Der sizilianische Sturm (15)
Ihr Kopf war unbedeckt. Das braune, kräftige Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, aus dem winzige Härchen hervorstanden, die sich im Wind bogen wie Gras. Die späte Morgensonne verfing sich darin und es schien, als stehe sie in einem Kranz aus Licht. Sie mochte gerade dreißig sein, hatte eine große gerade Nase und etwas zu schmale Lippen, die aber in einem wundervollen, dunklen Rot erstrahlten. Ihr Kleid war einfach und wurde durch einen Gürtel zusammen gehalten. Lediglich ein kleines, goldenes Kreuz, in das ein winziger leuchtender Stein eingelassen war, deutete Ihre Herkunft an.
„Sie ist mutig“ flüsterte Sarazin. „Als Dienerin verkleidet kann sie geschändet und sogar getötet werden.“
Sie stand aufrecht im Wind und blickte sich mit neugierigen, kalten Augen um. Während sie suchte, wanderte ihre Hand gedankenverloren an ihren Hals und ein winziges Lächeln durchzog ihr Gesicht, als sie mit der Fingerspitze den Stein berührte. Für einen Augenblick schien sie wie ein Kind, das ein lieb gewonnenes Spielzeug streichelt. Doch dann erblickte sie den Zeugmeister auf dem Achterdeck und winkte ihn zu sich heran. Als er sie sah, taumelte er einen Schritt zurück und näherte sich mit gebeugtem Haupt. In seiner demütigen Haltung drohte er mit jedem Schlingern des Schiffes fast das Gleichgewicht zu verlieren. Sein Weg schien weiter und weiter zu werden. Und er brauchte länger, als nötig gewesen wäre, um den Schiffsjungen unter dem Kiel hindurch tauchen zu lassen. Endlich hatte er sie erreicht. Aber im gleichen Augenblick überspülte uns eine Welle und ich war nicht in der Lage etwas zu sehen oder zu hören. Als ich mir schließlich das brennende Salzwasser aus den Augen gerieben hatte, befand sich die Königin bereits wieder auf dem Weg in ihre Gemächer. In der Hand hielt sie einen Krummsäbel und eine Streitaxt, deren Größe gerade für sie gemacht schien.
Die Byzantiner kamen langsam und unaufhörlich näher. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie uns erreichen würden. Sarazin und ich würden, fest gekettet an diesen Ring, rettungslos ertrinken, wenn das Schiff unter ginge. Auch falls sie es nur enterten, würde wir mit ziemlicher Sicherheit erschlagen werden. An das griechische Feuer wagte ich nicht zu denken. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie glutäugige, byzantinische Bestien meinen Kopf vom Rumpf abtrennten. Ich sah meinen eigenen Körper, der in einer Blutfontäne zu Boden taumelte.
„Wir werden sterben, wenn sie angreifen! Ihr müsst uns frei lassen!“ rief ich dem Zeugmeister über das halbe Deck hinweg zu, ohne dass ich mir bewusst wurde, was ich tat. Er schärfte einem Seemann am Vorderdeck gerade ein, die Enterseile mit dem Beil zu durchschlagen, sobald sie sich an der Reling verfangen hatten. Er blickte mich verärgert an, unterbrach seine Erläuterung und kam zu uns.
„Nur wenn das Schiff sinkt“ sagte er und lachte dabei kurz. „Sklaven und Adlige töten sie nicht. Euch können sie verkaufen und für die Herren bekommen sie Lösegeld. Vielleicht kommt dein Freund dann wieder nach Damaskus und landest als Schreiber in einer Kanzlei. Für euch besteht nicht das geringste Risiko. Es besser, wenn ihr bleibt wo ihr seid. Aber die Besatzung werden sie töten.“
Die Aussicht mein Leben in einer Schreibstube zu beenden, tröste mich wenig. Für einen Augenblick dachte ich: „Es wäre besser zu sterben.“ Aber ich wusste wie töricht das war. Der Abstand zwischen uns und der übrigen französischen Flotte, hatte sich jetzt bis auf einige hundert Fuß vergrößert. Sie waren zusätzlich mit Rittern und Pferden beladen und lag viel tiefer im Wasser wir. Denn wir waren nur eine leere Schatzkammer, die lediglich von der Königin und ihrem Gefolge beschwert wurde. Von Minute zu Minute wurde der Abstand größer. Nach einiger Zeit lösten sich auch die niedrigen Begleitschiffe von uns und blieben bei ihrem König. Wir waren allein.
Die Gefahr erzeugte in mir ein seltsames Gefühl der Zusammengehörigkeit. Als hinge nun das Schicksal aller Passagiere für immer an einem einzigen unzertrennbaren Faden. Was immer auch passieren würde, träfe jeden, den das Schicksal auf dieses Schiff verschlagen hatte. Die Macht des Todes hielt uns zusammen.
Es schien jetzt, als verfolge die Flotte der Byzantiner nicht mehr uns, sondern den Verband des französischen Herrschers. Bald würden sie in die Reichweite der Pfeile geraten. Gebannt warteten Sarazin und ich auf die erste Salve. Plötzlich geschah etwas Seltsames, dass ich zunächst nicht verstand.
Das ferne Schiff des Königs nahm die Segel aus dem Wind und beendete seine Fahrt. Es schaukelte nun auf den Wellen, als sei es ein kleiner Nachen, der sich auf die offene See verirrt hatte. Innerhalb weniger Minuten kreisten die Piraten ihr Opfer ein. Der Herrscher Frankreichs hatte offensichtlich aufgegeben und versuchte eine Seeschlacht zu vermeiden, die er nicht gewinnen konnte. Als habe sie geahnt, was passieren würde, erschien nun die Königin auf unserem Deck. Sie bewegte sich mit kleinen federnden Schritten. Der braune Zopf folgte ihren Bewegungen stets mit einer kleinen Verzögerung. Er schien wie eine Puppe, welche die Bewegung ihrer Herrin immer ein wenig unvollkommen nachahmte. Der Herrscherin haftete etwas Fließendes und Mädchenhaftes an.
Es dauerte einige Augenblicke, bis sie begriff was vor sich ging. Aber dann verfolgte sie die Kapitulation ihrer eigenen Flotte. Sie presste die Lippen zusammen, als wollte sie die Flüche im Zaum halten, die beständig über ihre Lippen zu springen drohten. Nach einiger Zeit des Schweigens, warf sie ihren Kopf mit einem Ruck nach hinten. Die Bewegung verriet Anmut und Willensstärke.
„Fahrt endlich schneller Kapitän. Meine Gemahl mag aufgegeben, ich nicht.“ sagte sie und ihre Stimme verriet keinerlei Aufregung.
Ein Ruf, gleichermaßen dem Rachen und der Nase des Kapitäns entsprungen, wies die französischen Seeleute an die Segel in den Wind zu drehen. Die Luftmassen fuhren in das Tuch und wir beschleunigten unsere Fahrt. Es knirschte. Der Rumpf legte sich so weit in die See hinein, dass ständig Wasser in die Ladeluke hinein floss. Allein drei Männer waren damit beschäftigt, das Wasser aus dem Inneren des Schiffes zu transportieren. Bald schlugen die Wellen wieder über Sarazin und mich hinweg und wie zuvor waren wir nun gezwungen, an unserem Kettenring Halt zu suchen, damit uns die Kraft des Wassers nicht mit sich riss. Aber jetzt begrüßten wir jede Welle wie einen lang ersehnten Freund, der überraschend seinen Besuch angekündigt hatte. Wir schienen der tödlichen Gefahr gerade noch einmal entkommen zu sein. Sarazin lachte bei jedem Wasseransturm und hielt sein Gesicht wie ein Kind aufrecht dem heranrollenden Schaum entgegen, während die besiegte Flotte des französischen Herrschers schon fast am Horizont verschwunden war. Nur noch einige schwarze Flecken erinnerten an ihre Existenz.
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„Sie ist mutig“ flüsterte Sarazin. „Als Dienerin verkleidet kann sie geschändet und sogar getötet werden.“
Sie stand aufrecht im Wind und blickte sich mit neugierigen, kalten Augen um. Während sie suchte, wanderte ihre Hand gedankenverloren an ihren Hals und ein winziges Lächeln durchzog ihr Gesicht, als sie mit der Fingerspitze den Stein berührte. Für einen Augenblick schien sie wie ein Kind, das ein lieb gewonnenes Spielzeug streichelt. Doch dann erblickte sie den Zeugmeister auf dem Achterdeck und winkte ihn zu sich heran. Als er sie sah, taumelte er einen Schritt zurück und näherte sich mit gebeugtem Haupt. In seiner demütigen Haltung drohte er mit jedem Schlingern des Schiffes fast das Gleichgewicht zu verlieren. Sein Weg schien weiter und weiter zu werden. Und er brauchte länger, als nötig gewesen wäre, um den Schiffsjungen unter dem Kiel hindurch tauchen zu lassen. Endlich hatte er sie erreicht. Aber im gleichen Augenblick überspülte uns eine Welle und ich war nicht in der Lage etwas zu sehen oder zu hören. Als ich mir schließlich das brennende Salzwasser aus den Augen gerieben hatte, befand sich die Königin bereits wieder auf dem Weg in ihre Gemächer. In der Hand hielt sie einen Krummsäbel und eine Streitaxt, deren Größe gerade für sie gemacht schien.
Die Byzantiner kamen langsam und unaufhörlich näher. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie uns erreichen würden. Sarazin und ich würden, fest gekettet an diesen Ring, rettungslos ertrinken, wenn das Schiff unter ginge. Auch falls sie es nur enterten, würde wir mit ziemlicher Sicherheit erschlagen werden. An das griechische Feuer wagte ich nicht zu denken. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie glutäugige, byzantinische Bestien meinen Kopf vom Rumpf abtrennten. Ich sah meinen eigenen Körper, der in einer Blutfontäne zu Boden taumelte.
„Wir werden sterben, wenn sie angreifen! Ihr müsst uns frei lassen!“ rief ich dem Zeugmeister über das halbe Deck hinweg zu, ohne dass ich mir bewusst wurde, was ich tat. Er schärfte einem Seemann am Vorderdeck gerade ein, die Enterseile mit dem Beil zu durchschlagen, sobald sie sich an der Reling verfangen hatten. Er blickte mich verärgert an, unterbrach seine Erläuterung und kam zu uns.
„Nur wenn das Schiff sinkt“ sagte er und lachte dabei kurz. „Sklaven und Adlige töten sie nicht. Euch können sie verkaufen und für die Herren bekommen sie Lösegeld. Vielleicht kommt dein Freund dann wieder nach Damaskus und landest als Schreiber in einer Kanzlei. Für euch besteht nicht das geringste Risiko. Es besser, wenn ihr bleibt wo ihr seid. Aber die Besatzung werden sie töten.“
Die Aussicht mein Leben in einer Schreibstube zu beenden, tröste mich wenig. Für einen Augenblick dachte ich: „Es wäre besser zu sterben.“ Aber ich wusste wie töricht das war. Der Abstand zwischen uns und der übrigen französischen Flotte, hatte sich jetzt bis auf einige hundert Fuß vergrößert. Sie waren zusätzlich mit Rittern und Pferden beladen und lag viel tiefer im Wasser wir. Denn wir waren nur eine leere Schatzkammer, die lediglich von der Königin und ihrem Gefolge beschwert wurde. Von Minute zu Minute wurde der Abstand größer. Nach einiger Zeit lösten sich auch die niedrigen Begleitschiffe von uns und blieben bei ihrem König. Wir waren allein.
Die Gefahr erzeugte in mir ein seltsames Gefühl der Zusammengehörigkeit. Als hinge nun das Schicksal aller Passagiere für immer an einem einzigen unzertrennbaren Faden. Was immer auch passieren würde, träfe jeden, den das Schicksal auf dieses Schiff verschlagen hatte. Die Macht des Todes hielt uns zusammen.
Es schien jetzt, als verfolge die Flotte der Byzantiner nicht mehr uns, sondern den Verband des französischen Herrschers. Bald würden sie in die Reichweite der Pfeile geraten. Gebannt warteten Sarazin und ich auf die erste Salve. Plötzlich geschah etwas Seltsames, dass ich zunächst nicht verstand.
Das ferne Schiff des Königs nahm die Segel aus dem Wind und beendete seine Fahrt. Es schaukelte nun auf den Wellen, als sei es ein kleiner Nachen, der sich auf die offene See verirrt hatte. Innerhalb weniger Minuten kreisten die Piraten ihr Opfer ein. Der Herrscher Frankreichs hatte offensichtlich aufgegeben und versuchte eine Seeschlacht zu vermeiden, die er nicht gewinnen konnte. Als habe sie geahnt, was passieren würde, erschien nun die Königin auf unserem Deck. Sie bewegte sich mit kleinen federnden Schritten. Der braune Zopf folgte ihren Bewegungen stets mit einer kleinen Verzögerung. Er schien wie eine Puppe, welche die Bewegung ihrer Herrin immer ein wenig unvollkommen nachahmte. Der Herrscherin haftete etwas Fließendes und Mädchenhaftes an.
Es dauerte einige Augenblicke, bis sie begriff was vor sich ging. Aber dann verfolgte sie die Kapitulation ihrer eigenen Flotte. Sie presste die Lippen zusammen, als wollte sie die Flüche im Zaum halten, die beständig über ihre Lippen zu springen drohten. Nach einiger Zeit des Schweigens, warf sie ihren Kopf mit einem Ruck nach hinten. Die Bewegung verriet Anmut und Willensstärke.
„Fahrt endlich schneller Kapitän. Meine Gemahl mag aufgegeben, ich nicht.“ sagte sie und ihre Stimme verriet keinerlei Aufregung.
Ein Ruf, gleichermaßen dem Rachen und der Nase des Kapitäns entsprungen, wies die französischen Seeleute an die Segel in den Wind zu drehen. Die Luftmassen fuhren in das Tuch und wir beschleunigten unsere Fahrt. Es knirschte. Der Rumpf legte sich so weit in die See hinein, dass ständig Wasser in die Ladeluke hinein floss. Allein drei Männer waren damit beschäftigt, das Wasser aus dem Inneren des Schiffes zu transportieren. Bald schlugen die Wellen wieder über Sarazin und mich hinweg und wie zuvor waren wir nun gezwungen, an unserem Kettenring Halt zu suchen, damit uns die Kraft des Wassers nicht mit sich riss. Aber jetzt begrüßten wir jede Welle wie einen lang ersehnten Freund, der überraschend seinen Besuch angekündigt hatte. Wir schienen der tödlichen Gefahr gerade noch einmal entkommen zu sein. Sarazin lachte bei jedem Wasseransturm und hielt sein Gesicht wie ein Kind aufrecht dem heranrollenden Schaum entgegen, während die besiegte Flotte des französischen Herrschers schon fast am Horizont verschwunden war. Nur noch einige schwarze Flecken erinnerten an ihre Existenz.
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