Eigentlich habe ich selbst nicht mehr richtig daran geglaubt. Meine Liebe hatte ohnehin schon lange jede Hoffnung aufgegeben. Aber ich bin fertig. Der Roman ist abgeschlossen. Und obwohl ich das schon häufiger gedacht und auch schon häufiger geschrieben haben, bin ich mir ziemlich sicher, dass es dieses Mal stimmt. Ich bin fertig. Aber seltsamerweise bin ich nicht glücklich. Ich falle noch nicht mal in ein Loch. Es fühlt sich ungefähr so an, als käme ich gerade vom Zahnarzt und würde mit der Sprechstundenhilfe die nächsten Termin vereinbaren. Es gibt natürlich ein neues Projekt und außerdem beginnt nun die lange schmutzige Reise durch die Welt der Absagen.
Gerade habe ich den einzig annehmbaren Teil der Zeit gelesen. Harald Martensteins Kolumne. Es ging um Raymond Carver, seinen Lektor und die Behauptung, dass die gesamte (jüngere) deutsche Literatur aus Craver Immitatoren bestünde. So weit so gut. Ich mag Carver nicht besonders. Ich finde die wenigen Geschichten, die ich von ihm gelesen habe, halbwegs langweilig. Aber ich frage mich, was ich in der Literatur suche? Meine Helden sind meistens tote Autoren, die heute niemand mehr wichtig oder zeitgemäß hält. Mich reizt dagegen, die innere Wirklichkeit eines Menschen oder der Dinge zu beschreiben. Das ist sehr unamerikanisch, nicht lakonisch und deshalb irgendwie unmodern uncarvermäßig. Aber ich kann nichts dafür.
Dies ist eine Geschichte, die ich niemals schreiben werde. Sie wird immer ein Anfang bleiben. Der Beginn von etwas, das niemals vollständig zum Leben erwacht und deshalb auch niemals sterben wird. Der Tod wird keinen Platz finden in ihr, nicht einmal das Alter oder die Schmerzen der Jugend. Sie bleibt ein Kind, was immer auch geschehen mag. Der Titel lautet: Das Junge aus dem siebten Baum. Sie beginnt auf die folgende Art: Es war Sommer. Der Junge stand am Meer und betrachtete die Wellen. Er bewunderte ihre weiße Kraft und hoffte auf ein Schiffsunglück oder wenigstens auf eine tote Katze. Seine Füße des Jungen waren so braun wie Hundekot und sogar sein Bauch sah aus wie Schokoladenglasur. Der Junge warf Steine ins Wasser, in der Hoffnung einen Fisch zu treffen. Das konnte er stundenlang tun, wenn er allein war. Er war oft allein, in diesen Ferien.
Jenseits des Strandes verlief eine Allee. Sie hatte immer so viele Bäume wie der Junge zählen konnte. Am ersten Tag waren des zwölf, dann vierundzwanzig, später hunderteinundzwanzig, dann nur noch dreiundsechzig. Immer wenn er genug hatte, ging der Junge über die Allee zurück in das Ferienhaus seiner Großmutter. Er begann zu zählen und versuchte jedes Mal eine Zahl zu finden, die schon einmal vorgekommen war. Dann würde er wissen, dass es die richtige war. Es gelang niemals. Aber an diesem Tag kam er bereits am siebten Baum ins stocken. Als er ihn berührte, um seiner Rinde zu zeigen, dass sie aufgenommen worden war, in die Familie der registrierten Dinge, hörte er einen Schrei. Ein Junge sprang vor seine Füße. Vielleicht war er auch gefallen. Der fremde Junge war ebenso braun und zerfurcht wie er selbst. An seinen Füßen sah man keine Spuren von Sandalen. Er lief scheinbar immer barfuss. Der Junge aus dem siebten Baum.
In den letzten Wochen habe ich eine Technik entwickelt, um meinen Schreibfluß anzuregen. Das ist so eine Art geistiger Ausfluss. Dazu gehört die richtige Mischung aus Tatendrang, Kontemplation und dem Zugang zu den eigenen Dämonen. Kurz: Ein ebenso schwierig zu erlangender Zustand wie die Erleuchtung. Ich lese nun immer zwei Bücher parallel. Eines dessen Aufbau und Konstruktion ich bewundere. Derzeit die „Purpurnen Flüsse“ von Jean-Christophe Grangé. Die Dramaturgie ist geradezu bewundernswert. Daneben lese ich ein zweites Buch, dessen Sprache mich in diesen halbrauschhaften Zustand versetzt, den ich brauche. Meistens lese ich diesen Text, unmittelbar bevor ich mich an meinen Schreibtisch setzte. Derzeit „Ganz früh eines Morgens“ von Dylan Thomas. Er war Alkoholiker und blieb eigentlich nur nüchtern, um zu schreiben. Das ist genau dass, was ich brauche. Alkohol vertrage ich einfach nicht.
Im 21. Teil bahnt sich eine weitere Veränderung in dem nicht eben ruhigen Leben der Hauptfigur an. Nebenbei bemerkt, beruht das Grundmuster der Handlung auf historischen Fakten oder Dingen, die ich während meiner Recherchen dafür hielt. Lissabon ist im Jahre 1147 von Kreuzrittern erobert worden. Eleonore von Aquitanien ist tatsächlich auf dem Rückweg von dem misslungenen 2. Kreuzzug angegriffen worden und am sizilianischen Hof gestrandet. Vielleicht sollte ich die ca. 2 Meter Literatur, die ich zu dem Thema gesammelt habe mal zum allgemeinen Gebrauch ins Netz stellen.
Momentan bin ich etwas lapidar. Also der 20. Teil wäre jetzt so weit. Eigentlich bin ich sogar schon viel weiter, aber ich komme mit dem posten nicht hinterher.