Der sizilianische Sturm (12)
In der darauf folgenden Woche starben zwei der anderen Gefangenen im Laderaum. Sie hatten in ihre Verzweiflung das Bilgenwasser getrunken, das sich unten im Schiff sammelte. Denn der Kapitän hatte in der fast unerträglichen Hitze bereits seit Tagen die Wasserrationen gekürzt. Die Leichen warf der Zeugmeister mittschiffs über Bord wie seelenlose Hunde. Die See war ruhig in dieser Nacht. Er tat es heimlich im Licht der Sterne. Aber obwohl er ein Seil benutzte, um die starren Körper hinab zu lassen, entging uns das Geräusch des Wassers nicht, das über ihren Köpfen zusammenschlug. In den folgenden zwei Tagen sprach er nicht ein einziges Wort. Sogar den Kapitän schwieg er beharrlich an und wenn er in unsere Nähe kam, blickte er zu Boden. Nachdem er seine Trauerzeit beendet hatte, trat er manchmal nachts zu uns, lehnte sich an die Reling und schaute hinaus auf den schwarzblauen Horizont. Er sprach leise. Sein Ton war nun väterlich und die Worte schienen aus seinem kurzen grauen Bart zu fließen. Manchmal bewegte sich sein Bauch, während er redete. Er flüstere, wenn er etwas Bedeutendes zu berichten hatte und das geschah oft. Wir verständigten uns mit Arabisch, Französisch und Latein und in jedem Satz mischten sich die Sprachen der Welt. Der Zeugmeister berichtete, er habe bereits jeden Hafen in Italien, Frankreich und Spanien angelaufen. Mit Ausnahme von Lissabon. Er brüstete sich damit, dass er in Ceuta, Tunis und Kairuan genug Arabisch gelernt hatte, um sich in jeder Stadt des Orients zu Recht zu finden. Wenn in klaren Nächten die Sterne am Himmel standen, blickte er oft hinauf, benannte die Sternbilder, die gerade aufgegangen waren und verknüpfte jedes Bild mit einer Geschichte, die in einem anderen Hafen spielte. Er schien von Genua bis Aleppo und Kairo schon jeden bekannten Ort besucht zu haben. Sogar im unendlich fernen Indien, unweit von den Pforten des Paradieses, war er auf ein sagenhaftes Königreich gestoßen. Dort schienen die verschiedenen Völker so schwarz, als seien sie von der Sonne verbrannt. Ein ganzes Buch, behauptete er, reiche nicht aus, um ihre absonderlichen Gebräuche nieder zu schreiben. Aber seine Schilderungen blieben so ungenau und nebulös, dass ich eher geneigt war, an die Auferstehung des christlichen Messias zu glauben, als an die Geschichten unseres nächtlichen Gastes.
Nachdem der Zeugmeister seine zwei Toten dem Meer übergeben hatte, vergrößerte der Kapitän unsere Wasserrationen wieder. Die Sklaven gehörten zu der spärlichen Kriegsbeute, die der König auf seinem missglückten Kreuzzug in die Hände bekommen hatte. Der Zeugmeister berichtete uns, dass jeder an Bord die Laune des Herrschers fürchte, nachdem die christlichen Truppen nicht einmal bis Jerusalem gekommen waren. Bereits vor Damaskus sei ihr Feldzug gescheitert. Und von siebzigtausend Soldaten habe kaum ein Drittel überlebt. Deshalb habe sich der König auf seinem Schiff eingeschlossen und spräche mit niemandem. Sogar seine Gemahlin hätte er deswegen angeblich auf diesem Begleitschiff unterbringen lassen. An diesem Punkt begann der Zeugmeister zu flüstern. Der wahre Grund für die getrennte Heimreise läge woanders. Er wedelte mit der Hand und fächelte sich Luft zu, als wolle er seine Enthüllungen kühlen. Zwischen ihr und dem Herzog von Antijochia sei es zu einem Verhältnis gekommen. Eine verhängnisvolle Liason. Alle Welt wisse davon, aber niemand sei in der Lage, es zu beweisen.
„Deshalb hat sie jetzt auch immer diesen dürren Kaplan bei sich, damit sie ihm ihre Sünden beichten kann.“
Bereits seit einiger Zeit hatte ich mir angewöhnt, die Worte des Zeugmeisters für Sarazin zu übersetzen. In Ermangelung eines geeigneten Wortes ersetzte ich die „Beichte“ der Königin durch das Wort „Bericht“. Später, als wir alleine waren, fragte Sarazin mich:
„Wenn sie tatsächlich den König betrogen hat, wird sie nicht so dumm sein, es jemandem zu verraten, oder?“
„Ich weiß nicht“ antwortete ich „die Christen in unserem Viertel haben auch verrückte Dinge getan. Sie waren überzeugt, dass Ihnen ihr Priester jeden Sonntag einen Teil Ihres Messias als kleinen Fladen zu essen gab. Vielleicht erzählt sie ihre Sünden einem kleinen Stück Brot und isst es dann auf.“
„Das klingt wenigstens vernünftiger“ antwortete Sarazin.
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Nachdem der Zeugmeister seine zwei Toten dem Meer übergeben hatte, vergrößerte der Kapitän unsere Wasserrationen wieder. Die Sklaven gehörten zu der spärlichen Kriegsbeute, die der König auf seinem missglückten Kreuzzug in die Hände bekommen hatte. Der Zeugmeister berichtete uns, dass jeder an Bord die Laune des Herrschers fürchte, nachdem die christlichen Truppen nicht einmal bis Jerusalem gekommen waren. Bereits vor Damaskus sei ihr Feldzug gescheitert. Und von siebzigtausend Soldaten habe kaum ein Drittel überlebt. Deshalb habe sich der König auf seinem Schiff eingeschlossen und spräche mit niemandem. Sogar seine Gemahlin hätte er deswegen angeblich auf diesem Begleitschiff unterbringen lassen. An diesem Punkt begann der Zeugmeister zu flüstern. Der wahre Grund für die getrennte Heimreise läge woanders. Er wedelte mit der Hand und fächelte sich Luft zu, als wolle er seine Enthüllungen kühlen. Zwischen ihr und dem Herzog von Antijochia sei es zu einem Verhältnis gekommen. Eine verhängnisvolle Liason. Alle Welt wisse davon, aber niemand sei in der Lage, es zu beweisen.
„Deshalb hat sie jetzt auch immer diesen dürren Kaplan bei sich, damit sie ihm ihre Sünden beichten kann.“
Bereits seit einiger Zeit hatte ich mir angewöhnt, die Worte des Zeugmeisters für Sarazin zu übersetzen. In Ermangelung eines geeigneten Wortes ersetzte ich die „Beichte“ der Königin durch das Wort „Bericht“. Später, als wir alleine waren, fragte Sarazin mich:
„Wenn sie tatsächlich den König betrogen hat, wird sie nicht so dumm sein, es jemandem zu verraten, oder?“
„Ich weiß nicht“ antwortete ich „die Christen in unserem Viertel haben auch verrückte Dinge getan. Sie waren überzeugt, dass Ihnen ihr Priester jeden Sonntag einen Teil Ihres Messias als kleinen Fladen zu essen gab. Vielleicht erzählt sie ihre Sünden einem kleinen Stück Brot und isst es dann auf.“
„Das klingt wenigstens vernünftiger“ antwortete Sarazin.
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