Das Geschenk der Königin (23)
Inzwischen hatten wir das Nordhaus erreichten. Bei jedem Schritt schlugen unsere Ketten auf den Boden. Wir bewegten uns durch eine Kakophonie aus Metall. Diener und Beamte schreckten aus dem Schweigen ihrer Verrichtungen empor und steckten ihre Köpfen aus den Eichentüren. Die Flüche erstarben auf ihren Lippen, als sie unseren Führer erblickten. Der Engländer führte uns weiter, bis wir endlich vor einer Flügeltüre halt machten. Sie war aus Eiche und in der Mitte zeichnete ein Relief in sieben Stationen den Lebensweg des christlichen Messias nach. Sein Gesicht wirkte fleischig und etwas plump. Dennoch war jede Falte seines Kleides und jede Haarsträhne mit einer Genauigkeit ausgearbeitet worden, dass ich unwillkürlich zurück wich. Auch der Raum dahinter wirkte auf meine Seele wie ein Angriff aus Farben und Formen. Die Wände waren bis zur Decke mit leuchtenden Bildern geschmückt. Erst aus der Nähe erkannte ich, dass es sich um Mosaike handelte. Sie bestanden aus winzigen Kacheln, die kaum größer waren als der Nagel meines kleinen Fingers. Darstellungen von Palmen, Leoparden, Löwen, Kamele und einigen Rüsselschweinen reihten sich an ornamentale Flächen. An der Seitenwand hingen drei seltsame silberne Scheiben von der Größe eines ausgestreckten Arms. Erst nach einiger Zeit erkannte ich, dass darin die Teile der bewohnbaren Welt eingraviert waren. Europa, Afrika und Asien. Es schienen in Silber gegossene Darstellungen der Welt zu sein. Sie ähnelten den Abbildungen in jenem Werk des Erastosthenes, das mir in Lissabon zum Verhängnis geworden war.
~
Als der König sicher sein konnte, dass wir alle den Raum betreten hatten, erhob er sich langsam und wandte uns sein Gesicht zu. Ich erschrak und wich unwillkürlich zurück. Im Gesicht des Herrschers erkannte ich die Züge des Messias, der auch auf der Eingangstüre abgebildet war. Der König war ein großer, schwerer Mann, mit einem langen, kräftigen Hals und breiten Schultern. Seine Haare waren hell wie schmutziger Sand und seine Haut etwas teigig. Furchen hatten sich um seinen Mund eingegraben, aber seine Stirn war glatt. Seine leuchtenden, blauen Augen wanderten beständig umher, als suchten sie in jedem Augenblick ein neues Ziel.
Er lächelte und blickte die Königin an, dann verbeuge er sich tiefer als nötig gewesen wäre. Er deutete einen Handkuss an. Die Königin lächelte nicht, aber ihre Augen glänzten. Der Sizilianer kehrte von seiner Verbeugung zurück wie von einer Reise. Er stand nun so nah bei der Herrscherin, dass er sie leicht hätte berühren können.
„Verehrte Majestät, Königin von Frankreich, Herzogin von Aquitanien ihr seid die größte Frau des Abendlandes. Eure Macht und der Ruf eurer gottgefälligen Taten strahlt weit über die Grenzen eures Landes hinaus.“
Bei der Aufzählung ihrer Titel lächelte sie. Doch der König hatte seinen Vorrat an Schmeicheleien noch nicht aufgebraucht.
“Aber noch mehr als den Glanz euer irdischen Besitztümer bewundere ich eure Schönheit. Sie strahlt heller als alles Licht des grenzenlosen Universums. Hätte ich euer Kommen geahnt, würden nun meine Hofpoeten einige Verse zu euren Ehren sprechen.“
Sarazin lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. Er blinzelte mit einem Auge und beugte sich zu mir herüber. „Hier hat wohl der Hofpoet schon Hand angelegt.“
Ich verstand nicht sofort, was er meinte und fürchtete, dass die Königin ihn flüstern hörte. Aber sie beachtete uns gar nicht.
„Verzeiht, wenn ich euch beim Namen nenne, Eleonore. Aber ihr seid die vornehmste und schönste Herrscherin des Abendlandes. Lasst uns einander betrachten wie Verwandte. Denn schließlich waren eure und meine Vorfahren Franzosen. Sprösslinge des gleichen Landes. Verfügt über meine Paläste und bleibt solang es euch beliebt. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass euer Schiff wieder seetüchtig gemacht wird. Falls Ihr abzureisen gedenkt, steht euch meine Flotte zur Verfügung. Sie wird euch geleiten, wohin Ihr es wünscht“.
Die Königin lächelte ohne die Augen zu bewegen.
„Verehrter Roger, König von Sizilien, Apulien und Kalabrien ich danke euch für die Ehre eurer Gastfreundschaft. Mein Schiff wurde von der Flotte meines Gemahls getrennt, als uns byzantinische Piraten angriffen. Sie waren ruchlos, so viel steht fest. In eurem Fall bin ich nicht so sicher.“
Sie lächelte und fuhr fort.
„Ich zweifele nicht daran, dass wir in eurem Palast mit den größten Ehren aufgenommen werden. Vermutliche werden wir Dinge sehen, die am Hof von Paris auf neidvolles Erstaunen stießen. Aber kann ich mir sicher sein, dass ich eure edle Gastfreundschaft nicht gegen Lösgeld werde eintauschen müssen?“
Der König blickte sie zunächst überrascht an, dann bildete sich in wenigen Augenblicken eine leichte Rötung auf seiner Stirn. Sie schien blitzschnell zu wachsen. Der Raum war erfüllt von seinem Zorn. Er richtete sich auf und schien mit seinem massigen Kopf die Decke zu berühren.
Unwillkürlich duckte ich mich, denn der Ausdruck in den Augen des Sizilianers ließ keinen Zweifel daran, dass er bereit war zu töten. Die Leibwachen der Königin traten einen Schritt zurück und griffen in einer absurden Gleichzeitigkeit nach ihren Schwertern. Der König beachtete sie nicht, sondern beugte sich langsam zur Königin hinab. Sie wich nicht einen Zoll zurück. Sondern blickte ihn unverhohlen an, als könne sie nichts erschüttern. Dann plötzlich lächelt er, mitten in die unausgesprochene Drohung hinein.
[...]
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Er lächelte und blickte die Königin an, dann verbeuge er sich tiefer als nötig gewesen wäre. Er deutete einen Handkuss an. Die Königin lächelte nicht, aber ihre Augen glänzten. Der Sizilianer kehrte von seiner Verbeugung zurück wie von einer Reise. Er stand nun so nah bei der Herrscherin, dass er sie leicht hätte berühren können.
„Verehrte Majestät, Königin von Frankreich, Herzogin von Aquitanien ihr seid die größte Frau des Abendlandes. Eure Macht und der Ruf eurer gottgefälligen Taten strahlt weit über die Grenzen eures Landes hinaus.“
Bei der Aufzählung ihrer Titel lächelte sie. Doch der König hatte seinen Vorrat an Schmeicheleien noch nicht aufgebraucht.
“Aber noch mehr als den Glanz euer irdischen Besitztümer bewundere ich eure Schönheit. Sie strahlt heller als alles Licht des grenzenlosen Universums. Hätte ich euer Kommen geahnt, würden nun meine Hofpoeten einige Verse zu euren Ehren sprechen.“
Sarazin lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. Er blinzelte mit einem Auge und beugte sich zu mir herüber. „Hier hat wohl der Hofpoet schon Hand angelegt.“
Ich verstand nicht sofort, was er meinte und fürchtete, dass die Königin ihn flüstern hörte. Aber sie beachtete uns gar nicht.
„Verzeiht, wenn ich euch beim Namen nenne, Eleonore. Aber ihr seid die vornehmste und schönste Herrscherin des Abendlandes. Lasst uns einander betrachten wie Verwandte. Denn schließlich waren eure und meine Vorfahren Franzosen. Sprösslinge des gleichen Landes. Verfügt über meine Paläste und bleibt solang es euch beliebt. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass euer Schiff wieder seetüchtig gemacht wird. Falls Ihr abzureisen gedenkt, steht euch meine Flotte zur Verfügung. Sie wird euch geleiten, wohin Ihr es wünscht“.
Die Königin lächelte ohne die Augen zu bewegen.
„Verehrter Roger, König von Sizilien, Apulien und Kalabrien ich danke euch für die Ehre eurer Gastfreundschaft. Mein Schiff wurde von der Flotte meines Gemahls getrennt, als uns byzantinische Piraten angriffen. Sie waren ruchlos, so viel steht fest. In eurem Fall bin ich nicht so sicher.“
Sie lächelte und fuhr fort.
„Ich zweifele nicht daran, dass wir in eurem Palast mit den größten Ehren aufgenommen werden. Vermutliche werden wir Dinge sehen, die am Hof von Paris auf neidvolles Erstaunen stießen. Aber kann ich mir sicher sein, dass ich eure edle Gastfreundschaft nicht gegen Lösgeld werde eintauschen müssen?“
Der König blickte sie zunächst überrascht an, dann bildete sich in wenigen Augenblicken eine leichte Rötung auf seiner Stirn. Sie schien blitzschnell zu wachsen. Der Raum war erfüllt von seinem Zorn. Er richtete sich auf und schien mit seinem massigen Kopf die Decke zu berühren.
Unwillkürlich duckte ich mich, denn der Ausdruck in den Augen des Sizilianers ließ keinen Zweifel daran, dass er bereit war zu töten. Die Leibwachen der Königin traten einen Schritt zurück und griffen in einer absurden Gleichzeitigkeit nach ihren Schwertern. Der König beachtete sie nicht, sondern beugte sich langsam zur Königin hinab. Sie wich nicht einen Zoll zurück. Sondern blickte ihn unverhohlen an, als könne sie nichts erschüttern. Dann plötzlich lächelt er, mitten in die unausgesprochene Drohung hinein.
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