Der sizilianische Sturm (XVIII)
Ich hatte kaum Zeit, um zu begreifen, was ich getan hatte, denn im nächsten Augenblick ertönte ein Horn. Es war ein lang gezogener, tiefer Ton. Innerhalb von Minuten, ohne dass wir verstanden, was vor sich ging, zogen sich alle Soldaten von unserem Deck zurück. Sie flüchteten rückwärtsgehend, sprangen über die Reling, kappten die Enterseile und stießen sich von unserer Bordwand ab. Dann ruderten sie hastig davon, ohne die Segel zu setzen.
Auf dem Schiff herrschte Chaos. Blut und Kot verschmierten das Deck und mehr als drei dutzend Tote und Verletzte lagen auf dem ganzen Schiff verstreut. Die zehn Ritter der königlichen Leibgarde standen noch in ihren blutigen Kettenhemden an Deck. Sie bildeten ein enges Oval um den Hauptmast herum. Vor ihnen lagen so viele Griechen, dass die Planken des Schiffes nicht mehr zu sehen waren. Die Ritter hatten alle überlebt. Ihren Langschwertern war es zu verdanken gewesen, dass es den Byzantiner nicht gelungen war, das Schiff zu nehmen.
Als ich meinen Blick abwandte, sah ich, wie Sarazin versuchte, die Halsschlagader des Zeugmeisters mit seinem Hemd zu verschließen. Er drückte so stark, dass der Zeugmeister röchelte. Aber als er nachließ, war der Stoff nach wenigen Minuten wieder von Blut durchtränkt. Die Lebensenergie des Zeugmeisters floss in einem dünnen Rinnsaal über die Planken. Er zeigte auf die Segel am Horizont.
„Sizilianer! Wir sind mit dem Wind in Ihre Gewässer getrieben. Wer weiß, was uns nun erwartet?“
Noch hatten uns die Sizilianer nicht erreicht. Der Zeugmeister wurde immer schwächer. Sarazin saß mit Tränen in den Augen neben ihm und drückte das Hemd auf seine Wunde. Ich war wie erstarrt und sah zu, wie das Blut einen kleinen See speiste, der sich zu unseren Füssen ausbreitete.
„Tut etwas“ rief ich dem Schiffszimmermann zu, der noch auf dem Vorderdeck hockte und nicht verstand, was vor sich ging. Er verschwand, kam aber nach einiger Zeit zu uns herüber. „Der Kaplan der Königin hat sich bereit erklärt die letzte Ölung vorzunehmen“ sagte er leise, als er neben uns stand.
Der Priester kam. Er war ein dürrer Franzose mit ledriger Haut, dem man kaum zugetraut hätte, die lange Reise zu überstehen. Während der gesamten Überfahrt hatte ich ihn nicht ein einziges Mal an Deck gesehen.
Als er Sarazin sah, röteten sich seine Wangen vor Zorn.
„Was macht der ungläubige Teufel hier? Schickt den Mooren weg. Im Beisein eines Ungetauften kann ich kein Sakrament spenden.“
„Sie sind dort angekettet“ sagte der Zeugmeister und versuchte seine Hand zu heben. Aber er war schon zu schwach.
„Bitte verweigert mir nicht die Beichte, Gott wird mich nicht zu sich nehmen. Ich habe Angst, Herr!“
„Er muss weg!“ sagte der Franzose noch einmal.
Zum ersten Mal sah ich, dass Sarazin so etwas wie Stolz besaß. Er war gekränkt. Aber er schien zulange Sklave gewesen zu sein, um nicht zu gehorchen.
„Genügt es, wenn er in die Kiste steigt?“ fragte ich.
„Wer bist du?“
„Ein Jude“ antwortete der Zeugmeister.
„Der Ketzer muss auch weg!“
Also stiegen wir beide in den Takelageverschlag, in dem wir uns nun schon heimisch fühlten. Wir schauten dem Kaplan zu, der uns darauf hin wütende Blicke zuwarf. Erst als wir unsere Augen abwandten, widmete er sich dem Zeugmeister.
„Welche Sünden hast du begangen, seit deiner letzten Beichte?“ fragte er leise.
Der Sterbende zog den Kopf des Priesters bis an seinen Mund und flüsterte. Es dauerte ziemlich lange, bis er fertig war. Schließlich strich der Kaplan ein Kreuz auf die Stirn seines Schützlings und sang einige lateinische Worte. Dann stand er auf, stieg er über den riesenhaften Körper hinweg und ging zurück in die Gemächer der Königin.
Aus der lang gezogenen Wunde am Hals quoll noch immer das Blut hervor. Die Ränder waren glatt und weißlich, wie die Saumkanten am Rock meiner Mutter. Bald würde der Zeugmeister einschlafen und nicht mehr erwachen. Obwohl ich es nicht wollte, musste ich an ein koscher geschlachtetes Schaf denken. Sarazins Augen füllten sich mit Tränen.
Plötzlich geschah etwas mit mir. Die offene Wunde des Zeugmeisters schien mit einem Mal unvollständig, als sei sie ein Muster, in dem ein Teil fehlt. In meinem Kopf entstanden Bilder, wie in jeden Augenblick, die ich in der Dunkelheit verbracht hatte. Für einen Augenblick hatte ich die Fresken in der großen Moschee vor meinen Augen. Auf dem Bild, das ich nun vor mir erblickte, gab es so etwas wie Muster. Aber ein Teil fehlte. Es war auf eine seltsame Art unfertig. Doch ich konnte es vor meinem inneren Auge nicht richtig sehen, denn in meinem Geist waren die Dinge verschwommen. Erst als ich nochmals die Wundränder betrachtete, begriff ich was es war. In meinem Kopf schienen sich die Bruchstücke einer verborgene Form zusammenzufügen.
„Man könnte es zunähen“ sagte ich freudig, während mich ein Gefühl des Glücks durchströmte.
„Sarazin sah mich einige Sekunden mit riesigen, starren Augen an. Dann endlich begriff er und rüttelte den Zeugmeister gewaltsam aus seinem tödlichen Schlaf.
„Wo ist mein Kochgeschirr?“ schrie er ihn an.
Er sprach vor Aufregung arabisch. Also übersetzte ich.
Dein Kochgeschirr wirst du bestimmt zurück erhalten.“ sagte der Zeugmeister schwach und versöhnlich.
„Lass ihn in Frieden sterben! Er hat gebeichtet. Verleite ihn nicht zu Jähzorn oder Schlimmerem“ fauchte der Schiffszimmermann.
„Wo ist es?“ schrie Sarazin, ohne sich um seine Worte zu kümmern.
„In der Waffentruhe an Deck. Keine Angst, deine Messer habe ich nicht an die Mannschaft ausgeteilt.“
Noch während ich übersetzte, rannte Sarazin los. Aber seine Kette hielt ihn nach wenigen Metern zurück. Er lag auf dem Bauch. Schließlich drehte er sich um und rief: „Hol mein Kochbesteck, schnell!“
Der Zimmermann verschränkte die Hände vor der Brust und spuckte vor seine Füße.
„Warum? Was hat der Mohr? Ist er von Sinnen?“
Nach einigen Augenblicken des Schweigens, hob der Zeugmeister einen Finger und zeigte nach unten. Er wollte nicht von Streit umgeben sein, wenn er starb.
Der Zimmermann ging und kam nach einer kleinen Ewigkeit mit einer dicken Rolle aus Leinen zurück. Sarazin entrollte sie mit einem einzigen Handgriff. Darin waren Bratenspieße, Messer, Fleischgabeln, Kochlöffel, Schöpfkellen und ein Wetzstein. Aus einer kleinen Tasche kramte er eine grobe Nadel und ein Stück Darm. Es war zu einem Faden gedreht, wie er für Bogensehen verwendet wird. Das Stück war starr und unbeweglich. Sarazin befeuchtete es mit der Zunge, kaute es mit sanftem Druck durch, bis es geschmeidig wurde und fädelte es in die Nadel ein.
Dann begann er, die Arterie zu vernähen. Die Augen des Zeugmeisters waren kaum halb geöffnet. Er zuckte nur leicht, wenn die Nadel in sein Fleisch eindrang. Manchmal glitt das Metall ab, denn um die Wunde hatte sich ein zähflüssiger Schleim gebildet. Der Druck öffnete den Spalt immer wieder und ließ Blut herausquellen. Niemand wagte nicht einzugreifen. Aber der Schiffszimmermann betrachtete Sarazins Bemühungen voller Misstrauen. Mehr als einmal rutschte er mit dem Finger von der Nadel ab und trieb sich ihre stumpfe Rückseite tief in die Handfläche. Doch der Koch des Emirs von Damaskus ließ sich nicht entmutigen. Er arbeitete, als habe die Welt um ihn herum aufgehört zu existieren. Bald wurde mit jedem gelungenen Stich das Rinnsal ein wenig kleiner. Als er das Ende der Wunde erreicht hatte, verebbte die Blutung. Sarazin atmete aus. Er blinzelte mit einem Auge und sagte wie zur Entschuldigung: „So verschließen wir in der Küche das Geflügel, damit die Füllung beim Braten nicht heraus quillt. Der Faden kann sogar mitgegessen werden.
[Ende dieses Kapitels]
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Auf dem Schiff herrschte Chaos. Blut und Kot verschmierten das Deck und mehr als drei dutzend Tote und Verletzte lagen auf dem ganzen Schiff verstreut. Die zehn Ritter der königlichen Leibgarde standen noch in ihren blutigen Kettenhemden an Deck. Sie bildeten ein enges Oval um den Hauptmast herum. Vor ihnen lagen so viele Griechen, dass die Planken des Schiffes nicht mehr zu sehen waren. Die Ritter hatten alle überlebt. Ihren Langschwertern war es zu verdanken gewesen, dass es den Byzantiner nicht gelungen war, das Schiff zu nehmen.
Als ich meinen Blick abwandte, sah ich, wie Sarazin versuchte, die Halsschlagader des Zeugmeisters mit seinem Hemd zu verschließen. Er drückte so stark, dass der Zeugmeister röchelte. Aber als er nachließ, war der Stoff nach wenigen Minuten wieder von Blut durchtränkt. Die Lebensenergie des Zeugmeisters floss in einem dünnen Rinnsaal über die Planken. Er zeigte auf die Segel am Horizont.
„Sizilianer! Wir sind mit dem Wind in Ihre Gewässer getrieben. Wer weiß, was uns nun erwartet?“
Noch hatten uns die Sizilianer nicht erreicht. Der Zeugmeister wurde immer schwächer. Sarazin saß mit Tränen in den Augen neben ihm und drückte das Hemd auf seine Wunde. Ich war wie erstarrt und sah zu, wie das Blut einen kleinen See speiste, der sich zu unseren Füssen ausbreitete.
„Tut etwas“ rief ich dem Schiffszimmermann zu, der noch auf dem Vorderdeck hockte und nicht verstand, was vor sich ging. Er verschwand, kam aber nach einiger Zeit zu uns herüber. „Der Kaplan der Königin hat sich bereit erklärt die letzte Ölung vorzunehmen“ sagte er leise, als er neben uns stand.
Der Priester kam. Er war ein dürrer Franzose mit ledriger Haut, dem man kaum zugetraut hätte, die lange Reise zu überstehen. Während der gesamten Überfahrt hatte ich ihn nicht ein einziges Mal an Deck gesehen.
Als er Sarazin sah, röteten sich seine Wangen vor Zorn.
„Was macht der ungläubige Teufel hier? Schickt den Mooren weg. Im Beisein eines Ungetauften kann ich kein Sakrament spenden.“
„Sie sind dort angekettet“ sagte der Zeugmeister und versuchte seine Hand zu heben. Aber er war schon zu schwach.
„Bitte verweigert mir nicht die Beichte, Gott wird mich nicht zu sich nehmen. Ich habe Angst, Herr!“
„Er muss weg!“ sagte der Franzose noch einmal.
Zum ersten Mal sah ich, dass Sarazin so etwas wie Stolz besaß. Er war gekränkt. Aber er schien zulange Sklave gewesen zu sein, um nicht zu gehorchen.
„Genügt es, wenn er in die Kiste steigt?“ fragte ich.
„Wer bist du?“
„Ein Jude“ antwortete der Zeugmeister.
„Der Ketzer muss auch weg!“
Also stiegen wir beide in den Takelageverschlag, in dem wir uns nun schon heimisch fühlten. Wir schauten dem Kaplan zu, der uns darauf hin wütende Blicke zuwarf. Erst als wir unsere Augen abwandten, widmete er sich dem Zeugmeister.
„Welche Sünden hast du begangen, seit deiner letzten Beichte?“ fragte er leise.
Der Sterbende zog den Kopf des Priesters bis an seinen Mund und flüsterte. Es dauerte ziemlich lange, bis er fertig war. Schließlich strich der Kaplan ein Kreuz auf die Stirn seines Schützlings und sang einige lateinische Worte. Dann stand er auf, stieg er über den riesenhaften Körper hinweg und ging zurück in die Gemächer der Königin.
Aus der lang gezogenen Wunde am Hals quoll noch immer das Blut hervor. Die Ränder waren glatt und weißlich, wie die Saumkanten am Rock meiner Mutter. Bald würde der Zeugmeister einschlafen und nicht mehr erwachen. Obwohl ich es nicht wollte, musste ich an ein koscher geschlachtetes Schaf denken. Sarazins Augen füllten sich mit Tränen.
Plötzlich geschah etwas mit mir. Die offene Wunde des Zeugmeisters schien mit einem Mal unvollständig, als sei sie ein Muster, in dem ein Teil fehlt. In meinem Kopf entstanden Bilder, wie in jeden Augenblick, die ich in der Dunkelheit verbracht hatte. Für einen Augenblick hatte ich die Fresken in der großen Moschee vor meinen Augen. Auf dem Bild, das ich nun vor mir erblickte, gab es so etwas wie Muster. Aber ein Teil fehlte. Es war auf eine seltsame Art unfertig. Doch ich konnte es vor meinem inneren Auge nicht richtig sehen, denn in meinem Geist waren die Dinge verschwommen. Erst als ich nochmals die Wundränder betrachtete, begriff ich was es war. In meinem Kopf schienen sich die Bruchstücke einer verborgene Form zusammenzufügen.
„Man könnte es zunähen“ sagte ich freudig, während mich ein Gefühl des Glücks durchströmte.
„Sarazin sah mich einige Sekunden mit riesigen, starren Augen an. Dann endlich begriff er und rüttelte den Zeugmeister gewaltsam aus seinem tödlichen Schlaf.
„Wo ist mein Kochgeschirr?“ schrie er ihn an.
Er sprach vor Aufregung arabisch. Also übersetzte ich.
Dein Kochgeschirr wirst du bestimmt zurück erhalten.“ sagte der Zeugmeister schwach und versöhnlich.
„Lass ihn in Frieden sterben! Er hat gebeichtet. Verleite ihn nicht zu Jähzorn oder Schlimmerem“ fauchte der Schiffszimmermann.
„Wo ist es?“ schrie Sarazin, ohne sich um seine Worte zu kümmern.
„In der Waffentruhe an Deck. Keine Angst, deine Messer habe ich nicht an die Mannschaft ausgeteilt.“
Noch während ich übersetzte, rannte Sarazin los. Aber seine Kette hielt ihn nach wenigen Metern zurück. Er lag auf dem Bauch. Schließlich drehte er sich um und rief: „Hol mein Kochbesteck, schnell!“
Der Zimmermann verschränkte die Hände vor der Brust und spuckte vor seine Füße.
„Warum? Was hat der Mohr? Ist er von Sinnen?“
Nach einigen Augenblicken des Schweigens, hob der Zeugmeister einen Finger und zeigte nach unten. Er wollte nicht von Streit umgeben sein, wenn er starb.
Der Zimmermann ging und kam nach einer kleinen Ewigkeit mit einer dicken Rolle aus Leinen zurück. Sarazin entrollte sie mit einem einzigen Handgriff. Darin waren Bratenspieße, Messer, Fleischgabeln, Kochlöffel, Schöpfkellen und ein Wetzstein. Aus einer kleinen Tasche kramte er eine grobe Nadel und ein Stück Darm. Es war zu einem Faden gedreht, wie er für Bogensehen verwendet wird. Das Stück war starr und unbeweglich. Sarazin befeuchtete es mit der Zunge, kaute es mit sanftem Druck durch, bis es geschmeidig wurde und fädelte es in die Nadel ein.
Dann begann er, die Arterie zu vernähen. Die Augen des Zeugmeisters waren kaum halb geöffnet. Er zuckte nur leicht, wenn die Nadel in sein Fleisch eindrang. Manchmal glitt das Metall ab, denn um die Wunde hatte sich ein zähflüssiger Schleim gebildet. Der Druck öffnete den Spalt immer wieder und ließ Blut herausquellen. Niemand wagte nicht einzugreifen. Aber der Schiffszimmermann betrachtete Sarazins Bemühungen voller Misstrauen. Mehr als einmal rutschte er mit dem Finger von der Nadel ab und trieb sich ihre stumpfe Rückseite tief in die Handfläche. Doch der Koch des Emirs von Damaskus ließ sich nicht entmutigen. Er arbeitete, als habe die Welt um ihn herum aufgehört zu existieren. Bald wurde mit jedem gelungenen Stich das Rinnsal ein wenig kleiner. Als er das Ende der Wunde erreicht hatte, verebbte die Blutung. Sarazin atmete aus. Er blinzelte mit einem Auge und sagte wie zur Entschuldigung: „So verschließen wir in der Küche das Geflügel, damit die Füllung beim Braten nicht heraus quillt. Der Faden kann sogar mitgegessen werden.
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na endlich
Hmmm, die gleiche Anmerkung
Ich habe ungefähr so reagiert: "Ach was! Du nimmst es einfach zu genau (typisch Frau). Da achtet doch kein Schwein drauf." Tja, ich fürchte ich werde umdenken müssen. Also nehme ich mich der Sache nochmals an. (Danke für den Hinweis.)
Ein Ausweg?
...also wenn ich mich so schreiben höre, wird mir ganz schlecht. Würg. Ich kann nämlich kein Blut sehen, da wird mir gleich schwarz vor Augen (Frau von und zu Weichei).