Muster zum Vorschein, das ich noch heute so deutlich vor mir sehe, als lägen die Ereignisse jenes Nachmittages nicht schon über zwanzig Jahre zurück. Es waren weißliche Schnitte, die sich dort auftaten wo einst seine Brust gewesen war.
    ~
    An die Hand jedoch kann ich mich nicht mehr erinnern, obwohl ich sie gesehen haben musste. Die Hand, über die später alle sprachen, deren Gerücht von Haustür zu Haustür flog. Von der ich flüstern hörte, wenn ich in den folgenden Wochen allein über den Schulhof ging. Aber das war nichts Neues. Auch schon vor diesen Ereignissen verbrachte ich die Pausen in der Regel ohne Gesellschaft. Die meisten meiner Geschwister besuchten keine normalen Schulen und wären ohnehin kaum anwesend gewesen. Sogar Malik mied meine Gegenwart, weil immer mal wieder ein paar glatzköpfige Jungs auftauchten, um mich zu verprügeln oder mir mitzuteilen, dass ich genauso stank, wie der Rest meiner Familie. Aber ich weiß noch, dass mir der Klärmeister später auf der Beerdigung berichtete, dass sie ihm zu gewunken habe wie die Hand eines Betrunkenen. Er wusste, dass nur die Strömung für diese seltsam lebendig anmutende Bewegung verantwortlich war. Aber dennoch fügte er hinzu: „Wie de Hand vom de’m Ahab bei Moby Dick.“ Das sei gestern im Fernsehen gelaufen, behauptete er. Dabei machte er ein dämliches Gesicht, das seine Betroffenheit ausdrücken sollte. Doch in seinen Zügen erkannte ich eine seltsame Zufriedenheit. Eine Art von Freude, die ihn scheinbar im Angesicht des fremden Unglücks überfiel. Aber vielleicht er wollte sich auch nur dafür revanchieren, dass ich ihm damals entwischt war.

    Einen Augenblick später, bereute er es und wich meinem Blick aus. Doch ich war mir nicht sicher, ob es wegen der Hand war oder weil er befürchtete, dass wir keinen Fernseher hatten. Aber er irrte sich natürlich. Meine Mutter verpasste keine Folge von ›Knight Rider‹, sah jeden Western und kannte das gesamte Vorabendprogramm auswendig. In unserem Wohnzimmer stand sogar ein Videorecorder. Er kam neu und original verpackt in unser Haus. Aber ich glaube nicht, dass er jemals ein Geschäft von innen gesehen hatte. Vermutlich war es ›Fallobst‹ wie mein Vater zu sagen pflegte. Aber davon wusste der Klärmeister natürlich nichts. Er sah mich an, als wollte er die Worte wieder in seinem Mund zurück rufen, so wie ein Barsch, der seine Jungen einsaugt, wenn Gefahr droht. Doch Worte lassen sich nicht ungesprochen machen.

    Erst in dem Augenblick, als ich von der Hand hörte, habe ich angefangen zu weinen. Es war ein fremdes unangenehmes Geräusch, das alle auf der Beerdigung zu irritieren schien. Aber das geschah erst viele Tage später, nachdem die Leiche von der Polizei frei gegeben worden war und mein Vater das Geld für die Beerdigung aufgetrieben hatte. Der Besitzer des Bestattungsinstitutes hatte eine Bezahlung in Mikrowellen oder Autoradios abgelehnt.
    ~
    Als der Klärmeister den Körper gefunden hatte, tat er einige Zeit lang gar nichts. Er blieb draußen am Ausfallrohr stehen und betrachtete seinen Fund, als hoffte er jeden Augenblick zu erwachen. Aber das passierte natürlich nicht, denn dieser Traum war sein Leben. Das Seltsame daran war, dass er genau dadurch etwas in Bewegung brachte. Der Stillstand löste ein Beben aus, das nach und nach alles erschüttern sollte, was uns umgab. Die Welt war für einige Momente aus den Fugen geraten, weil sich etwas ereignet hatte, dass die alltägliche Vorstellungskraft überstieg. Und sie würde sehr lange brauchen, um wieder in ihre gewohnte Bahn zurück zu finden. Das Leben hatte für einen kurzen Augenblick offenbart, dass es nicht gewillt war, sich mit Häkeldecken und Buchsbäumen zufrieden zu geben. Es zeigte seine dunkle und unberechenbare Seite. Das weiße Gesicht des Todes. Doch während der Klärmeister mit erstarrter Miene das betrachtete, was er nicht glauben konnte, weckte er unsere Aufmerksamkeit.

    Malik und ich befanden sich in diesem Augenblick auf dem Bahndamm. An jener Stelle wo der Bach seinen Weg kreuzte und durch einen breiten Tunnel geleitet wurde. Es war nicht einer jener verschämten unterirdischen Kanäle, in denen das Wasser normalerweise verschwand, wenn er eines der Dörfer durchfloss. Dies war eine Prachtstraße für Gewässer, auf die jeder Fluss im Umkreis von fünfzig Kilometern stolz gewesen wäre. Malik beugte sich über den Rand der Betonbrücke und spuckte ins Wasser. Wir träumten davon Handgranaten hinunter zu werfen. Aber es waren nur große Steine oder Schrott, den wir zwischen den Bäumen fanden. Autoradios, Reifen, rostige Räder und zersprungene Fliesen. Plötzlich fuchtelte Malik mit der Hand in der Luft herum.
    „Hey, Scheiße schau mal, da hinten. Da steht einer und glotzt sich die Augen wund.“
    Er zeigte mit wilden Gesten über die Felder. Und tatsächlich sah ich nach einiger Zeit einen Mann am Rand des Baches stehen. Er hatte etwas entdeckt, soviel war sicher.
    „Los wir gehen hin! Das muss was verdammt Großes sein. Da springt bestimmt was raus.“
    Einen nicht geringen Teil unserer Zeit verbrachten wir damit, Dinge aus dem Bach zu fischen, die andere hineingeworfen hatten. Manchmal war sogar etwas Brauchbares dabei. Autoreifen, Nylonschnüre, Blechkanister, Waschmaschinen. Einmal trieb ein Pornoheft am Ufer entlang. Malik sprang ins Wasser und holte es heraus. Das meiste war noch zu erkennen. Wir haben es getrocknet und uns einige Tag lang angeschaut. Es war ein bisschen ekelhaft, aber irgendwie mussten wir lachen und es verursachte einen komischen Druck auf der Brust. Leider hat Malik in der Schule davon erzählt und nach einigen Tagen sind uns zwei von den Glatzköpfen zu unserem Versteck gefolgt. Nachdem sie uns unseren Schatz abgenommen hatten, fühlten wir uns wieder wie kleine Jungs. Armselig und ohne nennenswerten Besitz. Danach haben wir das Wasser nach allem durchpflügt, das den Anschein von Papier hatte. Aber wir fanden nur Flaschenetiketten, Zeitungen und alte Bücher.
    Malik rannte jetzt den Bahndamm hinunter und ich versuchte vergeblich ihn einzuholen. Er musste immer schneller sein als ich. Aber das störte mich nicht besonders, denn er war Türke und trug manchmal eine Woche lang das gleiche Unterhemd. Man merkte es in der Turnhalle. Das Ding war fürchterlich. Es hatte ausgefranste Träger, Flecken unter den Achseln und roch irgendwie komisch. Eigentlich nicht schlecht. Nur komisch. Manchmal schämte ich dafür, dass er mein Freund war. Nein, das stimmt nicht ganz. Ich schämte mich dafür, dass mein einziger Freund ein Türke war. Aber eigentlich war es kein Wunder und meistens gelang es mir nicht daran zu denken.

    Als Malik den Klärmeister erreichte, hatte er schon einen großen Vorsprung. Zwischen dem Bahndamm und der Kläranlage lagen mindestens tausend Meter, zwei Rübenäcker und einige kleinere Gräben, die man nur mit Schwung und geschlossenen Augen überqueren konnte. Plötzlich blieb Malik einen Moment lang stehen, als würde jemand von unten seine Füße festhalten. Es wirkte irgendwie unfreiwillig. Dann sah er mich an, aber ich war noch zu sehr damit beschäftigt meinen Rückstand aufzuholen, um zu sehen, was in seinen Augen lag. Panik!

    Noch bevor ich ihn erreicht hatte, bekam ich Seitenstechen. Aber trotzdem hatte ich ihn schon fast erreicht, als der Klärmeister begriff, was los war. Er stürmte mir entgehen und brüllte wie jener Bulle, vom dem mir Hubert erzählt hatte, der in meine Parallelklasse ging. Er war der Sohn des Metzgers, hatte die weiße Haut eines abgebrühten Schweins und einen erbärmlich kleinen Schwanz. Aber sein Vater fuhr einen schwarzen BMW und Hubert besaß einen waschechten Nintedo Gameboy . Dieser Bulle, hatte Hubert erzählt, sei nicht zusammengebrochen, nachdem man ihn mit dem Bolzenschussgerät bearbeitet hatte, sondern war brüllend über die Absperrung im Schlachtraum gesprungen. Erst nach sieben weiteren Schüssen aus der Dienstwaffe seines Onkels (einer Heckler und Koch P7), habe er aufgegeben und sei umgefallen. Aber selbst in diesem Moment soll er angeblich noch gelebt haben. Den Löffel habe er erst abgegeben, nachdem ihm der Metzgergeselle mit dem großen Knochenbeil das Genick durchschlagen hatte.

    Der Klärmeister hieß Kramer und trug ständig jägergrüne Krawatten und kurzärmelige Hemden. Auch im Winter. Er gehörte nicht nur der Schützenbruderschaft, sondern auch dem CDU-Ortsverein an und hatte eine kleine pausbäckige Tochter, die drei Bänke vor mir saß. Sie hieß Christina, aber wir nannten sie die ›Christel von der Post‹ und das führte regelmäßig dazu, dass ihre roten Wangen noch mehr zu glühen begannen. Manchmal half sie mir bei den Hausaufgaben. Aber jetzt schien mich ihr Vater nicht einmal zu erkennen.

    „Hau ab, hier häss’e nix zu suche.“ schrie er mir entgegen und seine Stimme klang nach Kaugummi, weil seine Zahnprothese nicht richtig fest saß. Aber das Feld und der Bach gehörten nicht zur Kläranlage, das wusste sogar ich. Außerdem ließ er Malik komischerweise vollkommen unbeachtet. Und diese Ansammlung von Absonderlichkeiten veranlasste mich dazu, nicht so zu reagieren wie ich es unter normalen Umständen getan hätte. Ich drehte nicht um und suchte mein Heil in der Flucht, sondern umrundete das Hindernis und setzte meinen Weg zum Rand des Baches fort. Dort stand Malik und fuchtelte wieder wild mit den Armen herum.

    Der Klärmeister war nicht besonders schnell. Aber es genügte, um mich einzuholen, bevor ich meinen Freund erreichte. Dieses Mal verschwendete er seine Zeit nicht mit Worten, sondern riss mich sofort zu Boden und hielt mich fest. Er quatsche wirres Zeug und seine Stimme zitterte. Erst viel später verstand ich, dass er Angst hatte.

    Es war eng zwischen den Futterrüben, nass und verflucht kalt. Aber der Klärmeister drückte mir sein Knie auf die Brust, so dass ich nicht mal meinen Kopf heben konnte. Über mir sah ich den Himmel. Er war wolkenlos und erstrahlte in diesem unwiederholbar schönen Blau, das sich nur vor echten Katastrophen einstellte.

    In diesem Augenblick ahnte ich natürlich nicht, dass sich der Klärmeister Kramer in einer ausweglosen Situation befand. Er konnte schließlich nicht ewig auf mir sitzen bleiben. Nachdem er es sich einige unendliche lange Sekunden auf mir bequem gemacht hatte und mich den Anblick des Himmels und den Geschmack des Ackers genießen ließ, sagte er: „Wenn de die Augen zumach’s, lass ich dich jehen.“
    Ich war zu verwirrt, um überhaupt denken zu können, deshalb gab ich keine Antwort. Als er begriff, dass mit mir Nichts anzufangen war, änderte er seine Taktik.
    „Augen zu, los! Assikopp!“ brüllte er und obwohl ich keinerlei Veranlassung dazu hatte, befolgte ich seine Worte, einfach weil es Befehle waren. Ich tauchte in die Dunkelheit hinter meinen Lidern ein und der Druck auf mein Atmungsorgan ließ tatsächlich sofort nach. Aber in dieser Situation aufzustehen, war schwieriger als ich dachte. Ich stolperte über die Futterrüben zwischen denen ich gerade noch gelegen hatte und schlug natürlich sofort die Augen auf, um nicht noch mal im Dreck zu landen. Komischerweise war alles noch fast genau so wie zuvor. Nirgends konnte ich irgendwas entdecken, dass auch nur im Ansatz erklärt hätte, was hier los war. Aber genau darin lag das Problem.

    Malik schrie „Scheiße, Mann! Kacke!“ als ich plötzlich losspurte und den Klärmeister stehen ließ. Es waren nur zehn Meter bis zum Bach und ich hatte erwartet, dass sich auch mein Freund in Bewegung setzen würde, damit wir von diesem Irren weg kamen. Aber er rührte sich nicht, sondern sagte ein paar unanständige Worte in Gebärdensprache, weil er immer noch mit den Händen in der Luft herumfuchtelte.

    Dort wo das Betonrohr der Kläranlage in das braune Wasser führte, sah ich ihn. Er trieb vielleicht zehn Zentimeter unter der Wasseroberfläche, das Gesicht nach oben gerichtet. Der Mund und die Augen waren geöffnet und blicken ausdruckslos in den Himmel. In diesem Augenblick kam ein Aal zwischen seinen Zähnen hervor. Aber er schlängelte sich sofort wieder zurück, als die Leiche von der Strömung herumgedreht wurde. Erst als ich das Bild in meiner Erinnerung nochmals betrachtete, sah ich, dass etwas fehlte.
    ~
    Ich weiß nicht mehr, wie ich mich damals gefühlt habe, denn meine Erinnerung ist wie ein Film ohne Ton und ohne Farbe, in dem alles sehr langsam abläuft. Nein! Es ist nicht alles farblos. Einige Dinge hat der unbekannte Regisseur in meinem Kopf nachkoloriert. Ich kann heute noch das Blau des Himmels erkennen, der sich über unsere Köpfe spannte, als wäre er eine Filmkulisse. Die Hand meines Bruders, die sich angeblich im Gitter verfangen hatte, ist nicht darunter. Sie taucht in meiner Version der Ereignisse nicht einmal auf. Dafür gibt es noch einen anderen Gegenstand, an den ich mich erinnere. In der anderen Hand (die nicht im Reusengitter hing) befand sich ein bedrucktes Stück Pappe. Ein Teil eines Plattencovers. Erstaunlicherweise war es noch nicht so aufgeweicht, dass man nichts mehr erkennen konnte. Bäume waren darauf, ein seltsames Licht und ein bisschen Haut. Vielleicht ein Gesicht. Aber ich musste natürlich sofort an das Pornoheft denken. Ich fühlte mich scheußlich, weil ich meinen toten Bruder sah und trotzdem meine Gedanken nicht unter Kontrolle hatte.

    Malik stellte sich neben mich und begann zu heulen. Er schniefte und sagte: „Der sieht so verflucht Scheiße aus. Guck dir das mal an! Hundepisse!“ In der Schule wurde immer behauptet, dass er außergewöhnlich sprachbegabt sei. Er konnte Türkisch, Deutsch und Schilbacher Platt, wenn er gute Laune hatte. Nur seine Rechtschreibung war lausig.
    Ich kann mich nicht daran erinnern, traurig gewesen zu sein. Es war nur so, dass der Körper, der dort im Wasser schwamm, eine Lücke hinterließ. Ein bruderförmiges Loch, das von diesem Tag an neben mir schwebte und sich nur sehr langsam schloss.
    Matthias Gerhards 11. Jun, 22:25 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen
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    wenn sie so groß...
    wenn sie so groß sind, dass sie das können,...
    testsiegerin - 16. Jul, 10:14
    Danke,
    gedanklich war ich (quasi) immer da.
    Matthias Gerhards - 14. Jul, 23:30

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