Das Geschenk der Königin (20)
Nachdem der Lotse von Bord gegangen war, blieb es ruhig an Deck. Die Araber sagten kein Wort und Sarazin saß auf seiner Seite der Takelagekiste und hatte den Kopf in den Händen vergraben. Erst als die Sonne schon ihre morgendliche Kraft entfalte, versammelten sich eine Handvoll Menschen vor unserem Schiff. Es waren Händler in weiten, farbenprächtigen Röcken, Bedienstete des Königs, die in das gleiche Gelb gekleidet waren wie die arabischen Soldaten, Gassenjungen, einige Bettler und sogar ein paar neugierige Straßenhunde. Der Hafen gehörte zum Palastviertel und war nur durch ein einziges Tor mit der Stadt verbunden. Einige der Neugierigen waren fast so dunkelhäutig wie unsere Bewacher. Ihre Augen wurden von starken, manchmal zusammen gewachsenen Brauen umrahmt. Etwas Geheimnisvolles haftete ihnen an und etwas Ernstes. Eine andere Gruppe hatte die helle Haut der Normannen. Die südliche Sonne hatte sie gerötet und ließ sie dünn und durchsichtig erscheinen. Sie kleideten sich in echtes Purpur und in indische Blau. Es wurde von sehr weit her eingeführt und stellte das sicherste Kennzeichen des Reichtums dar. Dazwischen tauchte gelegentlich der spitze Hut eines Juden auf. Alle sprachen mit gedämpften Stimmen, als sei unsere Ankunft ein Geheimnis. Nach und nach aber wurde die Menge größer und das Flüstern lebhafter. Meistens verstand ich nichts. Nur gelegentlich konnte ich aus dem allgemeinen Gemurmel einzelne Worte heraus hören.
„...meine Füße...“
„...Unzucht...“
„…Verzeihung, das war nur meine Hand…“
„...wieder ein Schiff voller Heiden...“
„…es werden immer mehr und ihre Macht wird jeden Tag größer…“
„...schon wieder Sarazenen und Mohren?“
„Oder Juden.“
„Beides!“
„Pfui!“
„Einige scheinen Franzosen zu sein. Welche aus dem Geschlecht des Königs?“
„...schlimmer noch, Kreuzzügler.“
„Sie haben Schiffbruch erlitten. Oder unsere Flotte hat sie aufgebracht.“
„Es sind Piraten, schaut euch ihre Gesichter an!“
Weil die Nachrückenden nach vorne drängten, standen die Neugierigen nun bis zur Hafenmauer. Sie konnten den Bauch unseres Schiffes nahezu mit ihren Händen berühren.
Plötzlich flog von hinten ein Stein. Aber er schien mit wenig Elan geworfen worden zu sein. Er erreichte kaum den Rumpf und fiel mit einem kläglichen Laut ins Wasser. Sonst geschah nichts. Vielleicht kam er von einem der Jungen, die weiter hinten standen.
In diesem Augenblick hörte ich die ersten arabischen Worte. Es war ein komischer Dialekt. Jetzt begriff ich, dass die Worte, die ich zuerst nicht verstanden hatte, in diesem unreinen Arabisch formuliert worden waren. Die Vokale wurden dunkel und weich ausgesprochen, als seien sie warmes Wasser, das über die Lippen der Sprecher floss. Moslems und Christen standen dicht nebeneinander. Aber es schien, als bewegten sich in getrennten Welten. Kein Blick wurde gewechselt. Keine Geste verriet, dass sie einander wahrnahmen. Alle redeten laut über die Köpfe hinweg, um die fremde Sprache zu übertönen.
„Ein fränkisches Schiff.“
„Es scheinen auch ein paar Rechtgläubige dabei zu sein.“
„Die meisten sind Ungläubige.“
„Egal, sie sehen aus wie verhungert. Wenn sie an Land kommen brauchen sie etwas zu essen. Gleich an der Strasse gibt es einen Stand…“
„Der gehört deinem Bruder!“
„Na und?“
„Ich habe gehört, er will den Glauben verlassen.“
„Quatsch! Er macht Geschäfte mit dem Hof.“
„Eben!“
„Wer will schon Christ werden? Er betet und geht jeden Samstag in die Moschee!“
„Alle machen Geschäfte mit dem Hof. Geschäfte mit Ungläubigen zu machen ist keine Schande.“
„Heh, da fliegt ein Stein.“
„Die Franken bewerfen ihr eigenes Schiff.“
„Fanatische Hitzköpfe!“
Auf der Hauptstrasse erschienen nun Soldaten. Sie waren seltsam bunt gekleidet. Der Trupp zog an den Marmorpalästen vorbei, die sich zu beiden Seiten der Strasse aneinander drückten und bewegte direkt auf unser Schiff zu. Von den Bergen fiel ein warmer Luftzug herab und kündigte die Hitze des Vormittages an. Nach den Wochen, die wir auf See zugebracht hatten, schien das Land eine windlose Einöde zu sein. Es war, als hätte uns das Schicksal zu ewiger Tatenlosigkeit verurteilt. In diesen Augenblicken der Stille, blieb uns nicht einmal mehr die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht. Die Soldaten bewegten sich langsam, als seien Sie Teilnehmer einer Prozession. Als sie näher kamen, erkannte ich, dass ich mit meiner Vermutung nicht ganz falsch gelegen hatte. Einige arabische Kämpfer gingen voran. Dahinter trugen Diener oder Sklaven einen Baldachin, der mit einem goldenen Löwen bestickt war. Darunter schritt ein Mann. Er war groß, hatte rötliche Locken und trug eine hölzerne Schatulle vor sich her.
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„...meine Füße...“
„...Unzucht...“
„…Verzeihung, das war nur meine Hand…“
„...wieder ein Schiff voller Heiden...“
„…es werden immer mehr und ihre Macht wird jeden Tag größer…“
„...schon wieder Sarazenen und Mohren?“
„Oder Juden.“
„Beides!“
„Pfui!“
„Einige scheinen Franzosen zu sein. Welche aus dem Geschlecht des Königs?“
„...schlimmer noch, Kreuzzügler.“
„Sie haben Schiffbruch erlitten. Oder unsere Flotte hat sie aufgebracht.“
„Es sind Piraten, schaut euch ihre Gesichter an!“
Weil die Nachrückenden nach vorne drängten, standen die Neugierigen nun bis zur Hafenmauer. Sie konnten den Bauch unseres Schiffes nahezu mit ihren Händen berühren.
Plötzlich flog von hinten ein Stein. Aber er schien mit wenig Elan geworfen worden zu sein. Er erreichte kaum den Rumpf und fiel mit einem kläglichen Laut ins Wasser. Sonst geschah nichts. Vielleicht kam er von einem der Jungen, die weiter hinten standen.
In diesem Augenblick hörte ich die ersten arabischen Worte. Es war ein komischer Dialekt. Jetzt begriff ich, dass die Worte, die ich zuerst nicht verstanden hatte, in diesem unreinen Arabisch formuliert worden waren. Die Vokale wurden dunkel und weich ausgesprochen, als seien sie warmes Wasser, das über die Lippen der Sprecher floss. Moslems und Christen standen dicht nebeneinander. Aber es schien, als bewegten sich in getrennten Welten. Kein Blick wurde gewechselt. Keine Geste verriet, dass sie einander wahrnahmen. Alle redeten laut über die Köpfe hinweg, um die fremde Sprache zu übertönen.
„Ein fränkisches Schiff.“
„Es scheinen auch ein paar Rechtgläubige dabei zu sein.“
„Die meisten sind Ungläubige.“
„Egal, sie sehen aus wie verhungert. Wenn sie an Land kommen brauchen sie etwas zu essen. Gleich an der Strasse gibt es einen Stand…“
„Der gehört deinem Bruder!“
„Na und?“
„Ich habe gehört, er will den Glauben verlassen.“
„Quatsch! Er macht Geschäfte mit dem Hof.“
„Eben!“
„Wer will schon Christ werden? Er betet und geht jeden Samstag in die Moschee!“
„Alle machen Geschäfte mit dem Hof. Geschäfte mit Ungläubigen zu machen ist keine Schande.“
„Heh, da fliegt ein Stein.“
„Die Franken bewerfen ihr eigenes Schiff.“
„Fanatische Hitzköpfe!“
Auf der Hauptstrasse erschienen nun Soldaten. Sie waren seltsam bunt gekleidet. Der Trupp zog an den Marmorpalästen vorbei, die sich zu beiden Seiten der Strasse aneinander drückten und bewegte direkt auf unser Schiff zu. Von den Bergen fiel ein warmer Luftzug herab und kündigte die Hitze des Vormittages an. Nach den Wochen, die wir auf See zugebracht hatten, schien das Land eine windlose Einöde zu sein. Es war, als hätte uns das Schicksal zu ewiger Tatenlosigkeit verurteilt. In diesen Augenblicken der Stille, blieb uns nicht einmal mehr die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht. Die Soldaten bewegten sich langsam, als seien Sie Teilnehmer einer Prozession. Als sie näher kamen, erkannte ich, dass ich mit meiner Vermutung nicht ganz falsch gelegen hatte. Einige arabische Kämpfer gingen voran. Dahinter trugen Diener oder Sklaven einen Baldachin, der mit einem goldenen Löwen bestickt war. Darunter schritt ein Mann. Er war groß, hatte rötliche Locken und trug eine hölzerne Schatulle vor sich her.
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