Der 2. Anfang meines neusten Projektes: 7 Erinnerungen an die Hölle
Es war ein warmer Sommertag, als der Körper meines Bruders gefunden wurde. Die Mücken standen in Schwärmen über dem Bach, der sich in weiten Schleifen durch die Felder gefressen hatte. Eine Lerche stieg in den Himmel auf und jubilierte über dem Wasser. Sie besang die ahnungslose Schönheit der Dinge. Wasserläufer schossen über die Oberfläche. Gelbrandkäfer tauchten nach Kaulquappen und zogen winzige Luftblasen hinter sich her. Die Larven der Köcherfliegen durchzuckten das Ufer und zeichneten ein wellenförmiges Muster in den Schlamm. Ein paar junge Stichlinge standen bewegungslos in der Strömung und hofften auf eine Mahlzeit. Doch ein Aal hatte sich bereits Zutritt zu den inneren Werten des siebenjährigen Jungen verschafft, der mit aufgerissenen Augen unter der Wasseroberfläche trieb. Das schlangenförmige Tier bewachte den geöffneten Mund wie eine Schatzhöhle und die kleineren Fische gingen leer aus. An guten Tagen war das Wasser, in dem sie lebten braun. An weniger guten bekam es einen gräulichen Schimmer, roch nach modrigem Holz und nach einem unbekannten metallischem Stoff.
Einen Teil seiner Färbung verdankte es dem fruchtbaren Lösboden, den es mit sich führte. Den anderen Teil steuerte ein Braunkohlekraftwerk bei, das sein Kühlwasser seit über dreißig Jahren in den Bach leitete. Dennoch waren die flachen Auen in seiner Umgebung mit Pappelhainen, Hecken und Bruchwäldern bedeckt und erweckten den Eindruck einer unberührten und zeitlosen Landschaft. Dazwischen lagen Weizenfelder und Rübenäcker, die im Herbst aufweichten und die Erntemaschinen mit unbeschreiblichen Mengen von Schlamm überzogen. Das Land war voller Wasser. Es sammelte sich in den Senken und ließ dort Schilfrohr, Wasserminze, Birken und Pappeln wachsen, obwohl in kaum dreißig Kilometer Entfernung Braunkohle abgebaut wurde. Die Bagger fraßen sich mehrere hundert Meter tief in das Land und verwandelten Höfe, Kirchen, Dörfer und sogar Flussquellen in weiße Flecken auf der Landkarte. In namenlose Erinnerungen von alten Leuten. Nur die Pumpen sorgten am Ende dafür, dass die gigantischen Löcher mit ihren Maschinen nicht in den Fluten dieser wasserreichen Landschaft versanken. Die Sümpfe der Umgebung wurden trocken gelegt. Einige Flüsse mussten umgeleitet werden. Und der Bach, den sich mein Bruder zum sterben ausgesucht hatte, wurde mit dem Abwasser eines Kraftwerkes gespeist, weil sein Quellgebiet schon lange nicht mehr existierte. Es war abgebaggert und zu einem lang gestreckten Berg aufgeschüttet worden. In der Erde dieses Landstriches hatte der Fortschritt mehr Narben hinterlassen, als die Windpocken im Gesicht meiner Schwester. Nur an den Menschen schien er auf eine seltsame Weise vorüber gegangen zu sein. Sie lebten in Dörfern, die zwischen Pappelwäldern und Rübenäckern eingeklemmt waren wie Hasen in der Ackerfurche. Buchsbäume und Baccararosen wuchsen in ihren Vorgärten. Es gab wilde Kühe, die allnächtlich durchs Dorf liefen und verrückte Bauern, die seit vielen Generationen den gleichen Hof bewirtschafteten und ihre Ehen innerhalb der Familie schlossen. Jede Generation dieser alten Geschlechter brachte einen Sprössling hervor, dessen Unterlippe ein wenig herunter hing. Meistens waren es Männer. Kleine träumende Jungen, die in den Körpern von Landarbeitern steckten. In ihren Familien riefen sie Scham hervor und Depressionen und Frömmigkeit.
Einen Teil seiner Färbung verdankte es dem fruchtbaren Lösboden, den es mit sich führte. Den anderen Teil steuerte ein Braunkohlekraftwerk bei, das sein Kühlwasser seit über dreißig Jahren in den Bach leitete. Dennoch waren die flachen Auen in seiner Umgebung mit Pappelhainen, Hecken und Bruchwäldern bedeckt und erweckten den Eindruck einer unberührten und zeitlosen Landschaft. Dazwischen lagen Weizenfelder und Rübenäcker, die im Herbst aufweichten und die Erntemaschinen mit unbeschreiblichen Mengen von Schlamm überzogen. Das Land war voller Wasser. Es sammelte sich in den Senken und ließ dort Schilfrohr, Wasserminze, Birken und Pappeln wachsen, obwohl in kaum dreißig Kilometer Entfernung Braunkohle abgebaut wurde. Die Bagger fraßen sich mehrere hundert Meter tief in das Land und verwandelten Höfe, Kirchen, Dörfer und sogar Flussquellen in weiße Flecken auf der Landkarte. In namenlose Erinnerungen von alten Leuten. Nur die Pumpen sorgten am Ende dafür, dass die gigantischen Löcher mit ihren Maschinen nicht in den Fluten dieser wasserreichen Landschaft versanken. Die Sümpfe der Umgebung wurden trocken gelegt. Einige Flüsse mussten umgeleitet werden. Und der Bach, den sich mein Bruder zum sterben ausgesucht hatte, wurde mit dem Abwasser eines Kraftwerkes gespeist, weil sein Quellgebiet schon lange nicht mehr existierte. Es war abgebaggert und zu einem lang gestreckten Berg aufgeschüttet worden. In der Erde dieses Landstriches hatte der Fortschritt mehr Narben hinterlassen, als die Windpocken im Gesicht meiner Schwester. Nur an den Menschen schien er auf eine seltsame Weise vorüber gegangen zu sein. Sie lebten in Dörfern, die zwischen Pappelwäldern und Rübenäckern eingeklemmt waren wie Hasen in der Ackerfurche. Buchsbäume und Baccararosen wuchsen in ihren Vorgärten. Es gab wilde Kühe, die allnächtlich durchs Dorf liefen und verrückte Bauern, die seit vielen Generationen den gleichen Hof bewirtschafteten und ihre Ehen innerhalb der Familie schlossen. Jede Generation dieser alten Geschlechter brachte einen Sprössling hervor, dessen Unterlippe ein wenig herunter hing. Meistens waren es Männer. Kleine träumende Jungen, die in den Körpern von Landarbeitern steckten. In ihren Familien riefen sie Scham hervor und Depressionen und Frömmigkeit.




