Der sizilianische Sturm (16)
Aber das Spiel mit dem Wellen begann schon nach einiger Zeit seinen Reiz zu verlieren. Die See wurde wieder jene unbarmherzige Quälerei, die ihrem eigentlichen Wesen entsprang. Als ich zwischen zwei Wellen einen Blick an den Horizont warf, sah ich zwei dunkle Punkt. Sie schienen sich aus dem byzantinischen Verband herausgelöst zu haben und es dauerte einige Zeit bis ich begriff, dass es Schiffe waren. Es waren die Byzantiner. Sie hatten die Verfolgung aufgenommen.
“Wenn ihre Ruderer bald müde werden, können wir entkommen. Unter Segeln sind wir ein wenig schneller als sie. Außerdem kommen wir bald in fremde Gewässer. Aber wenn sie nicht müde werden, müssen wir aufgeben“ sagte der Kapitän. Neben ihm stand die Königin und hielt den Blick auf die aufgewühlte See gerichtet.
„Wir geben nicht auf! Wenn es soweit kommt, kämpfen wir! Ich habe zwar einen Mönch geheiratet, aber ich bin noch keine Nonne geworden.“
Natürlich erfüllte sich die Hoffnung des französischen Kapitäns nicht. Die Umrisse der feindlichen Schiffe waren schon nach kurzer Zeit immer deutlicher am Horizont zu erkennen. Bald konnte ich Segel und Rumpf unterscheiden. Nach vier Stunden waren die Byzantiner wieder bis auf eintausend Fuß an uns herangekommen. Es dauerte nicht mehr lange bis wir in die Reichweite Ihrer Pfeile geraten würden. Sarazin schien meine Gedanken zu erraten, denn er nutzte die kurzen Atempausen, die uns das schlingernde Schiff gewährte und zog mich zu sich heran. Er rief:
„Bei der Scheiße des Propheten, die werden uns durchlöchern. Wir können nicht weg!“.
Er zeigt auf seine Fußfessel. Aber dieses Mal war ich in der Lage, ein wenig gelassener zu bleiben. Denn ich hatte mir bereits seit einer Stunde ausgemalt, was passieren würde, wenn die Kriegsschiffe uns erreichten.
„Werden sie nicht! Wir kriechen in die Kiste des Zeugmeisters“ antwortete ich im triumphalen Ton einer lange zurecht gelegten Antwort.
Sarazin warf mir einen verständnislosen Blick zu und ich musste mich zwingen, mein stolzes Grinsen zu unterdrücken. Dann öffnete ich den Deckel, der nur durch einen Bolzenriegel gehalten wurde und räumte die obersten Seile heraus, bis wir Platz hatten. Wir kletterten herein, als sei es ein Spiel. Im Inneren war es nicht halb so dunkel wie in jenem Loch, das meiner Vater für mich ausgehoben hatte, bevor die Kreuzritter mich auf diese seltsame Reise geschickte hatten, die nun mein Leben ausmachte. Die Ketten verhinderten, dass wir den Deckel schlossen. Aber auf diese Weise ließ der Spalt wenigstens genügend Licht herein, dass wir einander sahen. In der Enge der Kiste lagen wir einander zugewandt wie Mann und Frau. Ich roch seinen Schweiß, der in Perlen die Stirn hinab floss und sein Geruch schien mir seltsam unvertraut. Der intensive Duft seiner schwarzen Haut, hatte etwas Befremdliches, wie die Fährte eines unbekannten gefährlichen Tieres. Es war das Aroma des Anderen, des Fremden, das mir auf eine kaum erklärliche Weise hässlich vorkam, obwohl mir alles andere an Sarazin geradezu verwandt zu sein schien.
Wir mussten nicht lange warten. Die Griechen waren bald bis auf Schussnähe an das Schiff herangekommen. Als die ersten Pfeile surrend das Deck trafen, strich mir Sarazin mit der Hand über die Wange und sagte, „Es ist schön, dass du da bist. Ich hätte sonst eine Scheißangst.“
„Wir haben Glück, sie benutzen kein griechisches Feuer“ sagte ich.
„Woher willst du das wissen?“
„Das Feuer pfeift, diese Pfeile zischen nur.“ In meiner Erinnerung hallte der Angriff der Kreuzritter auf Lissabon wieder. Das ohrenbetäubende Geschrei der Verwundeten und der Sterbenden hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Mit der Erinnerung kam die Angst und alle Geräusche wurden Stoff vor meinen Augen. An Deck hörte man wechselnde Befehle, die ich nicht verstand und das heisere Geschrei der Seeleute, wenn sich das Schiff in den Ausweichmanövern von einer Seite auf die andere legte. Es war ein Wirbel aus Stimmen, der schneller und schneller wurde. Dann brach ein Tumult aus. Ich hörte den Zeugmeister, der schreiend noch mehr klirrendes Gerät an die Mannschaft verteilte, die mit hektischen Schritten scheinbar ziellos über das Deck lief. Es war, als erwarte sie den Angriff von allen Seiten. Die Schritte schienen sich in jener überhitzten Schnelligkeit abzuwechseln, die ein sicheres Kenzeichen der Angst ist. Sie wurde durch den verschwenderischen Einsatz von Kraft überdeckt. In diesem Moment ahnten wir, dass die Hoffnung zu schwach geworden war, um Ruhe zu bewahren.
Inmitten dieses Tanzes, der sich jedem Rhythmus verweigerte, erklang plötzlich das Windgeräusch eines Schiffes. In diesem Augenblick erstarben die Stimmen und die Füße standen still. Nur die Seile krachten und der Rumpf knarrte, wenn er sich langsam in ein Wellental legte. Die Klänge des Schiffes schienen sich zu einer langsamen Melodie zu vereinigen. Eine verstimmte, traurige Geige begleitete uns, um am Ende doch nur unseren Untergang beweinen zu können. Wir hoben die Köpf in unserem Verschlag, als könnten wir dann besser hören. Die Stille dauerte nur wenige Augenblicke. Dann hob sich das Schiff und wir hörten Wasser rauschen. Etwas surrte durch die Luft. Kleine Einschläge ließen das Holz erzittern. Ich meinte die Bewegungen unsere Seeleute zu hören. Sie versuchten die Enterseile zu durchtrennen, die sich in der Reling verfangen hatten. Der Zeugmeister brüllte an hundert Stellen gleichzeitig. Plötzlich hörte ich auch die Stimme der Königin. Sie gab Anweisungen. Ihre Stimme klang, als würde sie die Dekoration des Hofballs leiten. Trotz aller Anstrengungen bewegte sich das Schiff seitwärts. Die Entermannschaft der Byzantiner holte ihre Beute ein wie ein Netz voller Fische. Fremde Stimmen riefen ein einziges Wort und sie schienen ausgelassen und siegesgewiss.
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“Wenn ihre Ruderer bald müde werden, können wir entkommen. Unter Segeln sind wir ein wenig schneller als sie. Außerdem kommen wir bald in fremde Gewässer. Aber wenn sie nicht müde werden, müssen wir aufgeben“ sagte der Kapitän. Neben ihm stand die Königin und hielt den Blick auf die aufgewühlte See gerichtet.
„Wir geben nicht auf! Wenn es soweit kommt, kämpfen wir! Ich habe zwar einen Mönch geheiratet, aber ich bin noch keine Nonne geworden.“
Natürlich erfüllte sich die Hoffnung des französischen Kapitäns nicht. Die Umrisse der feindlichen Schiffe waren schon nach kurzer Zeit immer deutlicher am Horizont zu erkennen. Bald konnte ich Segel und Rumpf unterscheiden. Nach vier Stunden waren die Byzantiner wieder bis auf eintausend Fuß an uns herangekommen. Es dauerte nicht mehr lange bis wir in die Reichweite Ihrer Pfeile geraten würden. Sarazin schien meine Gedanken zu erraten, denn er nutzte die kurzen Atempausen, die uns das schlingernde Schiff gewährte und zog mich zu sich heran. Er rief:
„Bei der Scheiße des Propheten, die werden uns durchlöchern. Wir können nicht weg!“.
Er zeigt auf seine Fußfessel. Aber dieses Mal war ich in der Lage, ein wenig gelassener zu bleiben. Denn ich hatte mir bereits seit einer Stunde ausgemalt, was passieren würde, wenn die Kriegsschiffe uns erreichten.
„Werden sie nicht! Wir kriechen in die Kiste des Zeugmeisters“ antwortete ich im triumphalen Ton einer lange zurecht gelegten Antwort.
Sarazin warf mir einen verständnislosen Blick zu und ich musste mich zwingen, mein stolzes Grinsen zu unterdrücken. Dann öffnete ich den Deckel, der nur durch einen Bolzenriegel gehalten wurde und räumte die obersten Seile heraus, bis wir Platz hatten. Wir kletterten herein, als sei es ein Spiel. Im Inneren war es nicht halb so dunkel wie in jenem Loch, das meiner Vater für mich ausgehoben hatte, bevor die Kreuzritter mich auf diese seltsame Reise geschickte hatten, die nun mein Leben ausmachte. Die Ketten verhinderten, dass wir den Deckel schlossen. Aber auf diese Weise ließ der Spalt wenigstens genügend Licht herein, dass wir einander sahen. In der Enge der Kiste lagen wir einander zugewandt wie Mann und Frau. Ich roch seinen Schweiß, der in Perlen die Stirn hinab floss und sein Geruch schien mir seltsam unvertraut. Der intensive Duft seiner schwarzen Haut, hatte etwas Befremdliches, wie die Fährte eines unbekannten gefährlichen Tieres. Es war das Aroma des Anderen, des Fremden, das mir auf eine kaum erklärliche Weise hässlich vorkam, obwohl mir alles andere an Sarazin geradezu verwandt zu sein schien.
Wir mussten nicht lange warten. Die Griechen waren bald bis auf Schussnähe an das Schiff herangekommen. Als die ersten Pfeile surrend das Deck trafen, strich mir Sarazin mit der Hand über die Wange und sagte, „Es ist schön, dass du da bist. Ich hätte sonst eine Scheißangst.“
„Wir haben Glück, sie benutzen kein griechisches Feuer“ sagte ich.
„Woher willst du das wissen?“
„Das Feuer pfeift, diese Pfeile zischen nur.“ In meiner Erinnerung hallte der Angriff der Kreuzritter auf Lissabon wieder. Das ohrenbetäubende Geschrei der Verwundeten und der Sterbenden hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Mit der Erinnerung kam die Angst und alle Geräusche wurden Stoff vor meinen Augen. An Deck hörte man wechselnde Befehle, die ich nicht verstand und das heisere Geschrei der Seeleute, wenn sich das Schiff in den Ausweichmanövern von einer Seite auf die andere legte. Es war ein Wirbel aus Stimmen, der schneller und schneller wurde. Dann brach ein Tumult aus. Ich hörte den Zeugmeister, der schreiend noch mehr klirrendes Gerät an die Mannschaft verteilte, die mit hektischen Schritten scheinbar ziellos über das Deck lief. Es war, als erwarte sie den Angriff von allen Seiten. Die Schritte schienen sich in jener überhitzten Schnelligkeit abzuwechseln, die ein sicheres Kenzeichen der Angst ist. Sie wurde durch den verschwenderischen Einsatz von Kraft überdeckt. In diesem Moment ahnten wir, dass die Hoffnung zu schwach geworden war, um Ruhe zu bewahren.
Inmitten dieses Tanzes, der sich jedem Rhythmus verweigerte, erklang plötzlich das Windgeräusch eines Schiffes. In diesem Augenblick erstarben die Stimmen und die Füße standen still. Nur die Seile krachten und der Rumpf knarrte, wenn er sich langsam in ein Wellental legte. Die Klänge des Schiffes schienen sich zu einer langsamen Melodie zu vereinigen. Eine verstimmte, traurige Geige begleitete uns, um am Ende doch nur unseren Untergang beweinen zu können. Wir hoben die Köpf in unserem Verschlag, als könnten wir dann besser hören. Die Stille dauerte nur wenige Augenblicke. Dann hob sich das Schiff und wir hörten Wasser rauschen. Etwas surrte durch die Luft. Kleine Einschläge ließen das Holz erzittern. Ich meinte die Bewegungen unsere Seeleute zu hören. Sie versuchten die Enterseile zu durchtrennen, die sich in der Reling verfangen hatten. Der Zeugmeister brüllte an hundert Stellen gleichzeitig. Plötzlich hörte ich auch die Stimme der Königin. Sie gab Anweisungen. Ihre Stimme klang, als würde sie die Dekoration des Hofballs leiten. Trotz aller Anstrengungen bewegte sich das Schiff seitwärts. Die Entermannschaft der Byzantiner holte ihre Beute ein wie ein Netz voller Fische. Fremde Stimmen riefen ein einziges Wort und sie schienen ausgelassen und siegesgewiss.
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