Eine kurze Geschichte der Welt in sehr kleinen Teilen. In diesem Blog geht es um Literatur, Politik, Wissenschaft und Technologie, weil es der Autor noch nie anständig entscheiden konnte.

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  • Exposé
  • Die ersten Kapitel

    Erzählungen:


  • Am Geburtstag des Fürsten ...
  • The Way I Found Van Morrison
  • Am Anfang war die Leihbüch...
    Unvollendetes
  • Die sieben Dinge meines Lebens
  • Erinnerungen an die Hoelle

    Der 2. Anfang meines neusten Projektes: 7 Erinnerungen an die Hölle

    Es war ein warmer Sommertag, als der Körper meines Bruders gefunden wurde. Die Mücken standen in Schwärmen über dem Bach, der sich in weiten Schleifen durch die Felder gefressen hatte. Eine Lerche stieg in den Himmel auf und jubilierte über dem Wasser. Sie besang die ahnungslose Schönheit der Dinge. Wasserläufer schossen über die Oberfläche. Gelbrandkäfer tauchten nach Kaulquappen und zogen winzige Luftblasen hinter sich her. Die Larven der Köcherfliegen durchzuckten das Ufer und zeichneten ein wellenförmiges Muster in den Schlamm. Ein paar junge Stichlinge standen bewegungslos in der Strömung und hofften auf eine Mahlzeit. Doch ein Aal hatte sich bereits Zutritt zu den inneren Werten des siebenjährigen Jungen verschafft, der mit aufgerissenen Augen unter der Wasseroberfläche trieb. Das schlangenförmige Tier bewachte den geöffneten Mund wie eine Schatzhöhle und die kleineren Fische gingen leer aus. An guten Tagen war das Wasser, in dem sie lebten braun. An weniger guten bekam es einen gräulichen Schimmer, roch nach modrigem Holz und nach einem unbekannten metallischem Stoff.
    Einen Teil seiner Färbung verdankte es dem fruchtbaren Lösboden, den es mit sich führte. Den anderen Teil steuerte ein Braunkohlekraftwerk bei, das sein Kühlwasser seit über dreißig Jahren in den Bach leitete. Dennoch waren die flachen Auen in seiner Umgebung mit Pappelhainen, Hecken und Bruchwäldern bedeckt und erweckten den Eindruck einer unberührten und zeitlosen Landschaft. Dazwischen lagen Weizenfelder und Rübenäcker, die im Herbst aufweichten und die Erntemaschinen mit unbeschreiblichen Mengen von Schlamm überzogen. Das Land war voller Wasser. Es sammelte sich in den Senken und ließ dort Schilfrohr, Wasserminze, Birken und Pappeln wachsen, obwohl in kaum dreißig Kilometer Entfernung Braunkohle abgebaut wurde. Die Bagger fraßen sich mehrere hundert Meter tief in das Land und verwandelten Höfe, Kirchen, Dörfer und sogar Flussquellen in weiße Flecken auf der Landkarte. In namenlose Erinnerungen von alten Leuten. Nur die Pumpen sorgten am Ende dafür, dass die gigantischen Löcher mit ihren Maschinen nicht in den Fluten dieser wasserreichen Landschaft versanken. Die Sümpfe der Umgebung wurden trocken gelegt. Einige Flüsse mussten umgeleitet werden. Und der Bach, den sich mein Bruder zum sterben ausgesucht hatte, wurde mit dem Abwasser eines Kraftwerkes gespeist, weil sein Quellgebiet schon lange nicht mehr existierte. Es war abgebaggert und zu einem lang gestreckten Berg aufgeschüttet worden. In der Erde dieses Landstriches hatte der Fortschritt mehr Narben hinterlassen, als die Windpocken im Gesicht meiner Schwester. Nur an den Menschen schien er auf eine seltsame Weise vorüber gegangen zu sein. Sie lebten in Dörfern, die zwischen Pappelwäldern und Rübenäckern eingeklemmt waren wie Hasen in der Ackerfurche. Buchsbäume und Baccararosen wuchsen in ihren Vorgärten. Es gab wilde Kühe, die allnächtlich durchs Dorf liefen und verrückte Bauern, die seit vielen Generationen den gleichen Hof bewirtschafteten und ihre Ehen innerhalb der Familie schlossen. Jede Generation dieser alten Geschlechter brachte einen Sprössling hervor, dessen Unterlippe ein wenig herunter hing. Meistens waren es Männer. Kleine träumende Jungen, die in den Körpern von Landarbeitern steckten. In ihren Familien riefen sie Scham hervor und Depressionen und Frömmigkeit.
    Matthias Gerhards 27. Dez, 23:38 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der Versuch eines Anfangs (Sieben Erinnerungen an die Hölle)

    Ich stamme aus einem Dorf im Rheinland. Es war ein Ort, der zwischen Pappelwäldern und Rübenäckern lag, mit Rosen und Buchsbäumen in den Vorgärten, mit wilden Kühen und verrückten Bauern. Jede Generation der alten Familien brachte einen Sprössling hervor, dessen Unterlippe ein wenig herunter hing. Meistens waren es Männer. Kleine träumende Jungen, die in den Körpern von Landarbeitern steckten. In ihren Familien riefen sie Scham hervor und Depressionen und Frömmigkeit. Ich erinnere mich oft an sie.
    Doch immer wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme, weiche ich aus. Meistens versuche ich der Situation durch Schweigen zu entgehen oder ich sage „Aus einem Dorf bei Köln“. Ich spreche den Namen meines Geburtsortes nicht gerne aus. Als würde diese simple Ansammlung von Lauten das ganze Grauen enthalten, das darin stattgefunden hat...
    Matthias Gerhards 17. Jul, 20:58 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der letzte Teil des Fürsten

    Der vierte und letzte Teil meiner Fürst Pückler Skizze ist fertig. Den restlichen Text habe ich auch nochmal grundlegend überarbeitet. Das ganze Projekt wird am Ende, glaube ich "Sieben Erinnerungen an die Hölle" heißen. Aber es wird noch viele Skizzen geben müssen, bis ich zu einem Plot komme.

    Überhaupt ist die Sieben derzeit meine Zahl. Gerade schwirrt mir eine Idee im Kopf herum, die Geschichten der Dinge zu erzählen, die wichtig sind in meinem Leben. Eine jener magischen Aufzählungen, die ich so mag. Titel: "Die sieben Dinge meines Lebens."
    Matthias Gerhards 6. Apr, 22:55 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Am Geburtstag des Fürsten Pückler (I, II, III, IV)


    Teil I | Teil II | Teil III | Teil IV

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    Der Supermarkt der Familie Helpenstein lag im Schatten einer Platane. Sie wuchs am Rand des Friedhofes und stand unter dem Schutz der Kirche. Der alte Helpenstein fluchte über die Dunkelheit und machte sie für die schwindenden Umsätze verantwortlich. Aber er konnte dem Baum niemals etwas anhaben. Nicht einmal der Umstand, dass der Bürgermeister sein Schützenbruder war, brachte ihn in irgendeiner Weise weiter.
    Ich liebte die Platane, denn sie war größer und älter als alles, was ich kannte. Und ich mochte das fleckige Licht, das sie auf den Bürgersteig warf, der sich vor dem Laden entlang schlängelte. Die Sonne brach sich in ihren Blättern und verwandelte den ganzen Platz ein Meer aus Schatten. Wenn ich meine Augen zu Schlitzen verengte, gelang es mir manchmal mich bis an einen fremden Ozean zu träumen.
    Der alte Helpenstein mochte es nicht, wenn wir vor seinem Geschäft saßen. Obwohl wir keine schlechten Kunden waren. Malek und ich kaufen mindestens einmal pro Woche etwas. In der Regel handelte es sich um eine Familienpackung Eis. Es nannte sich Fürst Pückler und bestand aus Vanille, Schokolade und Erdbeere. Eine Mischung, die man heute aus guten Gründen beinahe vergessen hat. Wir setzten uns auf den Bürgersteig, traktierten es mit Plastiklöffeln und beobachteten die Leute bei ihren wöchentlichen Einkäufen. Immer wenn die Sonne schien, erzählte ich Malek von meinem Traum.
    „Ein Meer? Du hast Phantasie.“ sagte er jedes Mal. Bis heute weiß ich nicht, ob er sich über mich lustig machte oder mich bewunderte.
    Malek hatte viele Fähigkeiten. Er konnte sein Mitgefühl ausdrücken, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wenn er die blauen Flecken entdeckte, die ich gewöhnlich mit mir herum trug, schaute er nicht weg wie die meisten anderen. Er betrachtete sie und schwieg verständnisvoll. Vielleicht hatte er diese Fähigkeit von seinem Vater geerbt, der aus Istanbul stammte, wenig sprach und mindestens einmal am Tag ein trauriges Lieder sang, um danach seine gute Laune wieder zu finden.
    Nachdem wir die Familienpackung geleert hatten, verdauten wir unser Eis und schwiegen, weil uns ein bisschen schlecht geworden war. Es war langweilig. Der Nachmittag strömte träge an uns vorbei und es bestand wenig Hoffnung, dass Gott aus seinem ewigen Schlaf erwachen würde. Aber an jenem Tag im Oktober, von dem ich hier berichten möchte, geschah dennoch etwas, dass uns für einen Augenblick von der ozeanischen Langsamkeit befreite, die in unserem Dorf herrschte und die jede Bewegung und jeden Gedanken zu ersticken schien.

    Teil II (zurück)

    Es war Monatsanfang, das Kindergeld war ausgezahlt worden und gleich würden die Kralls ihren Großeinkauf machen. Als das erste Mitglied der Familie auftauchte, grinste Malek und versetzte mir einen Stoß. Es war Frau Krall. Sie wog mindestens hundert Kilo und hatte im Laufe ihres Lebens zehn oder zwölf Kinder zur Welt gebracht. Wir wussten es nicht so genau. Sie selbst vermutlich auch nicht, denn ihre älteren Söhne befanden sich meistens im Gefängnis.
    Frau Krall hatte dunkle, glänzende Locken. Sie war mit einem geblümten Morgenmantel bekleidet, trug Filzpantoffeln und hatte eine Zigarre im Mund. Meistens brannte der Stumpen nicht einmal und sie kaute nur darauf herum. Doch heute zog sie eine Wolke aus beißendem Rauch hinter sich her und lächelte in die Oktobersonne hinein.
    Bis zu dem Tag, an dem ich mein Dorf für immer verlassen sollte, habe ich sie nur ein einziges Mal gesehen, ohne dass eine Zigarre an ihren Lippen klebte. Damals stand sie am Grab ihres Sohnes, dessen gewaltsamer Tod die ganze Gemeinde erschüttert hatte, auch wenn niemand darüber sprach. Sie weinte. Der große Körper hatte sich zusammengezogen und bebte. Es war ihr jüngstes Kind. Doch ich möchte nicht abschweifen, denn das geschah in einer anderen Zeit und die Schatten dieser Ereignisse sind an diesem Punkte meiner Geschichte noch sehr weit entfernt.

    Teil III (zurück)

    Neben Frau Krall ging einer ihrer Söhne. Er hieß Peter und war so alt wie wir. Sie hatte den Arm auf seine Schulter gelegt und er schmiegte seinen Kopf an ihre riesige Hüfte. Wir verachteten ihn. Nicht nur, weil seine Arme wie Streichhölzer aussahen, sondern auch weil er ein Muttersöhnchen war. Außerdem stank er. Sie betraten den Laden und der alte Helpenstein begegnete ihnen mit jener Freundlichkeit, die er allen Menschen angedeihen ließ, die Geld in sein Geschäft brachten. Frau Krall schob zwei Einkaufswagen vor sich her und kaufte, was sie immer kaufte. Acht Kästen Bier und fünfzig Kilo Kartoffeln. Als sie an der Kasse stand, hustete sie und es klang, als sei ihre Lunge mit Wasser und Reißnägeln gefüllt. Darauf hin entspann sich einer jener Dialoge, die unweigerlich bei jedem Einkauf stattfinden mussten , denn der Gestank war dem Alten ein Dorn im Auge.
    „Leve Frau, wenijer rauchen ist jesünder.“ Der alte Helpenstein bemühte sich, seinen rheinischen Dialekt zu verbergen. Aber er bemerkte nicht, wie vergeblich es war.
    „Isch rauch schon lang nimmie. Nur noch Zijarre.“
    Mit diesen Worten schob sie ihren Einkauf aus dem Geschäft heraus und überquerte damit die Straße. Sie hatte genügend Kraft, um mit jeder Hand einen Wagen zu steuern. Erst in diesem Augenblick bemerkten wir, dass Peter nicht mehr bei ihr war. Stolz grinsend stand er neben uns. Er hatte eine Familienpackung Fürst Pückler Eis in der Hand.
    „Ich habe heute Geburtstag.“ sagte er. Wir versuchten ihn zu ignorieren. Aber er setzte sich zu uns und holte drei Plastiklöffel hervor.
    „Wollt ihr?“
    Wir schüttelten den Kopf und zeigten auf den Mülleimer. Er zuckte mit den Schultern und begann zu essen. Wir rückten noch ein Stück weiter von ihm ab und grinsten, denn es war uns klar, dass ihm unweigerlich schlecht werden würde. Aber ich glaube, er wusste es auch.

    Teil IV (zurück)

    Schon nach einigen Löffeln wurde er langsamer. Aber er gab nicht auf. Sein spitzer Adamsapfel bewegte sich wie ein Chamäleon. Als er schon kaum noch schlucken konnte, hielt er plötzlich inne und betrachtete die Platane. Die Nachmittagssonne beschien sein Gesicht und erst jetzt sah ich, wie schmutzig es war. Zuerst dachte ich, er wollte Zeit gewinnen. Aber nach einiger Zeit zeigte er hinaus auf die Straße.
    „Das sieht aus wie ein Meer. “ sagte er und ich sah den Traum eines Ozeans in seinen Augen. Ich versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. Manchmal genügt ein einziger Augenblick, um die Einsamkeit zu durchbrechen, mit der wir uns umgeben.
    „Warst du überhaupt schon mal am Meer?“
    „Nee, aber ich hab ein Buch darüber.“
    Malek zuckte mit den Schultern. Erst heute, da ich an diese Begebenheit zurückdenke, wird mir klar, dass Peter Krall nicht den Dialekt unseres Dorfes sprach. Die meisten Mitglieder seine Familie verachteten ihn wahrscheinlich dafür. Er verwendete eine klare, einfache Sprache, die er sicher nicht zuhause gelernt hatte. Vermutlich stammte sie aus den Büchern, die er aus der katholischen Bücherei entlieh und erst nach Monaten wieder zurück brachte. Nicht einmal die Leiterin hatte den Mut, die Gebühren einzufordern, die er hätte entrichten müssen. Aber er wäre ohnehin nicht in der Lage gewesen sie zu bezahlen.
    Als er den Boden des Fürsten Pückler erreicht hatte, blickte er uns triumphierend an. Er zerdrückte die Pappe zwischen den Fingern und ließ sie fallen. Die letzten Reste schmolzen noch zwischen seinen Lippen, liefen die Mundwinkel herab und vermischten sich mit dem Dreck, der sein Gesicht bedeckte. In diesem Moment ertönte die Stimme seiner Mutter. Seine Haut wirkte plötzlich blass. Ich konnte sehen, wie die Übelkeit in ihm aufstieg.
    „Peeeter! Peeeter!“
    Sie lief ihren eigenen Worten hinterher und ihr Körper war eine einzige Bewegung.
    „Isch such disch die janze Zeit du Blötschkopp.“
    Er begann zu würgen.
    „Höre mal, Fürst Pückler, wo is denn dat janze Eis?“
    „Ich hab doch Geburtstag heute.“ sagte er und schluckte seinen Mageninhalt wieder hinunter.
    Sie versetzte ihm eine Kopfnuss und gleich darauf eine Ohrfeige. Er begann zu weinen. Aber ich glaube, dass ihm die Schläge nichts ausmachten. Daran hatte er sich mit Sicherheit gewöhnt. Es war die Übelkeit. Er hustete und schnappte nach Luft. Seine Mutter erschrak ein bisschen und legte ihren gewaltigen Unterarm auf seine Schultern.
    „Is ja jood, is jood. Du biss minge Kleenste.“ sagte sie und drückte ihn an sich. Er würgte ein bisschen. Die ganze Zeit warteten wir darauf, dass er sich übergeben würde. Aber er enttäuschte uns.
    Als er mit seiner Mutter verschwand, durchquerte er den Raum aus fleckigem Licht, der sich unterhalb der Platane bildete. Ein seltsamer Glanz ging von ihm aus, als ihn die Sonne berührte. Die Strahlen schienen fast durch ihn hindurch zu fallen, als bestünde er aus Pergament. Er war so farblos, als hätte er die Haut eines Toten.

    (zurück)

    Matthias Gerhards 6. Apr, 22:35 | 4 Kommentare - Kommentar verfassen

    Pücklers Vol II

    Der zweite Teil der Fürst Pückler Geschichte hat es jetzt auch aus dem Moleskine heraus geschafft. Es gibt einige Änderungen am ersten Teil, die ich auch online stelle. Außerdem versuchte ich alles in einem einzigen Beitrag zu veröffentlichen, um die Navigation zu vereinfachen. Ich hoffe das führt nicht zu Verwirrungen.

    In meinem Kopf entstehen immer mehr Figuren. Die meisten habe reale Vorbilder oder sind Verschmelzungen verschiedener Personen. Aber es fällt mir schwer, auf die richtigen Namen zu verzichten. Aber das ist leider insbesondere im Fall von Frau Krall unerläßlich.
    Matthias Gerhards 1. Apr, 00:53 | 1 Kommentar - Kommentar verfassen

    Frieden ist langweilig (23.03.2007)

    Heute war ich mit meinem Sohn auf der Kickerwiese, die gleich neben unserem Haus liegt. Das war so ziemlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit einem Fußball in Berührung gekommen bin. Aber wenn man Kinder hat, muss man Opfer bringen.
    Wir benutzten nur auf ein Tor, weil das andere von einigen anderen Jungs besetzt wurde. Sie spielten ein eigentümliches Spiel. Der Torwart zählte und die anderen flüchteten. Bei Fünf blieben alle stehen und er musste versuchen einen der Mitspieler abzuschießen. Sie durften ausweichen, aber nicht weglaufen. Gelang es ihm, musste der Getroffene ins Tor.

    In diesem Augenblick erinnerte ich mich an meine eigene Kindheit und an eines der Spiele, die wir uns damals ausdachten. Es war Winter und der erste Schnee bedeckte die Felder. Mein türkischer Freund Malek kam vorbei und brachte seinen Schlitten mit. Wir gingen zum alten Bahndamm und fuhren den Abhang hinunter. Er war so steil, dass man sich kaum oben halten konnte. Jede Unebenheit und jede Wurzel führte unweigerlich zu einem Sturz. Das machte einen unbeschreiblichen Spaß. Nachdem wir uns schon ungefähr hundert Prellungen zugezogen hatten, tauchen plötzlich drei andere Kinder auf. Sie waren unsere Feinde, denn sie leben auf der anderen Seite des Dorfes. Aber an diesem Tag vereinte uns die Freude des ersten Schnees und wir bemerkten, dass unsere Feindschaft grundlos war. Doch es bleibt nicht nur bei einer Gefechtspause. Bald entwickelten wir ein Spiel. Es hieß: Die Abfahrt des Todes. Seltsamerweise trugen die meisten Spiele meiner Kindheit einen Namen. Eines hieß: Die Todeskurve. Ein anderes: Der Herrscher des Abgrundes. Dabei musste mindestes eine lebensbedrohliche Gefahr im Spiel sein.

    Die Abfahrt des Todes funktionierte ungefähr so: Ein Spieler steht in der Mitte der Schlittenbahn und wartet. Er wird der Fänger genannt. Die übrigen dürfen fahren, ihren Schlitten allein runter schicken oder auf dem Hosenboden rutschen. Die Reihenfolge spielt keine Rolle. Am besten starten alle gleichzeitig, weil dann ein Sturz am wahrscheinlichsten ist. Der Fänger muss einen der Spieler von seinen Schlitten stoßen und in den Abgrund befördern, der sich jenseits der Bahn auftat. Dort fiel das Gelände noch steiler ab und am Ende lagen einige alte Eisenbahnschwellen, denen man besser ausweichen sollte. Wer heil unten ankam, wurde der nächste Fänger. Falls man jedoch eine Schwelle touchierte, war man gezwungen eine Runde aussetzen. Schon wegen des Schmerzes. An diesem Nachmittag waren wir so glücklich, dass wir Arm in Arm die Felder überquerten und erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder in unsere Elternhäuser zurückkehrten. Am nächsten Tag trafen wir uns wieder. Aber das Spiel hatte seinen Reiz verloren. Wir machten einige lustlose Versuche, aber es war nicht mehr das Gleiche. Nach kaum einer Stunde begannen wir wieder uns mit Steinen zu bewerfen. Der Frieden war langweilig geworden.
    Matthias Gerhards 23. Mrz, 23:14 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    The Way I found Van Morrision (Vol I-IV)

    Vol I | Vol II | Vol III | Vol VI

    Seitdem ich denken konnte, wurde ich von Alträumen heimgesucht. Meistens verfolgten mich Tiere oder Menschen mit dem festen Willen mich zu töten. Manchmal trachteten mir auch Vogelmenschen oder geflügelte Wölfe nach dem Leben. Aber in dieser Nacht war alles anders. Ein Engel jagte mich. Er hatte kalte Augen und aus seinem Mund kamen keine Worte, sondern verzerrte, jaulende Töne. Es war, als würde alle toten Rock Gitarristen auf den Harfen des Himmels spielen. Als ich endlich gestorben war, begriff ich plötzlich, dass nur der Engel ein Teil meines Traumes gewesen war. Der Lärm existierte wirklich.

    Draußen vor unserem Haus spielte jemand „The Wind Cries Mary“. Die Klänge der Gitarre bewegten sich wie Schiffe durch die Nacht. Sie schienen einen verborgenen Raum in der Dunkelheit zu öffnen, als würde ein neuer Ozean erwachsen. Für einige Augenblicke verschwand ich in den Tiefen des Klangs.

    Es war fast zwei Uhr. Ich war erst vierzehn, aber selbst ich wusste, dass Jimmy Hendrix schon seit zehn Jahren tot war. Außerdem lag unser Haus alleine. Die nächsten Nachbarn lebten mehr als fünfzig Meter entfernt und hatten sicherlich noch niemals eine elektrische Gitarre aus der Nähe gesehen. Doch als ich endlich meine Trägheit überwunden hatte und aus dem Bett sprang, kehrte plötzlich Ruhe ein.

    Draußen war nichts zu sehen. Die Hunde schliefen. Sogar die Lämmer waren still, die sonst unentwegt nach ihren Müttern riefen. Ich kontrollierte das Radio, den Fernseher und die Stereoanlage meiner Eltern. Nichts.

    Am nächsten Morgen stand ein Lastwagen vor dem Haus unserer Nachbarn. Es war ein Umzugswagen. Ein kleiner Mann mit schütteren Locken entlud die letzten Kleinteile und grinste mich an. Er trug eine Jeans und die Fingernägel seiner rechten Hand waren erstaunlich lang. Als ich ihn nach einiger Zeit noch immer von der anderen Straßenseite aus beobachtete, kam er zu mir herüber und schüttelte mir die Hand. Er hieß Volker, arbeitete als Laborant bei Bayer, hatte eine etwas schrille Frau und zwei Kinder. Sie waren so nervig, dass es zwanzig Jahre dauern sollte, bis ich es selbst wagte eine Familie zu gründen. Erst heute weiß ich, dass seine Kinder ganz normal waren. Er war Maler und Musiker.
    ~ zurück ~
    Volker war einer der tiefsinnigsten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe. Wenigsten in meiner Erinnerung. Er hatte kein Abitur. Aber er studierte die griechischen Klassiker mit dem gleichen Interesse wie er Rockmusik hörte oder Ginsberg und Hubert Selby las.

    Nachdem sie eingezogen waren, klopfte ich Woche für Woche an seine Tür. Immer öffnete seine Frau. Sie hieß Ruth und lud mich jedes Mal zum Abendessen ein. Es war ein Ritual. Volker saß in seinem Atelier, dem kleinsten Raum in der Wohnung. Es war voll gestopft mit Schallplatten, Bildern, Leinwänden, einer elektrischen Gitarre, einem Klavier und einem urwaldartigen Gestrüpp von Pflanzen, die Ruth in der ganzen Wohnung verteilte. Er saß auf einem Klappstuhl aus Metall und schien immer glücklich mich zu sehen. Jedenfalls gelang es ihm diesen Eindruck zu erzeugen.

    Wann immer ich bei ihm auftauchte, hatte er eine Stunde Zeit, um sich die Tragödie meiner Jugend anzuhören. Ich war vierzehn oder fünfzehn und in einem desaströsen Zustand. Er hörte zu und zerstreute meinen Kummer durch Schweigen. Er war einer jener seltenen Menschen, die über ein intaktes Erinnerungsvermögen verfügten. Und er war ehrlich zu sich selbst.

    Sobald ich in Selbstmitleid verfiel, begann er über Musik zu sprechen. Fast alles, was ich über Rockmusik weiß, geht auf ihn zurück. Bei ihm hörte ich das erste Led Zeppelin Stück. In seinem Arbeitszimmer lernte ich Clapton, J.J. Cale und Steve Ray Vaughan und Johnny Winter kennen. Aber auch John Lee Hooker und Lightnin' Hopkins. Irgendwann nahm er eine Kassette für mich auf. Darauf waren Hendrix, Cocker, Ray Charles und ein Pausenfüller, der in der Mitte abbrach, als das Band zu Ende war.
    ~zurück ~
    Die Musik löste etwas Seltsames in mir aus. Ich war wie Zuhause in diesem Klang. Er war nicht besondern virtuos oder neuartig. Aber es war meine Musik, mein Sound. Ich hörte das Lied über sechs Wochen hinweg mindestens dreißig Mal pro Tag. Bis meine Eltern ernsthaft darüber nachdachten, mich doch in die Jugendpsychiatrie einliefern zu lassen. Aber leider besaß ich keine Stereoanlage, sondern nur einen schäbigen Kassettenrecorder. Er war einer der Gründe, weshalb ich noch immer keinen Sex hatte. Außerdem fraß er Bänder. Und es dauerte nicht lange, bis er auch diese Kassette auf dem Gewissen hatte. Dabei knickte er sein Opfer ungefähr hunderttausend Mal, bis es in eine Streichholzschachtel gepasst hätte. Nachdem ich das Band wieder aufgespult hatte, war von meinem Lied nicht mehr übrig, als ein dumpfes Grollen. Das Geräusch eines sterbenden Traktors.

    Ich war verzweifelt. Aber noch verzweifelter wurde ich, als ich feststellen musste, dass auch Volker mir nicht helfen konnte. Er hatte es einfach vergessen. Schließlich war es nur der Pausenfüller gewesen. Aber er versuchte es redlich. Jede Woche machten wir ein paar Experimente. Aber mein Stück stammte weder von Rory Gallagher, noch waren es die Pouges und schon gar nicht Screamin' Jay Hawkins. Ich versuchte Volker auf die Sprünge zu helfen. Aber meine Gesangskünste waren spärlich.

    Nach und nach verlor ich das Interesse. Auch diese Narbe verheilte. Aber die Stimme und jenen besonderen Klang der Musik, vergaß ich niemals. Den Text hatte ich nicht verstanden, denn mein Englisch genügte in dieser Zeit kaum für die Schule. Dennoch wurde dieser Sound so etwas wie meine erste Liebe. Ein Traum, der seine Leuchtkraft gerade deshalb behielt, weil er niemals in Erfüllung ging. Es war, als würde die Schönheit eines fremden Landes vor meinen Augen entstehen. Klippen begrenzten es und Hügel lagen darin. Die Musik war wie eine Erzählung von Dylan Thomas.
    ~zurück~
    In dieser Zeit begann ich zu reisen. Aber weil ich in jugendlicher Armut lebte, musste ich mich auf Europa beschränken. Meine Reisekassen waren stets so klein, dass nur Fortbewegungsmethoden in Frage kamen, die buchstäblich nichts kosteten. Ich durchquerte den gesamten Kontinent mit einem Fahrrad. Damit meine ich, dass ich von Köln bis nach Gibraltar gefahren bin. In knapp vier Wochen. Durch England und Schottland brachte mich ein Fischlastwagen. Die Niederlande, Belgien und Frankreich habe ich wieder auf einem Plastiksattel bereist. Irland durchquerte ich zu Fuß.

    In Limerik, einer sehr schmutzigen Stadt, hörte ich etwas, das meinem Lied glich. Es war in einem Pub und ich bestürmte sofort den Barmann, er möge mir verraten, was das für eine Musik war. Nach einem längeren Disput unter den anwesenden Gästen, den ich nicht verstand, verkündete man mir, dass es sich um „Van Morrison“ handelte. Ich dachte sofort: „Der Mann, den sie Kleinlastwagen nannten.“ Aber jetzt hatte ich einen Namen. Später erfuhr ich, dass „Van“ die Kurzform von Ivan war. Ein nicht eben besondern langer Name.

    Noch auf der Insel kaufte ich meine erste Platte. Es war die „Astral Weeks“. Leider habe ich sie später wieder verloren. Aber das ist eine andere Geschichte. Mein Lied war nicht darauf. Aber das machte nichts, denn ich hatte gefunden was ich suchte. In diesem Augenblick wurde die Welt ein Stückchen größer, der Himmel schien blauer als sonst und ich legte ein kleines Stück meiner jugendlichen Verzweiflung ab. Bis heute kann ich nicht erklären, was mich an dieser Musik begeistert. Aber vielleicht gibt es für jeden Menschen auf dieser Welt einen besonderen Klang. Einen Sound, der den Zustand unserer Seele ausdrückt.

    Erst zehn Jahre später, fiel mir das Lied wieder in die Hände. Damals hatte ich schon fast alles von Van Morrison einmal besessen und habe es bei Umzügen und Trennungen wieder verloren. Ich hörte das Stück bei einem Freund, der kaum mehr als fünf CDs besaß und glaubte, dass es sich um Van Halen handelte. Mein Lied hieß „Dweller on the Threshold“, Siedler auf der Schwelle und hatte einen völlig idiotischen, esoterischen Text. Aber das machte nichts. Denn selbst, wenn ich es heute höre, kann ich jederzeit in Tränen ausbrechen, weil es so schön ist. Aber das passiert natürlich nicht, weil ich die letzten zwanzig Jahre meines Lebens darauf verwendet habe, erwachsen zu werden.
    Matthias Gerhards 19. Mrz, 22:01 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Am Anfang war die Leihbücherei

    Die katholische Leihbücherei lag neben dem alten Friedhof. Er wurde seit dem Krieg nicht mehr benutzt und war gesperrt. Eine Mauer schützte das Areal. Darin standen Eichen, die so alt waren wie die Welt. Sogar älter als mein Vater. Es gab nur eine Stelle direkt neben der Kirche, wo die Mauerkrone von einem Baum beschädigt worden war. Nach dem Firmunterricht zog ich mich an den brüchigen Ziegeln hoch, umfasste einen Ast und quälte mich auf die andere Seite hinüber. Der Friedhof war das schönste, was ich bis dahin gesehen hatte. Schöner als die Bilder von nackten Frauen im Gesundheitsbuch meiner Mutter.

    Die Eichen wurden von Efeu überwuchert, das überall herab hing und den Weg versperrte. Viele Grabsteine waren eingesunken oder von Ästen zu Fall gebracht worden. Veilchen und Vogelmiere bedeckten den Boden und verströmten einen unbeschreiblichen Duft. Es gab mehr Schmetterlinge als im Rest des Dorfes und über allem schien ein Schatten zu liegen. Die Zeit schlief an diesem Ort. Sie lag bei den Toten und hatte aufgehört zu sein. Aber das schönste waren die Grabsteine. Stundenlang vertiefte ich mich in die Namen der Verstorbenen und versuchte mir ihr Leben vorzustellen. Die Ältesten lagen bereits mehr als zweihundert Jahre an dieser Stelle. Wenn ich auf dem Friedhof war, veränderte ich mich. Mein anderes Leben schien sich aufzulösen und ich vergaß, wer ich war. Ich lebte in Vergessenheit. Für eine kurze Zeit war es, als beschützte mich der Tod vor meinem Leben.

    Fast ein halbes Jahr lang besuchte ich den Friedhof, ohne einem Menschen davon zu erzählen. Bis zu jenem Tag, als ich das Gitter entdeckte. Es lag am anderen Ende des Geländes und ersetzte einen Teil der Mauer. Jenseits der Eisenstäbe befand sich der Hintereingang der katholischen Leihbücherei. Als ich einen Blick durch das Fenster warf, sah ich in die Augen einer alten Frau. Die Leiterin der katholischen Hauptschule, die ich besuchte. Sie sprang sofort auf, schloß das Gittertor auf und holte mich heraus. Den Friedhof zu betreten war verboten. Sie zerrte mich in die Bibliothek und gab mir eine Ohrfeige. Ich hatte sie erschreckt.

    Meine Wangen brannten. Frau Lamboi hatte einen harten Schlag, denn sie war in Übung. Auch in der Schule hatte sie die Angewohnheit sich mit schnellen kurzen Schlägen Respekt zu verschaffen. Sie war vermutlich die letzte Frau des 20. Jahrhunderts, die sich mit Stolz als alte Jungfrau bezeichnete. Die einzigen Kleidungstücke, die sie zu besitzen schien, waren Faltenröcke und karierte Blusen. Dazu trug sie Gesundheitsschuhe und hautfarbene Strumpfhosen, die vollkommen lichtundurchlässig waren.

    Nachdem sie mich geschlagen hatte, war ich für einige Augenblicke benommen. Der Schreck der Entdeckung steckte mir noch in den Gliedern. In diesem Moment erkannte Frau Lamboi ihre Chance. „Willst du einen Leseausweis beantragen?“ fragte sie in ihrer harmlosesten Stimme.
    Ich zuckte mit den Schultern. Es gab hier weder Videokassetten, noch Schallplatten. Nur Bücher. Frau Lamboi deutet meine Geste als Zustimmung und bereitete einen Ausweis für mich vor. Sie überreichte ihn feierlich und führte mich in die Abteilung für katholische Literatur.

    Unter den vielen hundert Bänden befanden sich Werke wie: Die Lebensgeschichte Papst Gregor IX oder: Der Katechismus im Wandel der Zeiten und die Romane von Werner Bergengruen. Aber eines der Bücher kann mir bekannt vor. „Don Camillo und Peppone“. Ich hatte den Film gesehen. In meiner Verzweiflung lieh ich es aus. Frau Lamboi war zufrieden und lobte mich, denn es war ein katholisches Buch.

    Am nächsten Tag brachte ich es zurück. Es hatte kaum einen Nachmittag gedauert, bis ich es zu Ende gelesen hatte. Diese vier Stunden, die ich mit den Figuren Guareschis zubrachte, veränderten mein Leben. Ich begann zu lesen. Zuerst nahm ich alles, was mir in die Hände fiel. Konsalik, Remarque, Simmel, Uris, Winter, Baldwin, Homer, Grimmelshausen, Sinclair, aber auch Tucholsky, Kästner und Heine. Nach einiger Zeit entdeckte ich, dass es in Bücherei eine Abteilung für klassische deutsche Literatur gab und eine andere für die Moderne. Als ich nach ungefähr fünf Jahren die Hauptschule verließ, um eine höhere Schule zu besuchen, hatte ich beide vollständig gelesen.
    Matthias Gerhards 1. Feb, 06:37 | 6 Kommentare - Kommentar verfassen

    Am Anfang war die Leihbücherei I

    Die katholische Leihbücherei lag neben dem alten Friedhof. Er wurde seit dem Krieg nicht mehr benutzt und war gesperrt. Eine Mauer schützte das Areal. Darin standen Eichen, die so alt waren wie die Welt. Sogar älter als mein Vater. Es gab nur eine Stelle direkt neben der Kirche, wo die Mauerkrone von einem Baum beschädigt worden war. Nach dem Firmunterricht zog ich mich an den brüchigen Ziegeln hoch, umfasste einen Ast und quälte mich auf die andere Seite hinüber. Der Friedhof war das schönste, was ich bis dahin gesehen hatte. Schöner als die Bilder von nackten Frauen im Gesundheitsbuch meiner Mutter.

    Die Eichen wurden von Efeu überwuchert, das überall herab hing und den Weg versperrte. Viele Grabsteine waren eingesunken oder von Ästen zu Fall gebracht worden. Veilchen und Vogelmiere bedeckten den Boden und verströmten einen unbeschreiblichen Duft. Es gab mehr Schmetterlinge als im Rest des Dorfes und über allem schien ein Schatten zu liegen. Die Zeit schlief an diesem Ort. Sie lag bei den Toten und hatte aufgehört zu sein. Aber das schönste waren die Grabsteine. Stundenlang vertiefte ich mich in die Namen der Verstorbenen und versuchte mir ihr Leben vorzustellen. Die Ältesten lagen bereits mehr als zweihundert Jahre an dieser Stelle. Wenn ich auf dem Friedhof war, veränderte ich mich. Mein anderes Leben schien sich aufzulösen und ich vergaß, wer ich war. Ich lebte in Vergessenheit. Für eine kurze Zeit war es, als beschützte mich der Tod vor meinem Leben.

    Fast ein halbes Jahr lang besuchte ich den Friedhof, ohne einem Menschen davon zu erzählen. Bis zu jenem Tag, als ich das Gitter entdeckte. Es lag am anderen Ende des Geländes und ersetzte einen Teil der Mauer. Jenseits der Eisenstäbe befand sich der Hintereingang der katholischen Leihbücherei. Als ich einen Blick durch das Fenster warf, sah ich in die Augen einer alten Frau. Die Leiterin der katholischen Hauptschule, die ich besuchte. Sie sprang sofort auf, schloß das Gittertor auf und holte mich heraus. Den Friedhof zu betreten war verboten. Sie zerrte mich in die Bibliothek und gab mir eine Ohrfeige. Ich hatte sie erschreckt.
    Matthias Gerhards 29. Jan, 23:19 | 4 Kommentare - Kommentar verfassen

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