Das Geschenk der Königin (19)
Seine Urteile sind von vollkommener Gerechtigkeit, seine
Geschenke wie tiefe Meere und überreiche Regenfälle.
(Al-Idrisi, Das Buch Rogers, 1154)
Der Hafen von Palermo bettete sich in eine Bucht, die von bewaldeten Felsen gebildet wurde. Dahinter begann das Palastviertel und jenseits davon breitete sich die Stadt aus, bis sie an den Fuß der Berge stieß.
Die Häuser standen scheinbar ungeordnet und schienen von tausend Riesen in das Tal gewürfelt worden zu sein. Sie hatten drei oder vier Stockwerke und bestanden aus Lehmziegeln oder Sandstein. Die meisten Dächer waren flach und besaßen kleine Kuppeln, die in allen nur erdenklichen Farben leuchteten. Gold, Türkis, Blau, Grün und Rot. Sie glänzten im Licht der aufgehenden Sonne wie Edelsteine.
Das Schiff steuerte auf vier riesige Kaianlagen zu. Sie waren aus Sandstein erbaut worden, der sonst nur für den Bau von Kirchen genutzt wurde. Wie gewaltige Finger ragten sie in die Buch hinaus. Zu beiden Seiten lagen die Schiffe der sizilianischen Flotte. Es waren flache Kampfschiffe mit lateinischen Segeln und einer Rudermannschaft. Sie waren mit Schlangen und Drachen bemalt, wie die Schiffe der Nordmänner. Mehr als zweihundert von ihnen lagen hier vor Anker und sie ließen nur eine schmale Rinne für uns frei.
Ein hellhäutiger Lotse führte jetzt unser Ruder und manövrierte uns durch die Engstelle hindurch. Er war mit einer Barke an Bord gekommen, noch bevor wir in den Hafen eingelaufen waren. Aber er war nicht allein. Mehr als fünfzig Soldaten des sizilianischen Königs hatten schon auf See die Kontrolle über Schiff übernommen. Sie hatten die Byzantiner in die Flucht geschlagen und unser Schiff im Handstreich genommen. Jetzt standen sie am Ruder, bedienten die Segel, postierten sich vor den Gemächern der Königin und hielten die Leibwache der Königin in Schach. Es waren dunkle Kämpfer, die sich in einem fremdartigen Dialekt verständigten. Sie trugen spitze Helme, Krummsäbel und einen Dolch am Gürtel. Buckelschilde aus dünn geschmiedetem Eisen schützten ihre Oberkörper. Jeder trug ein gelbes Gewand mit Hosen und lederne Schienen für Beine und Arme. Sie sprachen kaum und ihre schwarzen Augen blieben bewegungslos, wenn sie uns ansahen. Aber die schweigsame Ungeduld in ihren Bewegungen und ihre allzu schnellen Reaktionen, ließen sie unnatürlich wirken, als fehle ihnen die menschliche Seele. Aber als ich einige Augenblicke darüber nachdachte, wurde mir plötzlich klar, dass sie ebenso wie Sarazin und ich, kein eigenes Leben zu besitzen schienen. Sie waren Sklaven, Besitztümer eines Herrn. Auch wenn sie vermutlich weit mehr Macht in sich vereinten als meisten Bürger dieser eigentümlichen Stadt, waren sie doch nur seelenlose Hunde. Nach dem Kampf mit den Byzantinern hatten selbst die Normannen keine Kraft mehr gehabt, um ihnen zu widerstehen. Es schien, als sei der Faden gerissen, der uns mit einem günstigen Schicksal verband. Die Araber hatten schließlich das Schiff ohne jeden Widerstand betreten. Nur die Königin gab nicht auf. Sie tobte und schrie und rief ihnen Flüche zu. Zum Glück schienen sie nichts davon zu verstehen. Als die Königin begriff, dass es aussichtslos war, verwünschte sie ihre Leibgarde. Die Ritter ließen sich schweigend als Verräter und Feiglinge beschimpfen und blickten zu Boden.
Der Lotse dirigierte unser Schiff langsam an den Kampfgaleeren vorbei und legte es mit einem Wendemanöver an den mittleren Kai. Er gab Anweisung, das Schiff ordentlich zu vertäuen und verschwand. An Deck waren nur noch Sarazin, der Zeugmeister, die wortkargen Araber und ich. Selbst der Schiffszimmermann hatte sich zurückgezogen. Niemand hatte es während unserer Fahrt nach Palermo gewagt, den halb toten Leib nach unten zu transportieren. Er war bleich wie die Körper der Erschlagenen und atmete nur schwach. Sein trüber Blick ging selbst dann noch ins Leere, wenn die Seemöwen über ihn hinweg flogen und auf einen Leichnam hofften. Der Schiffszimmermann hatte aus Segeltuch und Holz eine Trage angefertigt. Sie stand einige Meter von uns entfernt im Schatten des Mastes. Dort wo auch die Toten lagen. Es waren so viele, dass ich ihren Anblick nicht lange genug ertrug, um sie zu zählen. Selbst in den Gemächern der Königin hatte sich kein Tuch gefunden, das groß genug gewesen wäre, um sie zu bedecken. So blickten sie mit zerschlagenen Gliedern und gebrochenen Augen in den Himmel. Ihre Kleider bewegten sich im Wind wie zerschlissene Fahnen. Sie schienen zu frieren. Aber der Zeugmeister hatte Recht behalten. Nicht ein einziger Leibeigener war darunter. Die menschliche Beute des Königs lag unversehrt im Laderaum des Schiffes.
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Geschenke wie tiefe Meere und überreiche Regenfälle.
(Al-Idrisi, Das Buch Rogers, 1154)
Der Hafen von Palermo bettete sich in eine Bucht, die von bewaldeten Felsen gebildet wurde. Dahinter begann das Palastviertel und jenseits davon breitete sich die Stadt aus, bis sie an den Fuß der Berge stieß. Die Häuser standen scheinbar ungeordnet und schienen von tausend Riesen in das Tal gewürfelt worden zu sein. Sie hatten drei oder vier Stockwerke und bestanden aus Lehmziegeln oder Sandstein. Die meisten Dächer waren flach und besaßen kleine Kuppeln, die in allen nur erdenklichen Farben leuchteten. Gold, Türkis, Blau, Grün und Rot. Sie glänzten im Licht der aufgehenden Sonne wie Edelsteine.
Das Schiff steuerte auf vier riesige Kaianlagen zu. Sie waren aus Sandstein erbaut worden, der sonst nur für den Bau von Kirchen genutzt wurde. Wie gewaltige Finger ragten sie in die Buch hinaus. Zu beiden Seiten lagen die Schiffe der sizilianischen Flotte. Es waren flache Kampfschiffe mit lateinischen Segeln und einer Rudermannschaft. Sie waren mit Schlangen und Drachen bemalt, wie die Schiffe der Nordmänner. Mehr als zweihundert von ihnen lagen hier vor Anker und sie ließen nur eine schmale Rinne für uns frei.
Ein hellhäutiger Lotse führte jetzt unser Ruder und manövrierte uns durch die Engstelle hindurch. Er war mit einer Barke an Bord gekommen, noch bevor wir in den Hafen eingelaufen waren. Aber er war nicht allein. Mehr als fünfzig Soldaten des sizilianischen Königs hatten schon auf See die Kontrolle über Schiff übernommen. Sie hatten die Byzantiner in die Flucht geschlagen und unser Schiff im Handstreich genommen. Jetzt standen sie am Ruder, bedienten die Segel, postierten sich vor den Gemächern der Königin und hielten die Leibwache der Königin in Schach. Es waren dunkle Kämpfer, die sich in einem fremdartigen Dialekt verständigten. Sie trugen spitze Helme, Krummsäbel und einen Dolch am Gürtel. Buckelschilde aus dünn geschmiedetem Eisen schützten ihre Oberkörper. Jeder trug ein gelbes Gewand mit Hosen und lederne Schienen für Beine und Arme. Sie sprachen kaum und ihre schwarzen Augen blieben bewegungslos, wenn sie uns ansahen. Aber die schweigsame Ungeduld in ihren Bewegungen und ihre allzu schnellen Reaktionen, ließen sie unnatürlich wirken, als fehle ihnen die menschliche Seele. Aber als ich einige Augenblicke darüber nachdachte, wurde mir plötzlich klar, dass sie ebenso wie Sarazin und ich, kein eigenes Leben zu besitzen schienen. Sie waren Sklaven, Besitztümer eines Herrn. Auch wenn sie vermutlich weit mehr Macht in sich vereinten als meisten Bürger dieser eigentümlichen Stadt, waren sie doch nur seelenlose Hunde. Nach dem Kampf mit den Byzantinern hatten selbst die Normannen keine Kraft mehr gehabt, um ihnen zu widerstehen. Es schien, als sei der Faden gerissen, der uns mit einem günstigen Schicksal verband. Die Araber hatten schließlich das Schiff ohne jeden Widerstand betreten. Nur die Königin gab nicht auf. Sie tobte und schrie und rief ihnen Flüche zu. Zum Glück schienen sie nichts davon zu verstehen. Als die Königin begriff, dass es aussichtslos war, verwünschte sie ihre Leibgarde. Die Ritter ließen sich schweigend als Verräter und Feiglinge beschimpfen und blickten zu Boden.
Der Lotse dirigierte unser Schiff langsam an den Kampfgaleeren vorbei und legte es mit einem Wendemanöver an den mittleren Kai. Er gab Anweisung, das Schiff ordentlich zu vertäuen und verschwand. An Deck waren nur noch Sarazin, der Zeugmeister, die wortkargen Araber und ich. Selbst der Schiffszimmermann hatte sich zurückgezogen. Niemand hatte es während unserer Fahrt nach Palermo gewagt, den halb toten Leib nach unten zu transportieren. Er war bleich wie die Körper der Erschlagenen und atmete nur schwach. Sein trüber Blick ging selbst dann noch ins Leere, wenn die Seemöwen über ihn hinweg flogen und auf einen Leichnam hofften. Der Schiffszimmermann hatte aus Segeltuch und Holz eine Trage angefertigt. Sie stand einige Meter von uns entfernt im Schatten des Mastes. Dort wo auch die Toten lagen. Es waren so viele, dass ich ihren Anblick nicht lange genug ertrug, um sie zu zählen. Selbst in den Gemächern der Königin hatte sich kein Tuch gefunden, das groß genug gewesen wäre, um sie zu bedecken. So blickten sie mit zerschlagenen Gliedern und gebrochenen Augen in den Himmel. Ihre Kleider bewegten sich im Wind wie zerschlissene Fahnen. Sie schienen zu frieren. Aber der Zeugmeister hatte Recht behalten. Nicht ein einziger Leibeigener war darunter. Die menschliche Beute des Königs lag unversehrt im Laderaum des Schiffes.
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