Der sizilianische Sturm (17)
Sarazin begann zu beten. Als er geendet hatte fügte er noch hinzu. „Wenn ich dies überlebe, werde ich mein Leben dir widmen, mein Gott. Meine Unzucht soll für immer ein Ende haben.“
Dann hörte ich mich selbst. Ich betete das Kaddisch. Ich dachte an meine Mutter, an ihre kühlen Hände und an die Zeit, die wir in den Olivenhainen verbracht hatten. Damals hatte ich mir gewünscht die Welt zu bereisen. Nun rief ich nach meiner Mutter. In diesem Moment wurde ich mir meiner elternlosen Einsamkeit bewusst und mein bevorstehender Tod schien mir mit einem Mal unnötig, ungerecht und grausam, so dass ich eine eigentümliche Wut auf mein eigenes Schicksal entwickelte. Ich verfluchte die Sturheit meines Vaters, sein unseliges Buch und seine noch unseligere Lampe, die den tumben Normannen überhaupt erst auf meine Spur gebracht und mich zu einem Sklaven gemacht hatte. Aber mein Zorn wandelte sich sofort wieder in pure Furcht, die wie eine innere Faust gegen meinen Bauch schlug. Jetzt hörten wir ein Knirschen. Es entstand als sich die beiden Schiffe längsseits aneinander rieben. Mindestens hundert Füße schienen gleichzeitig auf unser Deck zu springen, als seien sie die Gliedmaßen eines riesigen Tieres, das sich daran machte, alles zu verschlingen, dass in seine Nähe gelangte. Dann begann der Kampf. Wir hörten das Geschrei der Verletzten, das Gebrüll der Angreifer und den Widerhall von tausend Schritten. Ein gewaltiger Totentanz wogte über uns hinweg. Bald würde der Widerstand unserer Seeleute gebrochen sein. Ich horchte, ob ihre Stimmen erstarben und das Geschrei der Fremden die Oberhand gewann. Aber es hatte den Anschein, als gehe das Gefecht unvermindert weiter, als würde das Tosen des Blutes kein Ende finden an diesem Tag.
Sarazin hatte inzwischen zu beten aufgehört. Er lag stumm in unserem Verschlag und sah mit schwarzen, geheimnisvollen Augen durch mich hindurch. Das Licht, welches durch den Spalt unserer Ketten fiel, war stark genug, dass wir uns in die Augen sehen konnten. Lange Zeit blieb die Bataille auf das Mittelschiff begrenzt. Als der Kampf unser Vorderdeck erreichte, war bereits viel Zeit vergangen. Ich zwang mich still zu liegen, aber mein ganzer Körper zitterte, als sich die Füße wie dumpfe Trommelschläge unserem Verschlag näherten. Sarazin hielt meine Hände fest.
„Schschsch, es geht vorüber. Nichts passiert. Sie können uns nicht sehen. Wir sind unsichtbar“ flüsterte er.
Dann hörten wir wie jemand auf unsere hölzerne Behausung sprang. Der Deckel verrutschte und wir hielten den Atem an. Meine Hände zitterten selbst dann, wenn ich sie fest an meinen Körper presste. Dennoch empfand ich zu meinem eigenen Erstaunen einen ungerichteten, hilflosen Zorn, der in dem unbedingten Willen mündete am Leben zu bleiben. Nach einigen Augenblicken verschwanden die Füße wieder vom Dach unseres Versteckes. Es war, als wichen sie vor der Kraft meiner Gedanken zurück. Dann plötzlich wurde meine Fußkette durch einen Ruck gespannt. Der Deckel unserer Kiste flog auf. Die ganze Helligkeit des ozeanischen Mittages strömte zu uns herein. Die Welt schien in einen weißen Rausch zu verfallen, der die Schritte über unseren Köpfen wie Lichtflecken erscheinen ließ. Die Helligkeit lähmt mich. Eingezwängt zwischen den Takelagen konnten wir nicht schnell genug aufstehen. Ein kleiner, dunkelhäutiger Grieche war über die Kette gestolpert, die aus dem Verschlag hing. Er hatte die Abdeckung aufgerissen. Wir versuchten zu entkommen. Sarazin war schneller. Er lag etwas höher und wühlte einige Seile aus der Kiste, um mehr Platz zu haben. In seiner Panik trat er auf mein Gesicht. Dann hob der Grieche das Schwert. Doch bevor der Hieb sein Ziel fand, stockte der Angreifer plötzlich. Im Zentrum des Schlages ließ er seine Waffe sinken. Er knickte in der Hüfte ein und sah an sich herunter, fast als hätte jemand die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Ein Krummsäbel steckte tief in seiner Taille. Die Schneide hatte den Lederpanzer glatt durchschlagen. Hinter dem Mann stand der Zeugmeister und lächelte uns an, als erwartete er ein Lob. Seine haarigen Arme hatte er bloßgelegt. Mit einem Ruck riss der den Säbel zurück und aus der Wunde schoss Blut. Er warf einen Blick über die Schulter, um sicher zu gehen, dass er nicht von hinten angegriffen wurde. In diesem Augenblick richtete sich der Grieche auf und wirbelte herum wie ein Tänzer. Er schrie. Sein Blut bildete einen Halbkreis auf dem Deck. In der Drehung führte er einen Hieb gegen den Hals des Zeugmeisters. Aber trotz seiner Fülle bewegte sich unser Retter mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Er bog seinen Oberkörper nach hinten und wich dem Schlag aus. Doch er war nicht schnell genug. Die Spitze des Schwertes streifte seinen Hals. Es sah ganz unscheinbar aus und einen Moment lang geschah nichts. Die Kämpfer verharrten, als sei dies ein Spiel, in dem nun eine Pause ausgerufen worden war. Es war, als hätte der Schöpfer den Lauf der Welt angehalten und als sei der unvorstellbare Tanz des Lebens mit einem Mal zum Erliegen gekommen. Sogar die Wellen schienen in ihrer Bewegung zu verharren. Dann klaffte am Hals des Zeugmeisters ein weißer Spalt auf, der die Farbe von Lammfett hatte. Im nächsten Augenblick füllte er sich mit Blut und ein hellroter Strahl schoss daraus hervor. Er taumelte zurück. Der Grieche hielt mit den Händen seine Wundränder zusammen und sank auf den Boden. Er fluchte und versuchte sich sofort wieder auf zu raffen.
Inzwischen hatte ich es geschafft mich aus den Seilen zu befreien. Der Byzantiner hob seinen gebogenen Säbel und bewegte mit wackligen Schritten auf den Zeugmeister zu. Plötzlich überfiel mich tiefer, unbeherrschbarer Zorn. Der Mensch vor meinen Augen verschwand und verwandelte sich in ein fremdes, satanisches Wesen. Noch mit seinem letzten Atemzug würde es versuchen uns zu töten. Es war nicht einmal ein Tier. Es war ein Etwas. Ein Ding. Eine unmenschliche Bestie. Dann blickte ich auf den Zeugmeister, der fassungslos seine Hände betrachtete, die voller Blut waren. Mit jedem Herzschlag schoss ein roter Strahl aus seinem Hals. Der Grieche war nun fast bei ihm. Mit einer einzigen Bewegung nahm ich eines der dünnen Seile, die neben der Kiste lagen und stellte mich hinter den Angreifer. Ich spannte das Seil von hinten um seinen Hals. Er schien es nicht einmal zu bemerken. Dann atmete ich noch einmal und zog zu. Alles Denken war ausgelöscht. Mein Zorn konzentrierte sich auf einen einzigen winzigen Punkt. Er war so klein wie die Haarspitze des Racheengels. Der Name des Punktes war nur ein einziges Wort. Es hieß: Zieh!
Als das dünne Seil seine Kehle abschnürte, scharrte der Grieche mit den Füßen und versuchte sich zu drehen. Aber ich zog seinen Oberkörper dicht an mich heran. Er umklammerte meinen Unterarm und versuchte ihn herab zu ziehen, um sich zu befreien. Aber ich hatte die Grenze der Menschlichkeit hinter mir gelassen und war ein einfaches, auswegloses Tier geworden. Die Zeit dehnte sich. Sie war ein flaches Band geworden, das unendlich langsam durch meine Finger glitt. Das Gesicht des Byzantiners wurde zuerst rot, dann blau. Seine Zunge trat heraus und einige Äderchen platzten in seinen Wangen. Es dauerte unendlich lange. Als er starb, sank er herab. Sein ganzer Körper bebete und seine Finger bewegten sich, als würde er etwas auf den Planken des Schiffes suchen.
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Dann hörte ich mich selbst. Ich betete das Kaddisch. Ich dachte an meine Mutter, an ihre kühlen Hände und an die Zeit, die wir in den Olivenhainen verbracht hatten. Damals hatte ich mir gewünscht die Welt zu bereisen. Nun rief ich nach meiner Mutter. In diesem Moment wurde ich mir meiner elternlosen Einsamkeit bewusst und mein bevorstehender Tod schien mir mit einem Mal unnötig, ungerecht und grausam, so dass ich eine eigentümliche Wut auf mein eigenes Schicksal entwickelte. Ich verfluchte die Sturheit meines Vaters, sein unseliges Buch und seine noch unseligere Lampe, die den tumben Normannen überhaupt erst auf meine Spur gebracht und mich zu einem Sklaven gemacht hatte. Aber mein Zorn wandelte sich sofort wieder in pure Furcht, die wie eine innere Faust gegen meinen Bauch schlug. Jetzt hörten wir ein Knirschen. Es entstand als sich die beiden Schiffe längsseits aneinander rieben. Mindestens hundert Füße schienen gleichzeitig auf unser Deck zu springen, als seien sie die Gliedmaßen eines riesigen Tieres, das sich daran machte, alles zu verschlingen, dass in seine Nähe gelangte. Dann begann der Kampf. Wir hörten das Geschrei der Verletzten, das Gebrüll der Angreifer und den Widerhall von tausend Schritten. Ein gewaltiger Totentanz wogte über uns hinweg. Bald würde der Widerstand unserer Seeleute gebrochen sein. Ich horchte, ob ihre Stimmen erstarben und das Geschrei der Fremden die Oberhand gewann. Aber es hatte den Anschein, als gehe das Gefecht unvermindert weiter, als würde das Tosen des Blutes kein Ende finden an diesem Tag.
Sarazin hatte inzwischen zu beten aufgehört. Er lag stumm in unserem Verschlag und sah mit schwarzen, geheimnisvollen Augen durch mich hindurch. Das Licht, welches durch den Spalt unserer Ketten fiel, war stark genug, dass wir uns in die Augen sehen konnten. Lange Zeit blieb die Bataille auf das Mittelschiff begrenzt. Als der Kampf unser Vorderdeck erreichte, war bereits viel Zeit vergangen. Ich zwang mich still zu liegen, aber mein ganzer Körper zitterte, als sich die Füße wie dumpfe Trommelschläge unserem Verschlag näherten. Sarazin hielt meine Hände fest.
„Schschsch, es geht vorüber. Nichts passiert. Sie können uns nicht sehen. Wir sind unsichtbar“ flüsterte er.
Dann hörten wir wie jemand auf unsere hölzerne Behausung sprang. Der Deckel verrutschte und wir hielten den Atem an. Meine Hände zitterten selbst dann, wenn ich sie fest an meinen Körper presste. Dennoch empfand ich zu meinem eigenen Erstaunen einen ungerichteten, hilflosen Zorn, der in dem unbedingten Willen mündete am Leben zu bleiben. Nach einigen Augenblicken verschwanden die Füße wieder vom Dach unseres Versteckes. Es war, als wichen sie vor der Kraft meiner Gedanken zurück. Dann plötzlich wurde meine Fußkette durch einen Ruck gespannt. Der Deckel unserer Kiste flog auf. Die ganze Helligkeit des ozeanischen Mittages strömte zu uns herein. Die Welt schien in einen weißen Rausch zu verfallen, der die Schritte über unseren Köpfen wie Lichtflecken erscheinen ließ. Die Helligkeit lähmt mich. Eingezwängt zwischen den Takelagen konnten wir nicht schnell genug aufstehen. Ein kleiner, dunkelhäutiger Grieche war über die Kette gestolpert, die aus dem Verschlag hing. Er hatte die Abdeckung aufgerissen. Wir versuchten zu entkommen. Sarazin war schneller. Er lag etwas höher und wühlte einige Seile aus der Kiste, um mehr Platz zu haben. In seiner Panik trat er auf mein Gesicht. Dann hob der Grieche das Schwert. Doch bevor der Hieb sein Ziel fand, stockte der Angreifer plötzlich. Im Zentrum des Schlages ließ er seine Waffe sinken. Er knickte in der Hüfte ein und sah an sich herunter, fast als hätte jemand die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Ein Krummsäbel steckte tief in seiner Taille. Die Schneide hatte den Lederpanzer glatt durchschlagen. Hinter dem Mann stand der Zeugmeister und lächelte uns an, als erwartete er ein Lob. Seine haarigen Arme hatte er bloßgelegt. Mit einem Ruck riss der den Säbel zurück und aus der Wunde schoss Blut. Er warf einen Blick über die Schulter, um sicher zu gehen, dass er nicht von hinten angegriffen wurde. In diesem Augenblick richtete sich der Grieche auf und wirbelte herum wie ein Tänzer. Er schrie. Sein Blut bildete einen Halbkreis auf dem Deck. In der Drehung führte er einen Hieb gegen den Hals des Zeugmeisters. Aber trotz seiner Fülle bewegte sich unser Retter mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Er bog seinen Oberkörper nach hinten und wich dem Schlag aus. Doch er war nicht schnell genug. Die Spitze des Schwertes streifte seinen Hals. Es sah ganz unscheinbar aus und einen Moment lang geschah nichts. Die Kämpfer verharrten, als sei dies ein Spiel, in dem nun eine Pause ausgerufen worden war. Es war, als hätte der Schöpfer den Lauf der Welt angehalten und als sei der unvorstellbare Tanz des Lebens mit einem Mal zum Erliegen gekommen. Sogar die Wellen schienen in ihrer Bewegung zu verharren. Dann klaffte am Hals des Zeugmeisters ein weißer Spalt auf, der die Farbe von Lammfett hatte. Im nächsten Augenblick füllte er sich mit Blut und ein hellroter Strahl schoss daraus hervor. Er taumelte zurück. Der Grieche hielt mit den Händen seine Wundränder zusammen und sank auf den Boden. Er fluchte und versuchte sich sofort wieder auf zu raffen.
Inzwischen hatte ich es geschafft mich aus den Seilen zu befreien. Der Byzantiner hob seinen gebogenen Säbel und bewegte mit wackligen Schritten auf den Zeugmeister zu. Plötzlich überfiel mich tiefer, unbeherrschbarer Zorn. Der Mensch vor meinen Augen verschwand und verwandelte sich in ein fremdes, satanisches Wesen. Noch mit seinem letzten Atemzug würde es versuchen uns zu töten. Es war nicht einmal ein Tier. Es war ein Etwas. Ein Ding. Eine unmenschliche Bestie. Dann blickte ich auf den Zeugmeister, der fassungslos seine Hände betrachtete, die voller Blut waren. Mit jedem Herzschlag schoss ein roter Strahl aus seinem Hals. Der Grieche war nun fast bei ihm. Mit einer einzigen Bewegung nahm ich eines der dünnen Seile, die neben der Kiste lagen und stellte mich hinter den Angreifer. Ich spannte das Seil von hinten um seinen Hals. Er schien es nicht einmal zu bemerken. Dann atmete ich noch einmal und zog zu. Alles Denken war ausgelöscht. Mein Zorn konzentrierte sich auf einen einzigen winzigen Punkt. Er war so klein wie die Haarspitze des Racheengels. Der Name des Punktes war nur ein einziges Wort. Es hieß: Zieh!
Als das dünne Seil seine Kehle abschnürte, scharrte der Grieche mit den Füßen und versuchte sich zu drehen. Aber ich zog seinen Oberkörper dicht an mich heran. Er umklammerte meinen Unterarm und versuchte ihn herab zu ziehen, um sich zu befreien. Aber ich hatte die Grenze der Menschlichkeit hinter mir gelassen und war ein einfaches, auswegloses Tier geworden. Die Zeit dehnte sich. Sie war ein flaches Band geworden, das unendlich langsam durch meine Finger glitt. Das Gesicht des Byzantiners wurde zuerst rot, dann blau. Seine Zunge trat heraus und einige Äderchen platzten in seinen Wangen. Es dauerte unendlich lange. Als er starb, sank er herab. Sein ganzer Körper bebete und seine Finger bewegten sich, als würde er etwas auf den Planken des Schiffes suchen.
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