Das Geschenk der Königin (22)
Mein Herz schlug bis zum Hals. Der Schiffszimmermann verschwand im selben Augenblick, um sein Werkzeug zu hohlen.
„Die Verletzten sollten wir ebenfalls zum Palast bringen. Dort gibt es die besten Ärzte, die ihr in der christlichen Welt finden könnt.“ schlug der Kanzler vor.
„Ihr werdet am Hofe König Rogers nicht nur Schönheit, sondern auch Klugheit und Weisheit finden. Der König hat Gelehrte aller Wissenschaften um sich versammelt, Ärzte, Astronomen und Geographen, aber auch Beamte verschiedener Länder, welche die besten Ratgeber sind.“
„Sie sind allesamt Sarazenen, nehme ich an?“ sagte die Königin etwas verächtlich. Sie benutzte das Wort so, wie Sarazin alle Menschen ‚Franken' nannte, deren Herkunft er nördlich von Damaskus vermutete.
„Einige sind in der Tat spanische oder marokkanische Mauren. Andere Araber aus dem alten Kalifengeschlecht der Umayaden. Und manche Normannen oder Engländer. So wie meine bescheidene Person. In meiner Kanzlei werden Urkunden in allen drei Sprachen der Welt ausgestellt. Ihr werdet es sehen.“
„Und welches sind die drei Sprachen eurer Welt?“ fragte die Königin.
„Arabisch, Griechisch und Latein.“~
Der Schiffszimmermann löste den eisernen Ring, an den wir gekettet waren. Er führte uns hinunter, während die Araber eine Gasse durch die Menschenmenge bildeten. Inzwischen hatte sich der gesamte Hafen mit Neugierigen gefüllt. Aber keiner der Bewohner Palermos wagte es, näher als zwei Fuß an die gelben Soldaten heran zu treten. Nur einige Christen spuckten hinter ihrem Rücken aus.
Zuerst wurden die Toten von Deck gebracht. Dann verließ die Königin das Schiff. Sie schritt unter dem Baldachin des Kanzlers durch die Menge als erwarte sie einen Kniefall. Dahinter folgten die normannische Leibgarde und schließlich Sarazin und ich. Wir waren durch Fußfesseln aneinander gebunden und bewegten uns träge, wie fußlahme Wildtiere. Außerdem schwankte der Boden unter unseren Füßen, weil wir das schaukelnde Deck eines Schiffes plötzlich gegen festen Grund eingetauscht hatten. Sogar die Königin, bewegte sich in kaum merklichen Schlangenlinien, als wäre sie noch auf einer schwankenden, hölzernen Plattform und nicht auf gepflasterten Wegen. Glücklicherweise kam die fränkische Herrscherin in ihrem gewaltigen Kleid nur sehr langsam voran, so dass wir trotzt der Ketten den Anschluss nicht verloren.
Ein Stück hinter uns schleppten zwei Soldaten die Trage des Zeugmeisters. Sie verwünschten leise sein Gewicht. Seine Wunde hatte sich inzwischen geschlossen und nur ein wenig Wasser sickerte noch daraus hervor. Aber die Haut war bleich wie die Gesichter der Toten und er blickte wie sie mit leeren Augen in den Himmel. So zogen wir in einer langen Reihe langsam und schwankend durch die Stadt. Bis wir schließlich die Spitze des Palasthügels erreichten.
Vor dem Gebäude öffnete sich ein großer Park, der von Dattelpalmen und Jasminbüschen begrenzt wurde. Er war eine Melodie, eine Komposition aus Weiß, Gelb und dem Grün alter Bäume. Rosen wuchsen hier, deren Blüten so üppig waren, dass sie überquollen vor Blättern. Dazwischen wucherten Lilien, deren gewaltige Kelche herabhingen von ihrem eigenen Gewicht. Sie verströmten einen fast körperhaften Duft. Dahinter blühte Ginster und der schwere Geruch des Jasmins legte sich über uns wie eine Decke. Zwischen den Büschen wuchsen Granatäpfel und Eichen. Die Bäume absorbierten einen Teil der Hitze und ließen diesen Ort wie das Zentrum des Paradieses erscheinen. Der Garten lag unmittelbar neben der Palastmauer. Sie bildete eine fast natürlich anmutende Begrenzung und wirkte wie ein Fels, der aus der Vegetation empor ragte.
Als wir uns dem Haupttor näheren, das durch eine kleine Zugbrücke gesichert wurde, wandte sich der Kanzler an seine Begleiter.
„Erlaubt, wenn ich euch ein wenig über dieses Gebäude berichte, das selbst den Palästen eurer Heimat in nur wenigem nachstehen dürfte.“
Die Königin nickte und hob die Hand, damit unser Zug zum stehen kam.
„Der König hat diesen Palast im Jahre 1112 erbauen lassen, als er die Hauptstadt seines Reiches von Messina nach Palermo verlegte. Den Grundriss hat der berühmte sarazenische Baumeister „Ibn ab del Mansu“ entworfen. der auch die Herrschaftssitz des Emirs von Damaskus erbaut hat. Beachtet die Türme. Der hintere wird Pisaner Turm genannt, weil er durch Steinmetze aus Pisa erbaut wurde. Dort befindet sich der Herrschersaal. Auf der anderen Seite erkennt ihr den arabischen Turm. Seine Fundamente und das Mauerwerk stammen noch aus der Zeit der Kalifen, als die Sarazenen über Palermo herrschten.“
Dieses arabische Turmdach war mit weißlichen Ziegeln bedeckt, die von ferne schimmerten wie Glas. Der Kanzler schien nun seinen Vortrag beendet zu haben und führte uns hinein. Als wir das Tor durchquerten, schlug uns der Anblick des Palastes wie ein scharfer Wind aus Sinneseindrücken entgegen. Was wir zunächst für die Wände des Gebäudes gehalten hatten, war lediglich eine äußere Ummauerung, die an ihrer Basis mindestens zehn Fuß stark war. Erst im Inneren erhob sich der wirkliche Palast wie ein riesiger Quader, der auf drei Stockwerken von einem Band von Fenstern durchzogen wurde. Es war, als könne der Wind ungehindert durch die Mauern wehen. Die Fenster wurden jeweils durch zwei Spitzbögen gestützt, die auf einer Marmorsäule ruhten. Die gesamten Außenwände waren mit winzigen goldenen und weißen Kacheln bekleidet. Diese Ornamente schienen das Licht der Sonne zu verstärken und tauchten das Gebäude in eine Hülle aus Licht. Im hinteren Teil schloss sich eine Kapelle direkt an das Palastgebäude an.
Überall zwischen der inneren und der äußeren Mauer waren blaue und rote Holzhütten direkt an das Gebäude gezimmert worden. Handwerker, Händler und Bürger bevölkerten die Wege. Sie wechselten von einer Werkstatt in die andere oder stellten ihre Waren in die Sonne. Vor den Hütten hing Seide, Brokat und Damast in allen Farben. Schmuck und Kleider wurden ausgestellt, die dem Gewand der Königin in nichts nachstanden. Teller, Lampen und sogar verzierte, goldene Rüstungen warteten auf einen Käufer oder vielleicht auf einen Höfling, der die bestellte Ware abholen würde.
„Der König bittet darum, euch in seinen Privatgemächern empfangen zu dürfen.“ sagte der Kanzler mit einer albernen Verbeugung. Er führte uns ins Innere des Herrscherhauses. Nur die Toten blieben zurück.
Als wir die Eingangspforte hinter uns gelassen hatten, durchquerten wir zunächst eine breite Halle. Dann betraten wir einen Säulengang. Er zog sich rund um einen Innenhof, der mit Jasmin, Oleander und Dattelpalmen bepflanzt war. Auf allen Stockwerken mündeten die Räume in eine Galerie, so dass sich die Türen wie Perlen auf einer Schnur aneinander reihten. Einige waren geöffnet, so dass ich über den Hof hinweg durch das ganze Gebäude hindurch schauen konnte. Das Gebäude schien transparent zu sein, wie ein steinernes Glas. Trotz meines erbärmlichen Zustandes konnte ich nicht umhin, diesem Palast des Lichtes eine eigentümliche Form von Achtung entgegen zu bringen.
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„Die Verletzten sollten wir ebenfalls zum Palast bringen. Dort gibt es die besten Ärzte, die ihr in der christlichen Welt finden könnt.“ schlug der Kanzler vor.
„Ihr werdet am Hofe König Rogers nicht nur Schönheit, sondern auch Klugheit und Weisheit finden. Der König hat Gelehrte aller Wissenschaften um sich versammelt, Ärzte, Astronomen und Geographen, aber auch Beamte verschiedener Länder, welche die besten Ratgeber sind.“
„Sie sind allesamt Sarazenen, nehme ich an?“ sagte die Königin etwas verächtlich. Sie benutzte das Wort so, wie Sarazin alle Menschen ‚Franken' nannte, deren Herkunft er nördlich von Damaskus vermutete.
„Einige sind in der Tat spanische oder marokkanische Mauren. Andere Araber aus dem alten Kalifengeschlecht der Umayaden. Und manche Normannen oder Engländer. So wie meine bescheidene Person. In meiner Kanzlei werden Urkunden in allen drei Sprachen der Welt ausgestellt. Ihr werdet es sehen.“
„Und welches sind die drei Sprachen eurer Welt?“ fragte die Königin.
„Arabisch, Griechisch und Latein.“
Zuerst wurden die Toten von Deck gebracht. Dann verließ die Königin das Schiff. Sie schritt unter dem Baldachin des Kanzlers durch die Menge als erwarte sie einen Kniefall. Dahinter folgten die normannische Leibgarde und schließlich Sarazin und ich. Wir waren durch Fußfesseln aneinander gebunden und bewegten uns träge, wie fußlahme Wildtiere. Außerdem schwankte der Boden unter unseren Füßen, weil wir das schaukelnde Deck eines Schiffes plötzlich gegen festen Grund eingetauscht hatten. Sogar die Königin, bewegte sich in kaum merklichen Schlangenlinien, als wäre sie noch auf einer schwankenden, hölzernen Plattform und nicht auf gepflasterten Wegen. Glücklicherweise kam die fränkische Herrscherin in ihrem gewaltigen Kleid nur sehr langsam voran, so dass wir trotzt der Ketten den Anschluss nicht verloren.
Ein Stück hinter uns schleppten zwei Soldaten die Trage des Zeugmeisters. Sie verwünschten leise sein Gewicht. Seine Wunde hatte sich inzwischen geschlossen und nur ein wenig Wasser sickerte noch daraus hervor. Aber die Haut war bleich wie die Gesichter der Toten und er blickte wie sie mit leeren Augen in den Himmel. So zogen wir in einer langen Reihe langsam und schwankend durch die Stadt. Bis wir schließlich die Spitze des Palasthügels erreichten.
Vor dem Gebäude öffnete sich ein großer Park, der von Dattelpalmen und Jasminbüschen begrenzt wurde. Er war eine Melodie, eine Komposition aus Weiß, Gelb und dem Grün alter Bäume. Rosen wuchsen hier, deren Blüten so üppig waren, dass sie überquollen vor Blättern. Dazwischen wucherten Lilien, deren gewaltige Kelche herabhingen von ihrem eigenen Gewicht. Sie verströmten einen fast körperhaften Duft. Dahinter blühte Ginster und der schwere Geruch des Jasmins legte sich über uns wie eine Decke. Zwischen den Büschen wuchsen Granatäpfel und Eichen. Die Bäume absorbierten einen Teil der Hitze und ließen diesen Ort wie das Zentrum des Paradieses erscheinen. Der Garten lag unmittelbar neben der Palastmauer. Sie bildete eine fast natürlich anmutende Begrenzung und wirkte wie ein Fels, der aus der Vegetation empor ragte.
Als wir uns dem Haupttor näheren, das durch eine kleine Zugbrücke gesichert wurde, wandte sich der Kanzler an seine Begleiter.
„Erlaubt, wenn ich euch ein wenig über dieses Gebäude berichte, das selbst den Palästen eurer Heimat in nur wenigem nachstehen dürfte.“
Die Königin nickte und hob die Hand, damit unser Zug zum stehen kam.
„Der König hat diesen Palast im Jahre 1112 erbauen lassen, als er die Hauptstadt seines Reiches von Messina nach Palermo verlegte. Den Grundriss hat der berühmte sarazenische Baumeister „Ibn ab del Mansu“ entworfen. der auch die Herrschaftssitz des Emirs von Damaskus erbaut hat. Beachtet die Türme. Der hintere wird Pisaner Turm genannt, weil er durch Steinmetze aus Pisa erbaut wurde. Dort befindet sich der Herrschersaal. Auf der anderen Seite erkennt ihr den arabischen Turm. Seine Fundamente und das Mauerwerk stammen noch aus der Zeit der Kalifen, als die Sarazenen über Palermo herrschten.“
Dieses arabische Turmdach war mit weißlichen Ziegeln bedeckt, die von ferne schimmerten wie Glas. Der Kanzler schien nun seinen Vortrag beendet zu haben und führte uns hinein. Als wir das Tor durchquerten, schlug uns der Anblick des Palastes wie ein scharfer Wind aus Sinneseindrücken entgegen. Was wir zunächst für die Wände des Gebäudes gehalten hatten, war lediglich eine äußere Ummauerung, die an ihrer Basis mindestens zehn Fuß stark war. Erst im Inneren erhob sich der wirkliche Palast wie ein riesiger Quader, der auf drei Stockwerken von einem Band von Fenstern durchzogen wurde. Es war, als könne der Wind ungehindert durch die Mauern wehen. Die Fenster wurden jeweils durch zwei Spitzbögen gestützt, die auf einer Marmorsäule ruhten. Die gesamten Außenwände waren mit winzigen goldenen und weißen Kacheln bekleidet. Diese Ornamente schienen das Licht der Sonne zu verstärken und tauchten das Gebäude in eine Hülle aus Licht. Im hinteren Teil schloss sich eine Kapelle direkt an das Palastgebäude an.
Überall zwischen der inneren und der äußeren Mauer waren blaue und rote Holzhütten direkt an das Gebäude gezimmert worden. Handwerker, Händler und Bürger bevölkerten die Wege. Sie wechselten von einer Werkstatt in die andere oder stellten ihre Waren in die Sonne. Vor den Hütten hing Seide, Brokat und Damast in allen Farben. Schmuck und Kleider wurden ausgestellt, die dem Gewand der Königin in nichts nachstanden. Teller, Lampen und sogar verzierte, goldene Rüstungen warteten auf einen Käufer oder vielleicht auf einen Höfling, der die bestellte Ware abholen würde.
„Der König bittet darum, euch in seinen Privatgemächern empfangen zu dürfen.“ sagte der Kanzler mit einer albernen Verbeugung. Er führte uns ins Innere des Herrscherhauses. Nur die Toten blieben zurück.
Als wir die Eingangspforte hinter uns gelassen hatten, durchquerten wir zunächst eine breite Halle. Dann betraten wir einen Säulengang. Er zog sich rund um einen Innenhof, der mit Jasmin, Oleander und Dattelpalmen bepflanzt war. Auf allen Stockwerken mündeten die Räume in eine Galerie, so dass sich die Türen wie Perlen auf einer Schnur aneinander reihten. Einige waren geöffnet, so dass ich über den Hof hinweg durch das ganze Gebäude hindurch schauen konnte. Das Gebäude schien transparent zu sein, wie ein steinernes Glas. Trotz meines erbärmlichen Zustandes konnte ich nicht umhin, diesem Palast des Lichtes eine eigentümliche Form von Achtung entgegen zu bringen.
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