Das Geschenk der Königin (21)
Als sich die Prozession näherte, betrat die Herzogin von Aquitanien das Deck. Die Soldaten wichen einige Zentimeter zurück, als ginge ein Zauber von ihr aus. Nichts hatte die Ankunft der sizilianischen Prozession angekündigt. Es schien als habe eine Ahnung sie geleitet. Aber vielleicht hatte sie das Geschen auch nur durch eine Ritze in der Wand beobachtet.
Sie trug nun das Kleid einer Königin. Es war aus purpurnem Damast gefertigt, der mit goldenen Rosen bestickt war. Auf dem geschlossenen Kragen hatten die französischen Schneider Perlen und Bergkristall appliziert ohne dass auch nur ein einziger Faden sichtbar geworden wäre. Das Gewand schien wie ein Teil der göttlichen Schöpfung. Die Steine schimmerten, als spiegelten sie das Licht des mitternächtlichen Sternehimmels und tauchten ihr Gesicht in eine klare, übernatürliche Helligkeit. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrem Hals und liefen in den Kragen hinab.
Nun da der Würdenträger die Menschenmenge erreichte, bildete sich eine Gasse. Aber sie war nicht breit genug. Als sich die Träger hindurchzwängten, fiel der Baldachin in sich zusammen. Er berührte den Kopf des hoch gewachsenen Mannes und wirkte wie ein getrockneter Pfirsich. Sarazin grinste. Einige Straßenjungen johlten. Aber niemand sonst wagte es auch nur eine Miene zu verziehen. Auch der Würdenträger ließ sich nichts anmerken und ging aufrecht weiter. Erst als er die Hafenmauer erreichte, schälte er sich aus dem Stoff. Mit einer erstaunlichen Wendigkeit betrat er den Landungssteg.
Die Königin stand reglos an Deck. Die arabischen Besatzer hielten ihre Augen auf die Leibgardisten gerichtet und warteten auf einen Kampf. Aber die Herzogin von Aquitanien schien die Anspannung nicht einmal zu bemerkten. Nichts deutete darauf hin, dass sie mit ihrem blutüberströmten, zerbrochen Schiff im Hafen Palermos gestrandet war. Noch weniger hätte ein uneingeweihter Betrachter vermutet, dass auch sie einem mehr als ungewissen Schicksal entgegen ging. Der hellhäutige Mann blieb nun einige Meter vor ihr stehen und wartete. Seine Soldaten versammeln sich hinter ihm, als gelte es die Gegenwart der normannischen Ritter auszugleichen. Die Königin betrachtete ihn grußlos, als wäre er ein Bittsteller, den sie gleich abzuweisen gedachte. Für einen Moment steigerte sich unsere Anspannung. Zwischen den Kämpfern entstand eine unsichtbare Saite, die langsam bis zum Zerreißen gespannt wurde. Die Gardisten hoben ihre Köpfe, fixierten die Araber und hofften auf ein Zeichen ihrer Herrin. Ihre Rüstungen waren noch mit Blut bedeckt. Sie rochen nach Schweiß, Kot und Urin. Dieser Geruch des Todes verlieh den abgekämpften Männern eine Aura der Verachtung für alles Lebendige, die selbst die Araber zu beeindrucken schien.
Aber der sizilianische Würdenträger schien das Alles nicht wahrzunehmen. Er verbeugte sich fast bis zum Saum des königlichen Kleides. Und je tiefer er sich neigte, umso geübter schienen seine Bewegungen. Noch während er sich wieder aufrichtete, begann er zu sprechen.
„Der König von Sizilien, des Herzogtums Apulien und Fürstentums Kapuas überbringt der Königin Frankreichs und Herzogin Aquitaniens, dem herrlichsten und gewaltigsten aller Länder des Okzidents, seine hochachtungsvollsten und ehrerbietigsten Grüße.“
„Euer König neigt zu Übertreibungen, dabei ist er nicht einmal Italiener.“ antwortete sie. Der Würdenträger lächelte mit den Mundwinkeln, nahm aber sofort seine steife Haltung wieder ein. Auch die Stimme der Königin verstieg sich nun in einem salbungsvollen Ton.
„Die Königin Frankreichs und Herzogin Aquitaniens erwidert den Gruß des Königs Roger von Sizilien, Apulien und Kapuas. Wir kommen aus dem heiligen Land und sind von einer byzantinischen Flotte verfolgt und überfallen worden, obwohl der Kaiser den Heeren der Kreuzfahrer freies Geleit und Proviant zugesichert hatte. Aber wir protestieren gegen unsere Gefangennahme durch Eure barbarischen, ungläubigen Söldner. Wir und auch unser Gemahl werden Vergeltung üben, wenn euer König gedenkt seinen Reichtum durch Lösegeld zu mehren.“
Für einen Moment war der Diplomat sprachlos. Er lächelte.
„Eurer Bitte um christlichen Beistand in Seenot wollen wir gerne nachkommen und euch im Königreich Sizilien mit allen Ehren einer Herrscherin empfangen. Ich selbst stehe euch als Diener stets zur Verfügung. Mein Name ist Robert von Selby. Ich bin der Kanzler des Königs. Um die große Freude über euren Besuch auszudrücken, trug er mir auf, euch ein kleines Begrüßungsgeschenk zu überreichen. Anschließend würde er sich glücklich schätzen, wenn ihr ihm eine Audienz gewährtet. Danach könnt ihr über seinen Palast verfügen oder zu eurem Schiff zurückkehren. Ganz wie es euch beliebt.“
Er hob die Hand. Ein Diener brachte eine kleine Schatulle, die mit einem winzigen Schloss aus Silber versperrt war. Er öffnete es und hob den Deckel. Darin befand sich ein goldenes Horn an einer Kette. Die Glieder waren so fein gearbeitet, dass sie zu einem biegsamen schimmernden Faden verschmolzen. Für einen Moment verzog die Königin den Mund, denn das Geschenk war kaum größer als ihr kleiner Finger.
„Was ihr dort seht, Majestät, ist die feinste Arbeit des Hofgoldschmiedes. Das Horn ist das Symbol dieser Insel. Diese winzigen Diamanten, die hier eingearbeitet sind, stellen den Sternehimmel dar.“
Nun erst schien die Königin zu entdecken, wovon der Kanzler sprach. Sie beugte sich über die Schatulle und kicherte kaum hörbar. In einem einzigen Augenblick verwandelte sie sich in ein lächelndes Mädchen, das den nächtlichen Sternenhimmel bewundert.
„Ein schönes Geschenk. Wenn auch etwas klein.“ sagte sie schließlich. Danach verschloss ihr Gesicht, als wäre es ein Fächer. Der Kanzler schien erreicht zu haben, was er wollte. Er verbeugte sich. Aber nun nicht mehr ganz so tief, wie beim ersten Mal.
„Der König Siziliens wird erfreut sein, euch in seinem Palast zu begrüßen.“
Eleonore warf einen letzten Blick auf die Schatulle. Seltsamerweise umwölkte sich ihr Gesicht. Es schien als habe sie etwas vergessen. Als würde sie noch etwas benötigen, auf das sie keinesfalls verzichten konnte. Ich spürte ihren Blick. Sie sah mich an. Er war wie ein kaltes Licht und ich musste gegen den Drang ankämpfen, meine Augen zu schließen. Dann hörte ich ihre Stimme.
„Den Koch und den Juden werden wir mitnehmen.“
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Sie trug nun das Kleid einer Königin. Es war aus purpurnem Damast gefertigt, der mit goldenen Rosen bestickt war. Auf dem geschlossenen Kragen hatten die französischen Schneider Perlen und Bergkristall appliziert ohne dass auch nur ein einziger Faden sichtbar geworden wäre. Das Gewand schien wie ein Teil der göttlichen Schöpfung. Die Steine schimmerten, als spiegelten sie das Licht des mitternächtlichen Sternehimmels und tauchten ihr Gesicht in eine klare, übernatürliche Helligkeit. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrem Hals und liefen in den Kragen hinab.
Nun da der Würdenträger die Menschenmenge erreichte, bildete sich eine Gasse. Aber sie war nicht breit genug. Als sich die Träger hindurchzwängten, fiel der Baldachin in sich zusammen. Er berührte den Kopf des hoch gewachsenen Mannes und wirkte wie ein getrockneter Pfirsich. Sarazin grinste. Einige Straßenjungen johlten. Aber niemand sonst wagte es auch nur eine Miene zu verziehen. Auch der Würdenträger ließ sich nichts anmerken und ging aufrecht weiter. Erst als er die Hafenmauer erreichte, schälte er sich aus dem Stoff. Mit einer erstaunlichen Wendigkeit betrat er den Landungssteg.
Die Königin stand reglos an Deck. Die arabischen Besatzer hielten ihre Augen auf die Leibgardisten gerichtet und warteten auf einen Kampf. Aber die Herzogin von Aquitanien schien die Anspannung nicht einmal zu bemerkten. Nichts deutete darauf hin, dass sie mit ihrem blutüberströmten, zerbrochen Schiff im Hafen Palermos gestrandet war. Noch weniger hätte ein uneingeweihter Betrachter vermutet, dass auch sie einem mehr als ungewissen Schicksal entgegen ging. Der hellhäutige Mann blieb nun einige Meter vor ihr stehen und wartete. Seine Soldaten versammeln sich hinter ihm, als gelte es die Gegenwart der normannischen Ritter auszugleichen. Die Königin betrachtete ihn grußlos, als wäre er ein Bittsteller, den sie gleich abzuweisen gedachte. Für einen Moment steigerte sich unsere Anspannung. Zwischen den Kämpfern entstand eine unsichtbare Saite, die langsam bis zum Zerreißen gespannt wurde. Die Gardisten hoben ihre Köpfe, fixierten die Araber und hofften auf ein Zeichen ihrer Herrin. Ihre Rüstungen waren noch mit Blut bedeckt. Sie rochen nach Schweiß, Kot und Urin. Dieser Geruch des Todes verlieh den abgekämpften Männern eine Aura der Verachtung für alles Lebendige, die selbst die Araber zu beeindrucken schien.
Aber der sizilianische Würdenträger schien das Alles nicht wahrzunehmen. Er verbeugte sich fast bis zum Saum des königlichen Kleides. Und je tiefer er sich neigte, umso geübter schienen seine Bewegungen. Noch während er sich wieder aufrichtete, begann er zu sprechen.
„Der König von Sizilien, des Herzogtums Apulien und Fürstentums Kapuas überbringt der Königin Frankreichs und Herzogin Aquitaniens, dem herrlichsten und gewaltigsten aller Länder des Okzidents, seine hochachtungsvollsten und ehrerbietigsten Grüße.“
„Euer König neigt zu Übertreibungen, dabei ist er nicht einmal Italiener.“ antwortete sie. Der Würdenträger lächelte mit den Mundwinkeln, nahm aber sofort seine steife Haltung wieder ein. Auch die Stimme der Königin verstieg sich nun in einem salbungsvollen Ton.
„Die Königin Frankreichs und Herzogin Aquitaniens erwidert den Gruß des Königs Roger von Sizilien, Apulien und Kapuas. Wir kommen aus dem heiligen Land und sind von einer byzantinischen Flotte verfolgt und überfallen worden, obwohl der Kaiser den Heeren der Kreuzfahrer freies Geleit und Proviant zugesichert hatte. Aber wir protestieren gegen unsere Gefangennahme durch Eure barbarischen, ungläubigen Söldner. Wir und auch unser Gemahl werden Vergeltung üben, wenn euer König gedenkt seinen Reichtum durch Lösegeld zu mehren.“
Für einen Moment war der Diplomat sprachlos. Er lächelte.
„Eurer Bitte um christlichen Beistand in Seenot wollen wir gerne nachkommen und euch im Königreich Sizilien mit allen Ehren einer Herrscherin empfangen. Ich selbst stehe euch als Diener stets zur Verfügung. Mein Name ist Robert von Selby. Ich bin der Kanzler des Königs. Um die große Freude über euren Besuch auszudrücken, trug er mir auf, euch ein kleines Begrüßungsgeschenk zu überreichen. Anschließend würde er sich glücklich schätzen, wenn ihr ihm eine Audienz gewährtet. Danach könnt ihr über seinen Palast verfügen oder zu eurem Schiff zurückkehren. Ganz wie es euch beliebt.“
Er hob die Hand. Ein Diener brachte eine kleine Schatulle, die mit einem winzigen Schloss aus Silber versperrt war. Er öffnete es und hob den Deckel. Darin befand sich ein goldenes Horn an einer Kette. Die Glieder waren so fein gearbeitet, dass sie zu einem biegsamen schimmernden Faden verschmolzen. Für einen Moment verzog die Königin den Mund, denn das Geschenk war kaum größer als ihr kleiner Finger.
„Was ihr dort seht, Majestät, ist die feinste Arbeit des Hofgoldschmiedes. Das Horn ist das Symbol dieser Insel. Diese winzigen Diamanten, die hier eingearbeitet sind, stellen den Sternehimmel dar.“
Nun erst schien die Königin zu entdecken, wovon der Kanzler sprach. Sie beugte sich über die Schatulle und kicherte kaum hörbar. In einem einzigen Augenblick verwandelte sie sich in ein lächelndes Mädchen, das den nächtlichen Sternenhimmel bewundert.
„Ein schönes Geschenk. Wenn auch etwas klein.“ sagte sie schließlich. Danach verschloss ihr Gesicht, als wäre es ein Fächer. Der Kanzler schien erreicht zu haben, was er wollte. Er verbeugte sich. Aber nun nicht mehr ganz so tief, wie beim ersten Mal.
„Der König Siziliens wird erfreut sein, euch in seinem Palast zu begrüßen.“
Eleonore warf einen letzten Blick auf die Schatulle. Seltsamerweise umwölkte sich ihr Gesicht. Es schien als habe sie etwas vergessen. Als würde sie noch etwas benötigen, auf das sie keinesfalls verzichten konnte. Ich spürte ihren Blick. Sie sah mich an. Er war wie ein kaltes Licht und ich musste gegen den Drang ankämpfen, meine Augen zu schließen. Dann hörte ich ihre Stimme.
„Den Koch und den Juden werden wir mitnehmen.“
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