Eine kurze Geschichte der Welt in sehr kleinen Teilen. In diesem Blog geht es um Literatur, Politik, Wissenschaft und Technologie, weil es der Autor noch nie anständig entscheiden konnte.

private projekte




  • Exposé
  • Die ersten Kapitel

    Erzählungen:


  • Am Geburtstag des Fürsten ...
  • The Way I Found Van Morrison
  • Am Anfang war die Leihbüch...
    Unvollendetes
  • Die sieben Dinge meines Lebens
  • Der fuenfte Meridian

    Das Geschenk der Königin (23)

    Inzwischen hatten wir das Nordhaus erreichten. Bei jedem Schritt schlugen unsere Ketten auf den Boden. Wir bewegten uns durch eine Kakophonie aus Metall. Diener und Beamte schreckten aus dem Schweigen ihrer Verrichtungen empor und steckten ihre Köpfen aus den Eichentüren. Die Flüche erstarben auf ihren Lippen, als sie unseren Führer erblickten. Der Engländer führte uns weiter, bis wir endlich vor einer Flügeltüre halt machten. Sie war aus Eiche und in der Mitte zeichnete ein Relief in sieben Stationen den Lebensweg des christlichen Messias nach. Sein Gesicht wirkte fleischig und etwas plump. Dennoch war jede Falte seines Kleides und jede Haarsträhne mit einer Genauigkeit ausgearbeitet worden, dass ich unwillkürlich zurück wich. Auch der Raum dahinter wirkte auf meine Seele wie ein Angriff aus Farben und Formen. Die Wände waren bis zur Decke mit leuchtenden Bildern geschmückt. Erst aus der Nähe erkannte ich, dass es sich um Mosaike handelte. Sie bestanden aus winzigen Kacheln, die kaum größer waren als der Nagel meines kleinen Fingers. Darstellungen von Palmen, Leoparden, Löwen, Kamele und einigen Rüsselschweinen reihten sich an ornamentale Flächen. An der Seitenwand hingen drei seltsame silberne Scheiben von der Größe eines ausgestreckten Arms. Erst nach einiger Zeit erkannte ich, dass darin die Teile der bewohnbaren Welt eingraviert waren. Europa, Afrika und Asien. Es schienen in Silber gegossene Darstellungen der Welt zu sein. Sie ähnelten den Abbildungen in jenem Werk des Erastosthenes, das mir in Lissabon zum Verhängnis geworden war.
    ~
    Als der König sicher sein konnte, dass wir alle den Raum betreten hatten, erhob er sich langsam und wandte uns sein Gesicht zu. Ich erschrak und wich unwillkürlich zurück. Im Gesicht des Herrschers erkannte ich die Züge des Messias, der auch auf der Eingangstüre abgebildet war. Der König war ein großer, schwerer Mann, mit einem langen, kräftigen Hals und breiten Schultern. Seine Haare waren hell wie schmutziger Sand und seine Haut etwas teigig. Furchen hatten sich um seinen Mund eingegraben, aber seine Stirn war glatt. Seine leuchtenden, blauen Augen wanderten beständig umher, als suchten sie in jedem Augenblick ein neues Ziel.
    Er lächelte und blickte die Königin an, dann verbeuge er sich tiefer als nötig gewesen wäre. Er deutete einen Handkuss an. Die Königin lächelte nicht, aber ihre Augen glänzten. Der Sizilianer kehrte von seiner Verbeugung zurück wie von einer Reise. Er stand nun so nah bei der Herrscherin, dass er sie leicht hätte berühren können.
    „Verehrte Majestät, Königin von Frankreich, Herzogin von Aquitanien ihr seid die größte Frau des Abendlandes. Eure Macht und der Ruf eurer gottgefälligen Taten strahlt weit über die Grenzen eures Landes hinaus.“
    Bei der Aufzählung ihrer Titel lächelte sie. Doch der König hatte seinen Vorrat an Schmeicheleien noch nicht aufgebraucht.
    “Aber noch mehr als den Glanz euer irdischen Besitztümer bewundere ich eure Schönheit. Sie strahlt heller als alles Licht des grenzenlosen Universums. Hätte ich euer Kommen geahnt, würden nun meine Hofpoeten einige Verse zu euren Ehren sprechen.“
    Sarazin lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. Er blinzelte mit einem Auge und beugte sich zu mir herüber. „Hier hat wohl der Hofpoet schon Hand angelegt.“
    Ich verstand nicht sofort, was er meinte und fürchtete, dass die Königin ihn flüstern hörte. Aber sie beachtete uns gar nicht.
    „Verzeiht, wenn ich euch beim Namen nenne, Eleonore. Aber ihr seid die vornehmste und schönste Herrscherin des Abendlandes. Lasst uns einander betrachten wie Verwandte. Denn schließlich waren eure und meine Vorfahren Franzosen. Sprösslinge des gleichen Landes. Verfügt über meine Paläste und bleibt solang es euch beliebt. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass euer Schiff wieder seetüchtig gemacht wird. Falls Ihr abzureisen gedenkt, steht euch meine Flotte zur Verfügung. Sie wird euch geleiten, wohin Ihr es wünscht“.
    Die Königin lächelte ohne die Augen zu bewegen.
    „Verehrter Roger, König von Sizilien, Apulien und Kalabrien ich danke euch für die Ehre eurer Gastfreundschaft. Mein Schiff wurde von der Flotte meines Gemahls getrennt, als uns byzantinische Piraten angriffen. Sie waren ruchlos, so viel steht fest. In eurem Fall bin ich nicht so sicher.“
    Sie lächelte und fuhr fort.
    „Ich zweifele nicht daran, dass wir in eurem Palast mit den größten Ehren aufgenommen werden. Vermutliche werden wir Dinge sehen, die am Hof von Paris auf neidvolles Erstaunen stießen. Aber kann ich mir sicher sein, dass ich eure edle Gastfreundschaft nicht gegen Lösgeld werde eintauschen müssen?“
    Der König blickte sie zunächst überrascht an, dann bildete sich in wenigen Augenblicken eine leichte Rötung auf seiner Stirn. Sie schien blitzschnell zu wachsen. Der Raum war erfüllt von seinem Zorn. Er richtete sich auf und schien mit seinem massigen Kopf die Decke zu berühren.
    Unwillkürlich duckte ich mich, denn der Ausdruck in den Augen des Sizilianers ließ keinen Zweifel daran, dass er bereit war zu töten. Die Leibwachen der Königin traten einen Schritt zurück und griffen in einer absurden Gleichzeitigkeit nach ihren Schwertern. Der König beachtete sie nicht, sondern beugte sich langsam zur Königin hinab. Sie wich nicht einen Zoll zurück. Sondern blickte ihn unverhohlen an, als könne sie nichts erschüttern. Dann plötzlich lächelt er, mitten in die unausgesprochene Drohung hinein.
    [...]
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    Matthias Gerhards 18. Jul, 22:13 | 4 Kommentare - Kommentar verfassen

    Das Geschenk der Königin (22)

    Mein Herz schlug bis zum Hals. Der Schiffszimmermann verschwand im selben Augenblick, um sein Werkzeug zu hohlen.
    „Die Verletzten sollten wir ebenfalls zum Palast bringen. Dort gibt es die besten Ärzte, die ihr in der christlichen Welt finden könnt.“ schlug der Kanzler vor.
    „Ihr werdet am Hofe König Rogers nicht nur Schönheit, sondern auch Klugheit und Weisheit finden. Der König hat Gelehrte aller Wissenschaften um sich versammelt, Ärzte, Astronomen und Geographen, aber auch Beamte verschiedener Länder, welche die besten Ratgeber sind.“
    „Sie sind allesamt Sarazenen, nehme ich an?“ sagte die Königin etwas verächtlich. Sie benutzte das Wort so, wie Sarazin alle Menschen ‚Franken' nannte, deren Herkunft er nördlich von Damaskus vermutete.
    „Einige sind in der Tat spanische oder marokkanische Mauren. Andere Araber aus dem alten Kalifengeschlecht der Umayaden. Und manche Normannen oder Engländer. So wie meine bescheidene Person. In meiner Kanzlei werden Urkunden in allen drei Sprachen der Welt ausgestellt. Ihr werdet es sehen.“
    „Und welches sind die drei Sprachen eurer Welt?“ fragte die Königin.
    „Arabisch, Griechisch und Latein.“
    ~
    Der Schiffszimmermann löste den eisernen Ring, an den wir gekettet waren. Er führte uns hinunter, während die Araber eine Gasse durch die Menschenmenge bildeten. Inzwischen hatte sich der gesamte Hafen mit Neugierigen gefüllt. Aber keiner der Bewohner Palermos wagte es, näher als zwei Fuß an die gelben Soldaten heran zu treten. Nur einige Christen spuckten hinter ihrem Rücken aus.
    Zuerst wurden die Toten von Deck gebracht. Dann verließ die Königin das Schiff. Sie schritt unter dem Baldachin des Kanzlers durch die Menge als erwarte sie einen Kniefall. Dahinter folgten die normannische Leibgarde und schließlich Sarazin und ich. Wir waren durch Fußfesseln aneinander gebunden und bewegten uns träge, wie fußlahme Wildtiere. Außerdem schwankte der Boden unter unseren Füßen, weil wir das schaukelnde Deck eines Schiffes plötzlich gegen festen Grund eingetauscht hatten. Sogar die Königin, bewegte sich in kaum merklichen Schlangenlinien, als wäre sie noch auf einer schwankenden, hölzernen Plattform und nicht auf gepflasterten Wegen. Glücklicherweise kam die fränkische Herrscherin in ihrem gewaltigen Kleid nur sehr langsam voran, so dass wir trotzt der Ketten den Anschluss nicht verloren.
    Ein Stück hinter uns schleppten zwei Soldaten die Trage des Zeugmeisters. Sie verwünschten leise sein Gewicht. Seine Wunde hatte sich inzwischen geschlossen und nur ein wenig Wasser sickerte noch daraus hervor. Aber die Haut war bleich wie die Gesichter der Toten und er blickte wie sie mit leeren Augen in den Himmel. So zogen wir in einer langen Reihe langsam und schwankend durch die Stadt. Bis wir schließlich die Spitze des Palasthügels erreichten.
    Vor dem Gebäude öffnete sich ein großer Park, der von Dattelpalmen und Jasminbüschen begrenzt wurde. Er war eine Melodie, eine Komposition aus Weiß, Gelb und dem Grün alter Bäume. Rosen wuchsen hier, deren Blüten so üppig waren, dass sie überquollen vor Blättern. Dazwischen wucherten Lilien, deren gewaltige Kelche herabhingen von ihrem eigenen Gewicht. Sie verströmten einen fast körperhaften Duft. Dahinter blühte Ginster und der schwere Geruch des Jasmins legte sich über uns wie eine Decke. Zwischen den Büschen wuchsen Granatäpfel und Eichen. Die Bäume absorbierten einen Teil der Hitze und ließen diesen Ort wie das Zentrum des Paradieses erscheinen. Der Garten lag unmittelbar neben der Palastmauer. Sie bildete eine fast natürlich anmutende Begrenzung und wirkte wie ein Fels, der aus der Vegetation empor ragte.
    Als wir uns dem Haupttor näheren, das durch eine kleine Zugbrücke gesichert wurde, wandte sich der Kanzler an seine Begleiter.
    „Erlaubt, wenn ich euch ein wenig über dieses Gebäude berichte, das selbst den Palästen eurer Heimat in nur wenigem nachstehen dürfte.“
    Die Königin nickte und hob die Hand, damit unser Zug zum stehen kam.
    „Der König hat diesen Palast im Jahre 1112 erbauen lassen, als er die Hauptstadt seines Reiches von Messina nach Palermo verlegte. Den Grundriss hat der berühmte sarazenische Baumeister „Ibn ab del Mansu“ entworfen. der auch die Herrschaftssitz des Emirs von Damaskus erbaut hat. Beachtet die Türme. Der hintere wird Pisaner Turm genannt, weil er durch Steinmetze aus Pisa erbaut wurde. Dort befindet sich der Herrschersaal. Auf der anderen Seite erkennt ihr den arabischen Turm. Seine Fundamente und das Mauerwerk stammen noch aus der Zeit der Kalifen, als die Sarazenen über Palermo herrschten.“
    Dieses arabische Turmdach war mit weißlichen Ziegeln bedeckt, die von ferne schimmerten wie Glas. Der Kanzler schien nun seinen Vortrag beendet zu haben und führte uns hinein. Als wir das Tor durchquerten, schlug uns der Anblick des Palastes wie ein scharfer Wind aus Sinneseindrücken entgegen. Was wir zunächst für die Wände des Gebäudes gehalten hatten, war lediglich eine äußere Ummauerung, die an ihrer Basis mindestens zehn Fuß stark war. Erst im Inneren erhob sich der wirkliche Palast wie ein riesiger Quader, der auf drei Stockwerken von einem Band von Fenstern durchzogen wurde. Es war, als könne der Wind ungehindert durch die Mauern wehen. Die Fenster wurden jeweils durch zwei Spitzbögen gestützt, die auf einer Marmorsäule ruhten. Die gesamten Außenwände waren mit winzigen goldenen und weißen Kacheln bekleidet. Diese Ornamente schienen das Licht der Sonne zu verstärken und tauchten das Gebäude in eine Hülle aus Licht. Im hinteren Teil schloss sich eine Kapelle direkt an das Palastgebäude an.
    Überall zwischen der inneren und der äußeren Mauer waren blaue und rote Holzhütten direkt an das Gebäude gezimmert worden. Handwerker, Händler und Bürger bevölkerten die Wege. Sie wechselten von einer Werkstatt in die andere oder stellten ihre Waren in die Sonne. Vor den Hütten hing Seide, Brokat und Damast in allen Farben. Schmuck und Kleider wurden ausgestellt, die dem Gewand der Königin in nichts nachstanden. Teller, Lampen und sogar verzierte, goldene Rüstungen warteten auf einen Käufer oder vielleicht auf einen Höfling, der die bestellte Ware abholen würde.
    „Der König bittet darum, euch in seinen Privatgemächern empfangen zu dürfen.“ sagte der Kanzler mit einer albernen Verbeugung. Er führte uns ins Innere des Herrscherhauses. Nur die Toten blieben zurück.
    Als wir die Eingangspforte hinter uns gelassen hatten, durchquerten wir zunächst eine breite Halle. Dann betraten wir einen Säulengang. Er zog sich rund um einen Innenhof, der mit Jasmin, Oleander und Dattelpalmen bepflanzt war. Auf allen Stockwerken mündeten die Räume in eine Galerie, so dass sich die Türen wie Perlen auf einer Schnur aneinander reihten. Einige waren geöffnet, so dass ich über den Hof hinweg durch das ganze Gebäude hindurch schauen konnte. Das Gebäude schien transparent zu sein, wie ein steinernes Glas. Trotz meines erbärmlichen Zustandes konnte ich nicht umhin, diesem Palast des Lichtes eine eigentümliche Form von Achtung entgegen zu bringen.

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    Matthias Gerhards 15. Jul, 14:56 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Das Geschenk der Königin (21)

    Als sich die Prozession näherte, betrat die Herzogin von Aquitanien das Deck. Die Soldaten wichen einige Zentimeter zurück, als ginge ein Zauber von ihr aus. Nichts hatte die Ankunft der sizilianischen Prozession angekündigt. Es schien als habe eine Ahnung sie geleitet. Aber vielleicht hatte sie das Geschen auch nur durch eine Ritze in der Wand beobachtet.
    Sie trug nun das Kleid einer Königin. Es war aus purpurnem Damast gefertigt, der mit goldenen Rosen bestickt war. Auf dem geschlossenen Kragen hatten die französischen Schneider Perlen und Bergkristall appliziert ohne dass auch nur ein einziger Faden sichtbar geworden wäre. Das Gewand schien wie ein Teil der göttlichen Schöpfung. Die Steine schimmerten, als spiegelten sie das Licht des mitternächtlichen Sternehimmels und tauchten ihr Gesicht in eine klare, übernatürliche Helligkeit. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrem Hals und liefen in den Kragen hinab.
    Nun da der Würdenträger die Menschenmenge erreichte, bildete sich eine Gasse. Aber sie war nicht breit genug. Als sich die Träger hindurchzwängten, fiel der Baldachin in sich zusammen. Er berührte den Kopf des hoch gewachsenen Mannes und wirkte wie ein getrockneter Pfirsich. Sarazin grinste. Einige Straßenjungen johlten. Aber niemand sonst wagte es auch nur eine Miene zu verziehen. Auch der Würdenträger ließ sich nichts anmerken und ging aufrecht weiter. Erst als er die Hafenmauer erreichte, schälte er sich aus dem Stoff. Mit einer erstaunlichen Wendigkeit betrat er den Landungssteg.
    Die Königin stand reglos an Deck. Die arabischen Besatzer hielten ihre Augen auf die Leibgardisten gerichtet und warteten auf einen Kampf. Aber die Herzogin von Aquitanien schien die Anspannung nicht einmal zu bemerkten. Nichts deutete darauf hin, dass sie mit ihrem blutüberströmten, zerbrochen Schiff im Hafen Palermos gestrandet war. Noch weniger hätte ein uneingeweihter Betrachter vermutet, dass auch sie einem mehr als ungewissen Schicksal entgegen ging. Der hellhäutige Mann blieb nun einige Meter vor ihr stehen und wartete. Seine Soldaten versammeln sich hinter ihm, als gelte es die Gegenwart der normannischen Ritter auszugleichen. Die Königin betrachtete ihn grußlos, als wäre er ein Bittsteller, den sie gleich abzuweisen gedachte. Für einen Moment steigerte sich unsere Anspannung. Zwischen den Kämpfern entstand eine unsichtbare Saite, die langsam bis zum Zerreißen gespannt wurde. Die Gardisten hoben ihre Köpfe, fixierten die Araber und hofften auf ein Zeichen ihrer Herrin. Ihre Rüstungen waren noch mit Blut bedeckt. Sie rochen nach Schweiß, Kot und Urin. Dieser Geruch des Todes verlieh den abgekämpften Männern eine Aura der Verachtung für alles Lebendige, die selbst die Araber zu beeindrucken schien.
    Aber der sizilianische Würdenträger schien das Alles nicht wahrzunehmen. Er verbeugte sich fast bis zum Saum des königlichen Kleides. Und je tiefer er sich neigte, umso geübter schienen seine Bewegungen. Noch während er sich wieder aufrichtete, begann er zu sprechen.
    „Der König von Sizilien, des Herzogtums Apulien und Fürstentums Kapuas überbringt der Königin Frankreichs und Herzogin Aquitaniens, dem herrlichsten und gewaltigsten aller Länder des Okzidents, seine hochachtungsvollsten und ehrerbietigsten Grüße.“
    „Euer König neigt zu Übertreibungen, dabei ist er nicht einmal Italiener.“ antwortete sie. Der Würdenträger lächelte mit den Mundwinkeln, nahm aber sofort seine steife Haltung wieder ein. Auch die Stimme der Königin verstieg sich nun in einem salbungsvollen Ton.
    „Die Königin Frankreichs und Herzogin Aquitaniens erwidert den Gruß des Königs Roger von Sizilien, Apulien und Kapuas. Wir kommen aus dem heiligen Land und sind von einer byzantinischen Flotte verfolgt und überfallen worden, obwohl der Kaiser den Heeren der Kreuzfahrer freies Geleit und Proviant zugesichert hatte. Aber wir protestieren gegen unsere Gefangennahme durch Eure barbarischen, ungläubigen Söldner. Wir und auch unser Gemahl werden Vergeltung üben, wenn euer König gedenkt seinen Reichtum durch Lösegeld zu mehren.“
    Für einen Moment war der Diplomat sprachlos. Er lächelte.
    „Eurer Bitte um christlichen Beistand in Seenot wollen wir gerne nachkommen und euch im Königreich Sizilien mit allen Ehren einer Herrscherin empfangen. Ich selbst stehe euch als Diener stets zur Verfügung. Mein Name ist Robert von Selby. Ich bin der Kanzler des Königs. Um die große Freude über euren Besuch auszudrücken, trug er mir auf, euch ein kleines Begrüßungsgeschenk zu überreichen. Anschließend würde er sich glücklich schätzen, wenn ihr ihm eine Audienz gewährtet. Danach könnt ihr über seinen Palast verfügen oder zu eurem Schiff zurückkehren. Ganz wie es euch beliebt.“
    Er hob die Hand. Ein Diener brachte eine kleine Schatulle, die mit einem winzigen Schloss aus Silber versperrt war. Er öffnete es und hob den Deckel. Darin befand sich ein goldenes Horn an einer Kette. Die Glieder waren so fein gearbeitet, dass sie zu einem biegsamen schimmernden Faden verschmolzen. Für einen Moment verzog die Königin den Mund, denn das Geschenk war kaum größer als ihr kleiner Finger.
    „Was ihr dort seht, Majestät, ist die feinste Arbeit des Hofgoldschmiedes. Das Horn ist das Symbol dieser Insel. Diese winzigen Diamanten, die hier eingearbeitet sind, stellen den Sternehimmel dar.“
    Nun erst schien die Königin zu entdecken, wovon der Kanzler sprach. Sie beugte sich über die Schatulle und kicherte kaum hörbar. In einem einzigen Augenblick verwandelte sie sich in ein lächelndes Mädchen, das den nächtlichen Sternenhimmel bewundert.
    „Ein schönes Geschenk. Wenn auch etwas klein.“ sagte sie schließlich. Danach verschloss ihr Gesicht, als wäre es ein Fächer. Der Kanzler schien erreicht zu haben, was er wollte. Er verbeugte sich. Aber nun nicht mehr ganz so tief, wie beim ersten Mal.
    „Der König Siziliens wird erfreut sein, euch in seinem Palast zu begrüßen.“
    Eleonore warf einen letzten Blick auf die Schatulle. Seltsamerweise umwölkte sich ihr Gesicht. Es schien als habe sie etwas vergessen. Als würde sie noch etwas benötigen, auf das sie keinesfalls verzichten konnte. Ich spürte ihren Blick. Sie sah mich an. Er war wie ein kaltes Licht und ich musste gegen den Drang ankämpfen, meine Augen zu schließen. Dann hörte ich ihre Stimme.
    „Den Koch und den Juden werden wir mitnehmen.“

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    Matthias Gerhards 10. Jul, 22:19 | 3 Kommentare - Kommentar verfassen

    Das Geschenk der Königin (20)

    Nachdem der Lotse von Bord gegangen war, blieb es ruhig an Deck. Die Araber sagten kein Wort und Sarazin saß auf seiner Seite der Takelagekiste und hatte den Kopf in den Händen vergraben. Erst als die Sonne schon ihre morgendliche Kraft entfalte, versammelten sich eine Handvoll Menschen vor unserem Schiff. Es waren Händler in weiten, farbenprächtigen Röcken, Bedienstete des Königs, die in das gleiche Gelb gekleidet waren wie die arabischen Soldaten, Gassenjungen, einige Bettler und sogar ein paar neugierige Straßenhunde. Der Hafen gehörte zum Palastviertel und war nur durch ein einziges Tor mit der Stadt verbunden. Einige der Neugierigen waren fast so dunkelhäutig wie unsere Bewacher. Ihre Augen wurden von starken, manchmal zusammen gewachsenen Brauen umrahmt. Etwas Geheimnisvolles haftete ihnen an und etwas Ernstes. Eine andere Gruppe hatte die helle Haut der Normannen. Die südliche Sonne hatte sie gerötet und ließ sie dünn und durchsichtig erscheinen. Sie kleideten sich in echtes Purpur und in indische Blau. Es wurde von sehr weit her eingeführt und stellte das sicherste Kennzeichen des Reichtums dar. Dazwischen tauchte gelegentlich der spitze Hut eines Juden auf. Alle sprachen mit gedämpften Stimmen, als sei unsere Ankunft ein Geheimnis. Nach und nach aber wurde die Menge größer und das Flüstern lebhafter. Meistens verstand ich nichts. Nur gelegentlich konnte ich aus dem allgemeinen Gemurmel einzelne Worte heraus hören.
    „...meine Füße...“
    „...Unzucht...“
    „…Verzeihung, das war nur meine Hand…“
    „...wieder ein Schiff voller Heiden...“
    „…es werden immer mehr und ihre Macht wird jeden Tag größer…“
    „...schon wieder Sarazenen und Mohren?“
    „Oder Juden.“
    „Beides!“
    „Pfui!“
    „Einige scheinen Franzosen zu sein. Welche aus dem Geschlecht des Königs?“
    „...schlimmer noch, Kreuzzügler.“
    „Sie haben Schiffbruch erlitten. Oder unsere Flotte hat sie aufgebracht.“
    „Es sind Piraten, schaut euch ihre Gesichter an!“
    Weil die Nachrückenden nach vorne drängten, standen die Neugierigen nun bis zur Hafenmauer. Sie konnten den Bauch unseres Schiffes nahezu mit ihren Händen berühren.
    Plötzlich flog von hinten ein Stein. Aber er schien mit wenig Elan geworfen worden zu sein. Er erreichte kaum den Rumpf und fiel mit einem kläglichen Laut ins Wasser. Sonst geschah nichts. Vielleicht kam er von einem der Jungen, die weiter hinten standen.
    In diesem Augenblick hörte ich die ersten arabischen Worte. Es war ein komischer Dialekt. Jetzt begriff ich, dass die Worte, die ich zuerst nicht verstanden hatte, in diesem unreinen Arabisch formuliert worden waren. Die Vokale wurden dunkel und weich ausgesprochen, als seien sie warmes Wasser, das über die Lippen der Sprecher floss. Moslems und Christen standen dicht nebeneinander. Aber es schien, als bewegten sich in getrennten Welten. Kein Blick wurde gewechselt. Keine Geste verriet, dass sie einander wahrnahmen. Alle redeten laut über die Köpfe hinweg, um die fremde Sprache zu übertönen.
    „Ein fränkisches Schiff.“
    „Es scheinen auch ein paar Rechtgläubige dabei zu sein.“
    „Die meisten sind Ungläubige.“
    „Egal, sie sehen aus wie verhungert. Wenn sie an Land kommen brauchen sie etwas zu essen. Gleich an der Strasse gibt es einen Stand…“
    „Der gehört deinem Bruder!“
    „Na und?“
    „Ich habe gehört, er will den Glauben verlassen.“
    „Quatsch! Er macht Geschäfte mit dem Hof.“
    „Eben!“
    „Wer will schon Christ werden? Er betet und geht jeden Samstag in die Moschee!“
    „Alle machen Geschäfte mit dem Hof. Geschäfte mit Ungläubigen zu machen ist keine Schande.“
    „Heh, da fliegt ein Stein.“
    „Die Franken bewerfen ihr eigenes Schiff.“
    „Fanatische Hitzköpfe!“
    Auf der Hauptstrasse erschienen nun Soldaten. Sie waren seltsam bunt gekleidet. Der Trupp zog an den Marmorpalästen vorbei, die sich zu beiden Seiten der Strasse aneinander drückten und bewegte direkt auf unser Schiff zu. Von den Bergen fiel ein warmer Luftzug herab und kündigte die Hitze des Vormittages an. Nach den Wochen, die wir auf See zugebracht hatten, schien das Land eine windlose Einöde zu sein. Es war, als hätte uns das Schicksal zu ewiger Tatenlosigkeit verurteilt. In diesen Augenblicken der Stille, blieb uns nicht einmal mehr die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht. Die Soldaten bewegten sich langsam, als seien Sie Teilnehmer einer Prozession. Als sie näher kamen, erkannte ich, dass ich mit meiner Vermutung nicht ganz falsch gelegen hatte. Einige arabische Kämpfer gingen voran. Dahinter trugen Diener oder Sklaven einen Baldachin, der mit einem goldenen Löwen bestickt war. Darunter schritt ein Mann. Er war groß, hatte rötliche Locken und trug eine hölzerne Schatulle vor sich her.

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    Matthias Gerhards 6. Jul, 21:31 | 1 Kommentar - Kommentar verfassen

    Das Geschenk der Königin (19)

    Seine Urteile sind von vollkommener Gerechtigkeit, seine
    Geschenke wie tiefe Meere und überreiche Regenfälle.
    (Al-Idrisi, Das Buch Rogers, 1154)


    palast_byzantinischDer Hafen von Palermo bettete sich in eine Bucht, die von bewaldeten Felsen gebildet wurde. Dahinter begann das Palastviertel und jenseits davon breitete sich die Stadt aus, bis sie an den Fuß der Berge stieß.
    Die Häuser standen scheinbar ungeordnet und schienen von tausend Riesen in das Tal gewürfelt worden zu sein. Sie hatten drei oder vier Stockwerke und bestanden aus Lehmziegeln oder Sandstein. Die meisten Dächer waren flach und besaßen kleine Kuppeln, die in allen nur erdenklichen Farben leuchteten. Gold, Türkis, Blau, Grün und Rot. Sie glänzten im Licht der aufgehenden Sonne wie Edelsteine.
    Das Schiff steuerte auf vier riesige Kaianlagen zu. Sie waren aus Sandstein erbaut worden, der sonst nur für den Bau von Kirchen genutzt wurde. Wie gewaltige Finger ragten sie in die Buch hinaus. Zu beiden Seiten lagen die Schiffe der sizilianischen Flotte. Es waren flache Kampfschiffe mit lateinischen Segeln und einer Rudermannschaft. Sie waren mit Schlangen und Drachen bemalt, wie die Schiffe der Nordmänner. Mehr als zweihundert von ihnen lagen hier vor Anker und sie ließen nur eine schmale Rinne für uns frei.
    Ein hellhäutiger Lotse führte jetzt unser Ruder und manövrierte uns durch die Engstelle hindurch. Er war mit einer Barke an Bord gekommen, noch bevor wir in den Hafen eingelaufen waren. Aber er war nicht allein. Mehr als fünfzig Soldaten des sizilianischen Königs hatten schon auf See die Kontrolle über Schiff übernommen. Sie hatten die Byzantiner in die Flucht geschlagen und unser Schiff im Handstreich genommen. Jetzt standen sie am Ruder, bedienten die Segel, postierten sich vor den Gemächern der Königin und hielten die Leibwache der Königin in Schach. Es waren dunkle Kämpfer, die sich in einem fremdartigen Dialekt verständigten. Sie trugen spitze Helme, Krummsäbel und einen Dolch am Gürtel. Buckelschilde aus dünn geschmiedetem Eisen schützten ihre Oberkörper. Jeder trug ein gelbes Gewand mit Hosen und lederne Schienen für Beine und Arme. Sie sprachen kaum und ihre schwarzen Augen blieben bewegungslos, wenn sie uns ansahen. Aber die schweigsame Ungeduld in ihren Bewegungen und ihre allzu schnellen Reaktionen, ließen sie unnatürlich wirken, als fehle ihnen die menschliche Seele. Aber als ich einige Augenblicke darüber nachdachte, wurde mir plötzlich klar, dass sie ebenso wie Sarazin und ich, kein eigenes Leben zu besitzen schienen. Sie waren Sklaven, Besitztümer eines Herrn. Auch wenn sie vermutlich weit mehr Macht in sich vereinten als meisten Bürger dieser eigentümlichen Stadt, waren sie doch nur seelenlose Hunde. Nach dem Kampf mit den Byzantinern hatten selbst die Normannen keine Kraft mehr gehabt, um ihnen zu widerstehen. Es schien, als sei der Faden gerissen, der uns mit einem günstigen Schicksal verband. Die Araber hatten schließlich das Schiff ohne jeden Widerstand betreten. Nur die Königin gab nicht auf. Sie tobte und schrie und rief ihnen Flüche zu. Zum Glück schienen sie nichts davon zu verstehen. Als die Königin begriff, dass es aussichtslos war, verwünschte sie ihre Leibgarde. Die Ritter ließen sich schweigend als Verräter und Feiglinge beschimpfen und blickten zu Boden.

    Der Lotse dirigierte unser Schiff langsam an den Kampfgaleeren vorbei und legte es mit einem Wendemanöver an den mittleren Kai. Er gab Anweisung, das Schiff ordentlich zu vertäuen und verschwand. An Deck waren nur noch Sarazin, der Zeugmeister, die wortkargen Araber und ich. Selbst der Schiffszimmermann hatte sich zurückgezogen. Niemand hatte es während unserer Fahrt nach Palermo gewagt, den halb toten Leib nach unten zu transportieren. Er war bleich wie die Körper der Erschlagenen und atmete nur schwach. Sein trüber Blick ging selbst dann noch ins Leere, wenn die Seemöwen über ihn hinweg flogen und auf einen Leichnam hofften. Der Schiffszimmermann hatte aus Segeltuch und Holz eine Trage angefertigt. Sie stand einige Meter von uns entfernt im Schatten des Mastes. Dort wo auch die Toten lagen. Es waren so viele, dass ich ihren Anblick nicht lange genug ertrug, um sie zu zählen. Selbst in den Gemächern der Königin hatte sich kein Tuch gefunden, das groß genug gewesen wäre, um sie zu bedecken. So blickten sie mit zerschlagenen Gliedern und gebrochenen Augen in den Himmel. Ihre Kleider bewegten sich im Wind wie zerschlissene Fahnen. Sie schienen zu frieren. Aber der Zeugmeister hatte Recht behalten. Nicht ein einziger Leibeigener war darunter. Die menschliche Beute des Königs lag unversehrt im Laderaum des Schiffes.

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    Matthias Gerhards 3. Jul, 21:36 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der sizilianische Sturm (XVIII)

    Ich hatte kaum Zeit, um zu begreifen, was ich getan hatte, denn im nächsten Augenblick ertönte ein Horn. Es war ein lang gezogener, tiefer Ton. Innerhalb von Minuten, ohne dass wir verstanden, was vor sich ging, zogen sich alle Soldaten von unserem Deck zurück. Sie flüchteten rückwärtsgehend, sprangen über die Reling, kappten die Enterseile und stießen sich von unserer Bordwand ab. Dann ruderten sie hastig davon, ohne die Segel zu setzen.
    Auf dem Schiff herrschte Chaos. Blut und Kot verschmierten das Deck und mehr als drei dutzend Tote und Verletzte lagen auf dem ganzen Schiff verstreut. Die zehn Ritter der königlichen Leibgarde standen noch in ihren blutigen Kettenhemden an Deck. Sie bildeten ein enges Oval um den Hauptmast herum. Vor ihnen lagen so viele Griechen, dass die Planken des Schiffes nicht mehr zu sehen waren. Die Ritter hatten alle überlebt. Ihren Langschwertern war es zu verdanken gewesen, dass es den Byzantiner nicht gelungen war, das Schiff zu nehmen.
    Als ich meinen Blick abwandte, sah ich, wie Sarazin versuchte, die Halsschlagader des Zeugmeisters mit seinem Hemd zu verschließen. Er drückte so stark, dass der Zeugmeister röchelte. Aber als er nachließ, war der Stoff nach wenigen Minuten wieder von Blut durchtränkt. Die Lebensenergie des Zeugmeisters floss in einem dünnen Rinnsaal über die Planken. Er zeigte auf die Segel am Horizont.
    „Sizilianer! Wir sind mit dem Wind in Ihre Gewässer getrieben. Wer weiß, was uns nun erwartet?“

    Noch hatten uns die Sizilianer nicht erreicht. Der Zeugmeister wurde immer schwächer. Sarazin saß mit Tränen in den Augen neben ihm und drückte das Hemd auf seine Wunde. Ich war wie erstarrt und sah zu, wie das Blut einen kleinen See speiste, der sich zu unseren Füssen ausbreitete.
    „Tut etwas“ rief ich dem Schiffszimmermann zu, der noch auf dem Vorderdeck hockte und nicht verstand, was vor sich ging. Er verschwand, kam aber nach einiger Zeit zu uns herüber. „Der Kaplan der Königin hat sich bereit erklärt die letzte Ölung vorzunehmen“ sagte er leise, als er neben uns stand.
    Der Priester kam. Er war ein dürrer Franzose mit ledriger Haut, dem man kaum zugetraut hätte, die lange Reise zu überstehen. Während der gesamten Überfahrt hatte ich ihn nicht ein einziges Mal an Deck gesehen.
    Als er Sarazin sah, röteten sich seine Wangen vor Zorn.
    „Was macht der ungläubige Teufel hier? Schickt den Mooren weg. Im Beisein eines Ungetauften kann ich kein Sakrament spenden.“
    „Sie sind dort angekettet“ sagte der Zeugmeister und versuchte seine Hand zu heben. Aber er war schon zu schwach.
    „Bitte verweigert mir nicht die Beichte, Gott wird mich nicht zu sich nehmen. Ich habe Angst, Herr!“
    „Er muss weg!“ sagte der Franzose noch einmal.
    Zum ersten Mal sah ich, dass Sarazin so etwas wie Stolz besaß. Er war gekränkt. Aber er schien zulange Sklave gewesen zu sein, um nicht zu gehorchen.
    „Genügt es, wenn er in die Kiste steigt?“ fragte ich.
    „Wer bist du?“
    „Ein Jude“ antwortete der Zeugmeister.
    „Der Ketzer muss auch weg!“
    Also stiegen wir beide in den Takelageverschlag, in dem wir uns nun schon heimisch fühlten. Wir schauten dem Kaplan zu, der uns darauf hin wütende Blicke zuwarf. Erst als wir unsere Augen abwandten, widmete er sich dem Zeugmeister.
    „Welche Sünden hast du begangen, seit deiner letzten Beichte?“ fragte er leise.
    Der Sterbende zog den Kopf des Priesters bis an seinen Mund und flüsterte. Es dauerte ziemlich lange, bis er fertig war. Schließlich strich der Kaplan ein Kreuz auf die Stirn seines Schützlings und sang einige lateinische Worte. Dann stand er auf, stieg er über den riesenhaften Körper hinweg und ging zurück in die Gemächer der Königin.
    Aus der lang gezogenen Wunde am Hals quoll noch immer das Blut hervor. Die Ränder waren glatt und weißlich, wie die Saumkanten am Rock meiner Mutter. Bald würde der Zeugmeister einschlafen und nicht mehr erwachen. Obwohl ich es nicht wollte, musste ich an ein koscher geschlachtetes Schaf denken. Sarazins Augen füllten sich mit Tränen.
    Plötzlich geschah etwas mit mir. Die offene Wunde des Zeugmeisters schien mit einem Mal unvollständig, als sei sie ein Muster, in dem ein Teil fehlt. In meinem Kopf entstanden Bilder, wie in jeden Augenblick, die ich in der Dunkelheit verbracht hatte. Für einen Augenblick hatte ich die Fresken in der großen Moschee vor meinen Augen. Auf dem Bild, das ich nun vor mir erblickte, gab es so etwas wie Muster. Aber ein Teil fehlte. Es war auf eine seltsame Art unfertig. Doch ich konnte es vor meinem inneren Auge nicht richtig sehen, denn in meinem Geist waren die Dinge verschwommen. Erst als ich nochmals die Wundränder betrachtete, begriff ich was es war. In meinem Kopf schienen sich die Bruchstücke einer verborgene Form zusammenzufügen.

    „Man könnte es zunähen“ sagte ich freudig, während mich ein Gefühl des Glücks durchströmte.
    „Sarazin sah mich einige Sekunden mit riesigen, starren Augen an. Dann endlich begriff er und rüttelte den Zeugmeister gewaltsam aus seinem tödlichen Schlaf.
    „Wo ist mein Kochgeschirr?“ schrie er ihn an.
    Er sprach vor Aufregung arabisch. Also übersetzte ich.
    Dein Kochgeschirr wirst du bestimmt zurück erhalten.“ sagte der Zeugmeister schwach und versöhnlich.
    „Lass ihn in Frieden sterben! Er hat gebeichtet. Verleite ihn nicht zu Jähzorn oder Schlimmerem“ fauchte der Schiffszimmermann.
    „Wo ist es?“ schrie Sarazin, ohne sich um seine Worte zu kümmern.
    „In der Waffentruhe an Deck. Keine Angst, deine Messer habe ich nicht an die Mannschaft ausgeteilt.“
    Noch während ich übersetzte, rannte Sarazin los. Aber seine Kette hielt ihn nach wenigen Metern zurück. Er lag auf dem Bauch. Schließlich drehte er sich um und rief: „Hol mein Kochbesteck, schnell!“
    Der Zimmermann verschränkte die Hände vor der Brust und spuckte vor seine Füße.
    „Warum? Was hat der Mohr? Ist er von Sinnen?“
    Nach einigen Augenblicken des Schweigens, hob der Zeugmeister einen Finger und zeigte nach unten. Er wollte nicht von Streit umgeben sein, wenn er starb.
    Der Zimmermann ging und kam nach einer kleinen Ewigkeit mit einer dicken Rolle aus Leinen zurück. Sarazin entrollte sie mit einem einzigen Handgriff. Darin waren Bratenspieße, Messer, Fleischgabeln, Kochlöffel, Schöpfkellen und ein Wetzstein. Aus einer kleinen Tasche kramte er eine grobe Nadel und ein Stück Darm. Es war zu einem Faden gedreht, wie er für Bogensehen verwendet wird. Das Stück war starr und unbeweglich. Sarazin befeuchtete es mit der Zunge, kaute es mit sanftem Druck durch, bis es geschmeidig wurde und fädelte es in die Nadel ein.

    Dann begann er, die Arterie zu vernähen. Die Augen des Zeugmeisters waren kaum halb geöffnet. Er zuckte nur leicht, wenn die Nadel in sein Fleisch eindrang. Manchmal glitt das Metall ab, denn um die Wunde hatte sich ein zähflüssiger Schleim gebildet. Der Druck öffnete den Spalt immer wieder und ließ Blut herausquellen. Niemand wagte nicht einzugreifen. Aber der Schiffszimmermann betrachtete Sarazins Bemühungen voller Misstrauen. Mehr als einmal rutschte er mit dem Finger von der Nadel ab und trieb sich ihre stumpfe Rückseite tief in die Handfläche. Doch der Koch des Emirs von Damaskus ließ sich nicht entmutigen. Er arbeitete, als habe die Welt um ihn herum aufgehört zu existieren. Bald wurde mit jedem gelungenen Stich das Rinnsal ein wenig kleiner. Als er das Ende der Wunde erreicht hatte, verebbte die Blutung. Sarazin atmete aus. Er blinzelte mit einem Auge und sagte wie zur Entschuldigung: „So verschließen wir in der Küche das Geflügel, damit die Füllung beim Braten nicht heraus quillt. Der Faden kann sogar mitgegessen werden.

    [Ende dieses Kapitels]

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    Matthias Gerhards 27. Jun, 22:01 | 4 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der sizilianische Sturm (17)

    Sarazin begann zu beten. Als er geendet hatte fügte er noch hinzu. „Wenn ich dies überlebe, werde ich mein Leben dir widmen, mein Gott. Meine Unzucht soll für immer ein Ende haben.“
    Dann hörte ich mich selbst. Ich betete das Kaddisch. Ich dachte an meine Mutter, an ihre kühlen Hände und an die Zeit, die wir in den Olivenhainen verbracht hatten. Damals hatte ich mir gewünscht die Welt zu bereisen. Nun rief ich nach meiner Mutter. In diesem Moment wurde ich mir meiner elternlosen Einsamkeit bewusst und mein bevorstehender Tod schien mir mit einem Mal unnötig, ungerecht und grausam, so dass ich eine eigentümliche Wut auf mein eigenes Schicksal entwickelte. Ich verfluchte die Sturheit meines Vaters, sein unseliges Buch und seine noch unseligere Lampe, die den tumben Normannen überhaupt erst auf meine Spur gebracht und mich zu einem Sklaven gemacht hatte. Aber mein Zorn wandelte sich sofort wieder in pure Furcht, die wie eine innere Faust gegen meinen Bauch schlug. Jetzt hörten wir ein Knirschen. Es entstand als sich die beiden Schiffe längsseits aneinander rieben. Mindestens hundert Füße schienen gleichzeitig auf unser Deck zu springen, als seien sie die Gliedmaßen eines riesigen Tieres, das sich daran machte, alles zu verschlingen, dass in seine Nähe gelangte. Dann begann der Kampf. Wir hörten das Geschrei der Verletzten, das Gebrüll der Angreifer und den Widerhall von tausend Schritten. Ein gewaltiger Totentanz wogte über uns hinweg. Bald würde der Widerstand unserer Seeleute gebrochen sein. Ich horchte, ob ihre Stimmen erstarben und das Geschrei der Fremden die Oberhand gewann. Aber es hatte den Anschein, als gehe das Gefecht unvermindert weiter, als würde das Tosen des Blutes kein Ende finden an diesem Tag.

    Sarazin hatte inzwischen zu beten aufgehört. Er lag stumm in unserem Verschlag und sah mit schwarzen, geheimnisvollen Augen durch mich hindurch. Das Licht, welches durch den Spalt unserer Ketten fiel, war stark genug, dass wir uns in die Augen sehen konnten. Lange Zeit blieb die Bataille auf das Mittelschiff begrenzt. Als der Kampf unser Vorderdeck erreichte, war bereits viel Zeit vergangen. Ich zwang mich still zu liegen, aber mein ganzer Körper zitterte, als sich die Füße wie dumpfe Trommelschläge unserem Verschlag näherten. Sarazin hielt meine Hände fest.
    „Schschsch, es geht vorüber. Nichts passiert. Sie können uns nicht sehen. Wir sind unsichtbar“ flüsterte er.
    Dann hörten wir wie jemand auf unsere hölzerne Behausung sprang. Der Deckel verrutschte und wir hielten den Atem an. Meine Hände zitterten selbst dann, wenn ich sie fest an meinen Körper presste. Dennoch empfand ich zu meinem eigenen Erstaunen einen ungerichteten, hilflosen Zorn, der in dem unbedingten Willen mündete am Leben zu bleiben. Nach einigen Augenblicken verschwanden die Füße wieder vom Dach unseres Versteckes. Es war, als wichen sie vor der Kraft meiner Gedanken zurück. Dann plötzlich wurde meine Fußkette durch einen Ruck gespannt. Der Deckel unserer Kiste flog auf. Die ganze Helligkeit des ozeanischen Mittages strömte zu uns herein. Die Welt schien in einen weißen Rausch zu verfallen, der die Schritte über unseren Köpfen wie Lichtflecken erscheinen ließ. Die Helligkeit lähmt mich. Eingezwängt zwischen den Takelagen konnten wir nicht schnell genug aufstehen. Ein kleiner, dunkelhäutiger Grieche war über die Kette gestolpert, die aus dem Verschlag hing. Er hatte die Abdeckung aufgerissen. Wir versuchten zu entkommen. Sarazin war schneller. Er lag etwas höher und wühlte einige Seile aus der Kiste, um mehr Platz zu haben. In seiner Panik trat er auf mein Gesicht. Dann hob der Grieche das Schwert. Doch bevor der Hieb sein Ziel fand, stockte der Angreifer plötzlich. Im Zentrum des Schlages ließ er seine Waffe sinken. Er knickte in der Hüfte ein und sah an sich herunter, fast als hätte jemand die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Ein Krummsäbel steckte tief in seiner Taille. Die Schneide hatte den Lederpanzer glatt durchschlagen. Hinter dem Mann stand der Zeugmeister und lächelte uns an, als erwartete er ein Lob. Seine haarigen Arme hatte er bloßgelegt. Mit einem Ruck riss der den Säbel zurück und aus der Wunde schoss Blut. Er warf einen Blick über die Schulter, um sicher zu gehen, dass er nicht von hinten angegriffen wurde. In diesem Augenblick richtete sich der Grieche auf und wirbelte herum wie ein Tänzer. Er schrie. Sein Blut bildete einen Halbkreis auf dem Deck. In der Drehung führte er einen Hieb gegen den Hals des Zeugmeisters. Aber trotz seiner Fülle bewegte sich unser Retter mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Er bog seinen Oberkörper nach hinten und wich dem Schlag aus. Doch er war nicht schnell genug. Die Spitze des Schwertes streifte seinen Hals. Es sah ganz unscheinbar aus und einen Moment lang geschah nichts. Die Kämpfer verharrten, als sei dies ein Spiel, in dem nun eine Pause ausgerufen worden war. Es war, als hätte der Schöpfer den Lauf der Welt angehalten und als sei der unvorstellbare Tanz des Lebens mit einem Mal zum Erliegen gekommen. Sogar die Wellen schienen in ihrer Bewegung zu verharren. Dann klaffte am Hals des Zeugmeisters ein weißer Spalt auf, der die Farbe von Lammfett hatte. Im nächsten Augenblick füllte er sich mit Blut und ein hellroter Strahl schoss daraus hervor. Er taumelte zurück. Der Grieche hielt mit den Händen seine Wundränder zusammen und sank auf den Boden. Er fluchte und versuchte sich sofort wieder auf zu raffen.

    Inzwischen hatte ich es geschafft mich aus den Seilen zu befreien. Der Byzantiner hob seinen gebogenen Säbel und bewegte mit wackligen Schritten auf den Zeugmeister zu. Plötzlich überfiel mich tiefer, unbeherrschbarer Zorn. Der Mensch vor meinen Augen verschwand und verwandelte sich in ein fremdes, satanisches Wesen. Noch mit seinem letzten Atemzug würde es versuchen uns zu töten. Es war nicht einmal ein Tier. Es war ein Etwas. Ein Ding. Eine unmenschliche Bestie. Dann blickte ich auf den Zeugmeister, der fassungslos seine Hände betrachtete, die voller Blut waren. Mit jedem Herzschlag schoss ein roter Strahl aus seinem Hals. Der Grieche war nun fast bei ihm. Mit einer einzigen Bewegung nahm ich eines der dünnen Seile, die neben der Kiste lagen und stellte mich hinter den Angreifer. Ich spannte das Seil von hinten um seinen Hals. Er schien es nicht einmal zu bemerken. Dann atmete ich noch einmal und zog zu. Alles Denken war ausgelöscht. Mein Zorn konzentrierte sich auf einen einzigen winzigen Punkt. Er war so klein wie die Haarspitze des Racheengels. Der Name des Punktes war nur ein einziges Wort. Es hieß: Zieh!

    Als das dünne Seil seine Kehle abschnürte, scharrte der Grieche mit den Füßen und versuchte sich zu drehen. Aber ich zog seinen Oberkörper dicht an mich heran. Er umklammerte meinen Unterarm und versuchte ihn herab zu ziehen, um sich zu befreien. Aber ich hatte die Grenze der Menschlichkeit hinter mir gelassen und war ein einfaches, auswegloses Tier geworden. Die Zeit dehnte sich. Sie war ein flaches Band geworden, das unendlich langsam durch meine Finger glitt. Das Gesicht des Byzantiners wurde zuerst rot, dann blau. Seine Zunge trat heraus und einige Äderchen platzten in seinen Wangen. Es dauerte unendlich lange. Als er starb, sank er herab. Sein ganzer Körper bebete und seine Finger bewegten sich, als würde er etwas auf den Planken des Schiffes suchen.

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    Matthias Gerhards 25. Jun, 00:57 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der sizilianische Sturm (16)

    Aber das Spiel mit dem Wellen begann schon nach einiger Zeit seinen Reiz zu verlieren. Die See wurde wieder jene unbarmherzige Quälerei, die ihrem eigentlichen Wesen entsprang. Als ich zwischen zwei Wellen einen Blick an den Horizont warf, sah ich zwei dunkle Punkt. Sie schienen sich aus dem byzantinischen Verband herausgelöst zu haben und es dauerte einige Zeit bis ich begriff, dass es Schiffe waren. Es waren die Byzantiner. Sie hatten die Verfolgung aufgenommen.
    “Wenn ihre Ruderer bald müde werden, können wir entkommen. Unter Segeln sind wir ein wenig schneller als sie. Außerdem kommen wir bald in fremde Gewässer. Aber wenn sie nicht müde werden, müssen wir aufgeben“ sagte der Kapitän. Neben ihm stand die Königin und hielt den Blick auf die aufgewühlte See gerichtet.
    „Wir geben nicht auf! Wenn es soweit kommt, kämpfen wir! Ich habe zwar einen Mönch geheiratet, aber ich bin noch keine Nonne geworden.“
    Natürlich erfüllte sich die Hoffnung des französischen Kapitäns nicht. Die Umrisse der feindlichen Schiffe waren schon nach kurzer Zeit immer deutlicher am Horizont zu erkennen. Bald konnte ich Segel und Rumpf unterscheiden. Nach vier Stunden waren die Byzantiner wieder bis auf eintausend Fuß an uns herangekommen. Es dauerte nicht mehr lange bis wir in die Reichweite Ihrer Pfeile geraten würden. Sarazin schien meine Gedanken zu erraten, denn er nutzte die kurzen Atempausen, die uns das schlingernde Schiff gewährte und zog mich zu sich heran. Er rief:
    „Bei der Scheiße des Propheten, die werden uns durchlöchern. Wir können nicht weg!“.
    Er zeigt auf seine Fußfessel. Aber dieses Mal war ich in der Lage, ein wenig gelassener zu bleiben. Denn ich hatte mir bereits seit einer Stunde ausgemalt, was passieren würde, wenn die Kriegsschiffe uns erreichten.
    „Werden sie nicht! Wir kriechen in die Kiste des Zeugmeisters“ antwortete ich im triumphalen Ton einer lange zurecht gelegten Antwort.
    Sarazin warf mir einen verständnislosen Blick zu und ich musste mich zwingen, mein stolzes Grinsen zu unterdrücken. Dann öffnete ich den Deckel, der nur durch einen Bolzenriegel gehalten wurde und räumte die obersten Seile heraus, bis wir Platz hatten. Wir kletterten herein, als sei es ein Spiel. Im Inneren war es nicht halb so dunkel wie in jenem Loch, das meiner Vater für mich ausgehoben hatte, bevor die Kreuzritter mich auf diese seltsame Reise geschickte hatten, die nun mein Leben ausmachte. Die Ketten verhinderten, dass wir den Deckel schlossen. Aber auf diese Weise ließ der Spalt wenigstens genügend Licht herein, dass wir einander sahen. In der Enge der Kiste lagen wir einander zugewandt wie Mann und Frau. Ich roch seinen Schweiß, der in Perlen die Stirn hinab floss und sein Geruch schien mir seltsam unvertraut. Der intensive Duft seiner schwarzen Haut, hatte etwas Befremdliches, wie die Fährte eines unbekannten gefährlichen Tieres. Es war das Aroma des Anderen, des Fremden, das mir auf eine kaum erklärliche Weise hässlich vorkam, obwohl mir alles andere an Sarazin geradezu verwandt zu sein schien.
    Wir mussten nicht lange warten. Die Griechen waren bald bis auf Schussnähe an das Schiff herangekommen. Als die ersten Pfeile surrend das Deck trafen, strich mir Sarazin mit der Hand über die Wange und sagte, „Es ist schön, dass du da bist. Ich hätte sonst eine Scheißangst.“
    „Wir haben Glück, sie benutzen kein griechisches Feuer“ sagte ich.
    „Woher willst du das wissen?“
    „Das Feuer pfeift, diese Pfeile zischen nur.“ In meiner Erinnerung hallte der Angriff der Kreuzritter auf Lissabon wieder. Das ohrenbetäubende Geschrei der Verwundeten und der Sterbenden hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Mit der Erinnerung kam die Angst und alle Geräusche wurden Stoff vor meinen Augen. An Deck hörte man wechselnde Befehle, die ich nicht verstand und das heisere Geschrei der Seeleute, wenn sich das Schiff in den Ausweichmanövern von einer Seite auf die andere legte. Es war ein Wirbel aus Stimmen, der schneller und schneller wurde. Dann brach ein Tumult aus. Ich hörte den Zeugmeister, der schreiend noch mehr klirrendes Gerät an die Mannschaft verteilte, die mit hektischen Schritten scheinbar ziellos über das Deck lief. Es war, als erwarte sie den Angriff von allen Seiten. Die Schritte schienen sich in jener überhitzten Schnelligkeit abzuwechseln, die ein sicheres Kenzeichen der Angst ist. Sie wurde durch den verschwenderischen Einsatz von Kraft überdeckt. In diesem Moment ahnten wir, dass die Hoffnung zu schwach geworden war, um Ruhe zu bewahren.
    Inmitten dieses Tanzes, der sich jedem Rhythmus verweigerte, erklang plötzlich das Windgeräusch eines Schiffes. In diesem Augenblick erstarben die Stimmen und die Füße standen still. Nur die Seile krachten und der Rumpf knarrte, wenn er sich langsam in ein Wellental legte. Die Klänge des Schiffes schienen sich zu einer langsamen Melodie zu vereinigen. Eine verstimmte, traurige Geige begleitete uns, um am Ende doch nur unseren Untergang beweinen zu können. Wir hoben die Köpf in unserem Verschlag, als könnten wir dann besser hören. Die Stille dauerte nur wenige Augenblicke. Dann hob sich das Schiff und wir hörten Wasser rauschen. Etwas surrte durch die Luft. Kleine Einschläge ließen das Holz erzittern. Ich meinte die Bewegungen unsere Seeleute zu hören. Sie versuchten die Enterseile zu durchtrennen, die sich in der Reling verfangen hatten. Der Zeugmeister brüllte an hundert Stellen gleichzeitig. Plötzlich hörte ich auch die Stimme der Königin. Sie gab Anweisungen. Ihre Stimme klang, als würde sie die Dekoration des Hofballs leiten. Trotz aller Anstrengungen bewegte sich das Schiff seitwärts. Die Entermannschaft der Byzantiner holte ihre Beute ein wie ein Netz voller Fische. Fremde Stimmen riefen ein einziges Wort und sie schienen ausgelassen und siegesgewiss.

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    Matthias Gerhards 19. Jun, 23:36 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der sizilianische Sturm (15)

    Ihr Kopf war unbedeckt. Das braune, kräftige Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, aus dem winzige Härchen hervorstanden, die sich im Wind bogen wie Gras. Die späte Morgensonne verfing sich darin und es schien, als stehe sie in einem Kranz aus Licht. Sie mochte gerade dreißig sein, hatte eine große gerade Nase und etwas zu schmale Lippen, die aber in einem wundervollen, dunklen Rot erstrahlten. Ihr Kleid war einfach und wurde durch einen Gürtel zusammen gehalten. Lediglich ein kleines, goldenes Kreuz, in das ein winziger leuchtender Stein eingelassen war, deutete Ihre Herkunft an.
    „Sie ist mutig“ flüsterte Sarazin. „Als Dienerin verkleidet kann sie geschändet und sogar getötet werden.“
    Sie stand aufrecht im Wind und blickte sich mit neugierigen, kalten Augen um. Während sie suchte, wanderte ihre Hand gedankenverloren an ihren Hals und ein winziges Lächeln durchzog ihr Gesicht, als sie mit der Fingerspitze den Stein berührte. Für einen Augenblick schien sie wie ein Kind, das ein lieb gewonnenes Spielzeug streichelt. Doch dann erblickte sie den Zeugmeister auf dem Achterdeck und winkte ihn zu sich heran. Als er sie sah, taumelte er einen Schritt zurück und näherte sich mit gebeugtem Haupt. In seiner demütigen Haltung drohte er mit jedem Schlingern des Schiffes fast das Gleichgewicht zu verlieren. Sein Weg schien weiter und weiter zu werden. Und er brauchte länger, als nötig gewesen wäre, um den Schiffsjungen unter dem Kiel hindurch tauchen zu lassen. Endlich hatte er sie erreicht. Aber im gleichen Augenblick überspülte uns eine Welle und ich war nicht in der Lage etwas zu sehen oder zu hören. Als ich mir schließlich das brennende Salzwasser aus den Augen gerieben hatte, befand sich die Königin bereits wieder auf dem Weg in ihre Gemächer. In der Hand hielt sie einen Krummsäbel und eine Streitaxt, deren Größe gerade für sie gemacht schien.
    Die Byzantiner kamen langsam und unaufhörlich näher. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie uns erreichen würden. Sarazin und ich würden, fest gekettet an diesen Ring, rettungslos ertrinken, wenn das Schiff unter ginge. Auch falls sie es nur enterten, würde wir mit ziemlicher Sicherheit erschlagen werden. An das griechische Feuer wagte ich nicht zu denken. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie glutäugige, byzantinische Bestien meinen Kopf vom Rumpf abtrennten. Ich sah meinen eigenen Körper, der in einer Blutfontäne zu Boden taumelte.
    „Wir werden sterben, wenn sie angreifen! Ihr müsst uns frei lassen!“ rief ich dem Zeugmeister über das halbe Deck hinweg zu, ohne dass ich mir bewusst wurde, was ich tat. Er schärfte einem Seemann am Vorderdeck gerade ein, die Enterseile mit dem Beil zu durchschlagen, sobald sie sich an der Reling verfangen hatten. Er blickte mich verärgert an, unterbrach seine Erläuterung und kam zu uns.
    „Nur wenn das Schiff sinkt“ sagte er und lachte dabei kurz. „Sklaven und Adlige töten sie nicht. Euch können sie verkaufen und für die Herren bekommen sie Lösegeld. Vielleicht kommt dein Freund dann wieder nach Damaskus und landest als Schreiber in einer Kanzlei. Für euch besteht nicht das geringste Risiko. Es besser, wenn ihr bleibt wo ihr seid. Aber die Besatzung werden sie töten.“
    Die Aussicht mein Leben in einer Schreibstube zu beenden, tröste mich wenig. Für einen Augenblick dachte ich: „Es wäre besser zu sterben.“ Aber ich wusste wie töricht das war. Der Abstand zwischen uns und der übrigen französischen Flotte, hatte sich jetzt bis auf einige hundert Fuß vergrößert. Sie waren zusätzlich mit Rittern und Pferden beladen und lag viel tiefer im Wasser wir. Denn wir waren nur eine leere Schatzkammer, die lediglich von der Königin und ihrem Gefolge beschwert wurde. Von Minute zu Minute wurde der Abstand größer. Nach einiger Zeit lösten sich auch die niedrigen Begleitschiffe von uns und blieben bei ihrem König. Wir waren allein.
    Die Gefahr erzeugte in mir ein seltsames Gefühl der Zusammengehörigkeit. Als hinge nun das Schicksal aller Passagiere für immer an einem einzigen unzertrennbaren Faden. Was immer auch passieren würde, träfe jeden, den das Schicksal auf dieses Schiff verschlagen hatte. Die Macht des Todes hielt uns zusammen.
    Es schien jetzt, als verfolge die Flotte der Byzantiner nicht mehr uns, sondern den Verband des französischen Herrschers. Bald würden sie in die Reichweite der Pfeile geraten. Gebannt warteten Sarazin und ich auf die erste Salve. Plötzlich geschah etwas Seltsames, dass ich zunächst nicht verstand.
    Das ferne Schiff des Königs nahm die Segel aus dem Wind und beendete seine Fahrt. Es schaukelte nun auf den Wellen, als sei es ein kleiner Nachen, der sich auf die offene See verirrt hatte. Innerhalb weniger Minuten kreisten die Piraten ihr Opfer ein. Der Herrscher Frankreichs hatte offensichtlich aufgegeben und versuchte eine Seeschlacht zu vermeiden, die er nicht gewinnen konnte. Als habe sie geahnt, was passieren würde, erschien nun die Königin auf unserem Deck. Sie bewegte sich mit kleinen federnden Schritten. Der braune Zopf folgte ihren Bewegungen stets mit einer kleinen Verzögerung. Er schien wie eine Puppe, welche die Bewegung ihrer Herrin immer ein wenig unvollkommen nachahmte. Der Herrscherin haftete etwas Fließendes und Mädchenhaftes an.
    Es dauerte einige Augenblicke, bis sie begriff was vor sich ging. Aber dann verfolgte sie die Kapitulation ihrer eigenen Flotte. Sie presste die Lippen zusammen, als wollte sie die Flüche im Zaum halten, die beständig über ihre Lippen zu springen drohten. Nach einiger Zeit des Schweigens, warf sie ihren Kopf mit einem Ruck nach hinten. Die Bewegung verriet Anmut und Willensstärke.
    „Fahrt endlich schneller Kapitän. Meine Gemahl mag aufgegeben, ich nicht.“ sagte sie und ihre Stimme verriet keinerlei Aufregung.
    Ein Ruf, gleichermaßen dem Rachen und der Nase des Kapitäns entsprungen, wies die französischen Seeleute an die Segel in den Wind zu drehen. Die Luftmassen fuhren in das Tuch und wir beschleunigten unsere Fahrt. Es knirschte. Der Rumpf legte sich so weit in die See hinein, dass ständig Wasser in die Ladeluke hinein floss. Allein drei Männer waren damit beschäftigt, das Wasser aus dem Inneren des Schiffes zu transportieren. Bald schlugen die Wellen wieder über Sarazin und mich hinweg und wie zuvor waren wir nun gezwungen, an unserem Kettenring Halt zu suchen, damit uns die Kraft des Wassers nicht mit sich riss. Aber jetzt begrüßten wir jede Welle wie einen lang ersehnten Freund, der überraschend seinen Besuch angekündigt hatte. Wir schienen der tödlichen Gefahr gerade noch einmal entkommen zu sein. Sarazin lachte bei jedem Wasseransturm und hielt sein Gesicht wie ein Kind aufrecht dem heranrollenden Schaum entgegen, während die besiegte Flotte des französischen Herrschers schon fast am Horizont verschwunden war. Nur noch einige schwarze Flecken erinnerten an ihre Existenz.

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    Matthias Gerhards 12. Jun, 21:48 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen

    Der sizilianische Sturm (14)

    Das gelbliche Licht über den Wellenkämmen beleuchtete eine Ansammlung von Flecken, die wie Tropfen aus Tusche auf dem Wasser zu schwimmen schienen. Noch bevor auch nur ein Hauch von Gewissheit über die Natur der Dinge herrschen konnte, die sich uns näherten, brach auf dem Schiff ein Sturm aus. Die Seeleute sammelten sich auf dem Mittschiff, reckten die Köpfe in alle Richtungen und riefen durcheinander. Sogar die beiden Rudergänger verließen ihren Posten und schlossen sich der Menge an, die mit ihren Fingern den Horizont absuchte, um die angebliche Kriegsflotte zu entdecken. Führerlos beschrieb das Schiff eine ruckartige Drehung und verlangsamte seine Fahrt. Der prophetische Wachmann, der den Tumult ausgelöst hatte, rief immer wieder. „Kriegsschiffe voraus! Kriegsschiffe voraus!“

    Der Kapitän kam aus seiner Kajüte, sah den Tumult, zog seinen Säbel und vollführte einen Streich durch die Luft. Weil er ein kleiner gedrungener Mann war, hätte niemand in der Reichweite seines Hiebes stehen dürfen. Aber die Männer schien seine Entschlossenheit zu beeindrucken. Er schickte die beiden Rudergänger zurück. In jeden Mast setzte er fünf Männer, die seine Navigationskommandos sofort in die Tat umsetzen sollten. Übrig bleib eine handvoll Matrosen, die unschlüssig an Deck herumlungerten. Der Zeugmeister bewegte sich plötzlich schnell wie ein zu dick geratenes Wiesel, zog einen Ring mit zwei Schlüsseln hervor und lief zum Achterdeck. Er öffnete eine große, flache Kiste, die aufrecht neben dem Eingang zu Kapitänskajüte angebracht war. Darin waren Krummschwerter, Lanzen und kleine Streitäxte. Alles schien etwas zu klein geraten. Die Klingen der Krummschwerter waren kurz wie die Waffen von Kindern. Auch die Lanzen schienen für die Bewaffnung eines maritimen Zwergenvolkes gedacht. Sie hatten eine kurze Lederschlaufe, um sie beim Abwurf zusätzlich zu beschleunigen. Auf einem Schiff ist wenig Platz zu Ausholen. Gerade als die Waffen ausgegeben waren, sahen wir die gegnerischen Flotte. Es waren tatsächlich Kriegsschiffe.
    „Byzantiner, Byzantiner! Es sind Christen“ schrie die Wache nun erleichtert, „ich sehe den Doppeladler. Gott sei gepriesen!“
    Auf dem Hauptmast der flachen Schiffe, die sich scheinbar langsam auf uns zu bewegten, wehte eine dreieckige Flagge mit einem doppelköpfigen Vogel. Das angespannte Raunen erstarb. Der Zeugmeister atmete aus und sein Bauch war plötzlich nur noch halb so groß. Alle warteten darauf, dass die Angreifer ihre Formation auflösen würden. Aber die generische Flotte, hielt mit unverminderter Geschwindigkeit auf uns zu. Es schien, als würden alle Dinge den Atem anhalten. Die Anspannung kehrte zurück. Die Mannschaft schwieg jetzt und wartete. Alle blicken dem fremden Verband entgegen. Es waren mehr als zehn byzantinische Kampfschiffe. Sie segelten direkt mit dem Wind und beschleunigten ihre Fahrt zusätzlich durch eine Rudermannschaft.

    „Es sind Piraten. Byzantinische Piraten. Jeder kehrt auf seinem Posten zurück!“ schrie der Kapitän in die Stille hinein. Plötzlich begannen sich alle wieder zu bewegen, wie Figuren eines Schattentheaters, die zu lange in einer künstlicher Agonie verharrt hatten. Der Kapitän stellte sich an den Bug und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Dazu stieß er wilde Schreie aus, deren Worte ich nicht zu verstehen vermochte. Nachdem er sich auf diese Weise mit dem Schiff des Königs verständigt hatte, ließ er beidrehen. Wir änderten die Richtung. Aber durch dieses unendlich langsame Manöver kamen die Byzantiner immer näher, bis sie kaum tausend Fuß entfernt waren. Wir konnten schon die Bogenschützen erkennen, die am Bug Aufstellung genommen hatten. Erst als das Manöver beendet war, nahmen wir wieder Fahrt auf. Für einen Augenblick schien es, als fielen die Anderen nun zurück. Der Kapitän ließ alle Segel setzen, über die das Schiff verfügte. Es legte sich auf die windabgewandte Seite, wie ein alter, hölzerner Mann, den die Jahre gebeugt hatten. Die Schlagseite war so stark, dass sich die Reling fast bis in die Täler der Wellen hinein neigte und beständig ein Schwall des grauen Wassers hinein schwappte. Es schoss als weißer Schaum über die Planken und umspülte die Füße der Seeleute. Sarazin und ich hielten uns verzweifelt an unserem Kettenring fest, denn plötzlich stieg eine Welle auf, die größer und größer wurde, bis sie schließlich über dem Flaggenstock zusammenschlug. Sie traf uns mit voller Wucht. Als das Meer über uns hinweg strömte, sah ich eine seltsame Art von Erstaunen in Sarazins Augen. Er hatte Angst, verlor den Halt und wurde von der zurückströmenden Flut mitgerissen, als sei er ein lebloses Stück Treibgut, ein ausgebleichtes Holz, das der Macht der Elemente nicht einmal sein Gewicht entgegen zu setzen hatte. Es gelang mir, ihn am Fußgelenk zu fassen und ich schlang meine Arme um seine Knöchel. Dann zog ich ihn zurück, bevor ihn die Welle mit sich nehmen konnte und nur die Kette seinen Weg auf den Meeresgrund aufgehalten hätte. Nach einiger Zeit gelang es uns, den Rhythmus des Wassers zu verstehen und wir duckten uns unter den Wellenkämmen hindurch, die über die Bugreeling schossen wie hungrige Wölfe. Manchmal gelang es, manchmal nicht. Dann warf uns die Gewalt des Wassers fast zu Boden und wir hatten Mühe uns an unserem Kettenring zu halten.

    Mitten in diesem ganz gewöhnlichen Inferno, in diesem fast alltäglichen Chaos des Meeres, öffnete sich plötzlich eine Türe am Achterdeck und blieb eine Zeit lang unverschlossen stehen, ohne dass jemand heraus getreten wäre. Mit dieser seltsamen Pause, die sie vielleicht sogar selbst für ihren Auftritt gewählt hatte, betrat die Königin von Frankreich das Deck.

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    Matthias Gerhards 8. Jun, 06:58 | 0 Kommentare - Kommentar verfassen
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    Frau Rabe - 16. Jul, 18:28
    wenn sie so groß...
    wenn sie so groß sind, dass sie das können,...
    testsiegerin - 16. Jul, 10:14
    Danke,
    gedanklich war ich (quasi) immer da.
    Matthias Gerhards - 14. Jul, 23:30

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