Eine kurze Geschichte der Welt in sehr kleinen Teilen. In diesem Blog geht es um Literatur, Politik, Wissenschaft und Technologie, weil es der Autor noch nie anständig entscheiden konnte.

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  • Exposé
  • Die ersten Kapitel

    Erzählungen:


  • Am Geburtstag des Fürsten ...
  • The Way I Found Van Morrison
  • Am Anfang war die Leihbüch...
    Unvollendetes
  • Die sieben Dinge meines Lebens
  • Am Geburtstag des Fürsten Pückler (I, II, III, IV)


    Teil I | Teil II | Teil III | Teil IV

    moleskine_pueckler013
    Der Supermarkt der Familie Helpenstein lag im Schatten einer Platane. Sie wuchs am Rand des Friedhofes und stand unter dem Schutz der Kirche. Der alte Helpenstein fluchte über die Dunkelheit und machte sie für die schwindenden Umsätze verantwortlich. Aber er konnte dem Baum niemals etwas anhaben. Nicht einmal der Umstand, dass der Bürgermeister sein Schützenbruder war, brachte ihn in irgendeiner Weise weiter.
    Ich liebte die Platane, denn sie war größer und älter als alles, was ich kannte. Und ich mochte das fleckige Licht, das sie auf den Bürgersteig warf, der sich vor dem Laden entlang schlängelte. Die Sonne brach sich in ihren Blättern und verwandelte den ganzen Platz ein Meer aus Schatten. Wenn ich meine Augen zu Schlitzen verengte, gelang es mir manchmal mich bis an einen fremden Ozean zu träumen.
    Der alte Helpenstein mochte es nicht, wenn wir vor seinem Geschäft saßen. Obwohl wir keine schlechten Kunden waren. Malek und ich kaufen mindestens einmal pro Woche etwas. In der Regel handelte es sich um eine Familienpackung Eis. Es nannte sich Fürst Pückler und bestand aus Vanille, Schokolade und Erdbeere. Eine Mischung, die man heute aus guten Gründen beinahe vergessen hat. Wir setzten uns auf den Bürgersteig, traktierten es mit Plastiklöffeln und beobachteten die Leute bei ihren wöchentlichen Einkäufen. Immer wenn die Sonne schien, erzählte ich Malek von meinem Traum.
    „Ein Meer? Du hast Phantasie.“ sagte er jedes Mal. Bis heute weiß ich nicht, ob er sich über mich lustig machte oder mich bewunderte.
    Malek hatte viele Fähigkeiten. Er konnte sein Mitgefühl ausdrücken, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wenn er die blauen Flecken entdeckte, die ich gewöhnlich mit mir herum trug, schaute er nicht weg wie die meisten anderen. Er betrachtete sie und schwieg verständnisvoll. Vielleicht hatte er diese Fähigkeit von seinem Vater geerbt, der aus Istanbul stammte, wenig sprach und mindestens einmal am Tag ein trauriges Lieder sang, um danach seine gute Laune wieder zu finden.
    Nachdem wir die Familienpackung geleert hatten, verdauten wir unser Eis und schwiegen, weil uns ein bisschen schlecht geworden war. Es war langweilig. Der Nachmittag strömte träge an uns vorbei und es bestand wenig Hoffnung, dass Gott aus seinem ewigen Schlaf erwachen würde. Aber an jenem Tag im Oktober, von dem ich hier berichten möchte, geschah dennoch etwas, dass uns für einen Augenblick von der ozeanischen Langsamkeit befreite, die in unserem Dorf herrschte und die jede Bewegung und jeden Gedanken zu ersticken schien.

    Teil II (zurück)

    Es war Monatsanfang, das Kindergeld war ausgezahlt worden und gleich würden die Kralls ihren Großeinkauf machen. Als das erste Mitglied der Familie auftauchte, grinste Malek und versetzte mir einen Stoß. Es war Frau Krall. Sie wog mindestens hundert Kilo und hatte im Laufe ihres Lebens zehn oder zwölf Kinder zur Welt gebracht. Wir wussten es nicht so genau. Sie selbst vermutlich auch nicht, denn ihre älteren Söhne befanden sich meistens im Gefängnis.
    Frau Krall hatte dunkle, glänzende Locken. Sie war mit einem geblümten Morgenmantel bekleidet, trug Filzpantoffeln und hatte eine Zigarre im Mund. Meistens brannte der Stumpen nicht einmal und sie kaute nur darauf herum. Doch heute zog sie eine Wolke aus beißendem Rauch hinter sich her und lächelte in die Oktobersonne hinein.
    Bis zu dem Tag, an dem ich mein Dorf für immer verlassen sollte, habe ich sie nur ein einziges Mal gesehen, ohne dass eine Zigarre an ihren Lippen klebte. Damals stand sie am Grab ihres Sohnes, dessen gewaltsamer Tod die ganze Gemeinde erschüttert hatte, auch wenn niemand darüber sprach. Sie weinte. Der große Körper hatte sich zusammengezogen und bebte. Es war ihr jüngstes Kind. Doch ich möchte nicht abschweifen, denn das geschah in einer anderen Zeit und die Schatten dieser Ereignisse sind an diesem Punkte meiner Geschichte noch sehr weit entfernt.

    Teil III (zurück)

    Neben Frau Krall ging einer ihrer Söhne. Er hieß Peter und war so alt wie wir. Sie hatte den Arm auf seine Schulter gelegt und er schmiegte seinen Kopf an ihre riesige Hüfte. Wir verachteten ihn. Nicht nur, weil seine Arme wie Streichhölzer aussahen, sondern auch weil er ein Muttersöhnchen war. Außerdem stank er. Sie betraten den Laden und der alte Helpenstein begegnete ihnen mit jener Freundlichkeit, die er allen Menschen angedeihen ließ, die Geld in sein Geschäft brachten. Frau Krall schob zwei Einkaufswagen vor sich her und kaufte, was sie immer kaufte. Acht Kästen Bier und fünfzig Kilo Kartoffeln. Als sie an der Kasse stand, hustete sie und es klang, als sei ihre Lunge mit Wasser und Reißnägeln gefüllt. Darauf hin entspann sich einer jener Dialoge, die unweigerlich bei jedem Einkauf stattfinden mussten , denn der Gestank war dem Alten ein Dorn im Auge.
    „Leve Frau, wenijer rauchen ist jesünder.“ Der alte Helpenstein bemühte sich, seinen rheinischen Dialekt zu verbergen. Aber er bemerkte nicht, wie vergeblich es war.
    „Isch rauch schon lang nimmie. Nur noch Zijarre.“
    Mit diesen Worten schob sie ihren Einkauf aus dem Geschäft heraus und überquerte damit die Straße. Sie hatte genügend Kraft, um mit jeder Hand einen Wagen zu steuern. Erst in diesem Augenblick bemerkten wir, dass Peter nicht mehr bei ihr war. Stolz grinsend stand er neben uns. Er hatte eine Familienpackung Fürst Pückler Eis in der Hand.
    „Ich habe heute Geburtstag.“ sagte er. Wir versuchten ihn zu ignorieren. Aber er setzte sich zu uns und holte drei Plastiklöffel hervor.
    „Wollt ihr?“
    Wir schüttelten den Kopf und zeigten auf den Mülleimer. Er zuckte mit den Schultern und begann zu essen. Wir rückten noch ein Stück weiter von ihm ab und grinsten, denn es war uns klar, dass ihm unweigerlich schlecht werden würde. Aber ich glaube, er wusste es auch.

    Teil IV (zurück)

    Schon nach einigen Löffeln wurde er langsamer. Aber er gab nicht auf. Sein spitzer Adamsapfel bewegte sich wie ein Chamäleon. Als er schon kaum noch schlucken konnte, hielt er plötzlich inne und betrachtete die Platane. Die Nachmittagssonne beschien sein Gesicht und erst jetzt sah ich, wie schmutzig es war. Zuerst dachte ich, er wollte Zeit gewinnen. Aber nach einiger Zeit zeigte er hinaus auf die Straße.
    „Das sieht aus wie ein Meer. “ sagte er und ich sah den Traum eines Ozeans in seinen Augen. Ich versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. Manchmal genügt ein einziger Augenblick, um die Einsamkeit zu durchbrechen, mit der wir uns umgeben.
    „Warst du überhaupt schon mal am Meer?“
    „Nee, aber ich hab ein Buch darüber.“
    Malek zuckte mit den Schultern. Erst heute, da ich an diese Begebenheit zurückdenke, wird mir klar, dass Peter Krall nicht den Dialekt unseres Dorfes sprach. Die meisten Mitglieder seine Familie verachteten ihn wahrscheinlich dafür. Er verwendete eine klare, einfache Sprache, die er sicher nicht zuhause gelernt hatte. Vermutlich stammte sie aus den Büchern, die er aus der katholischen Bücherei entlieh und erst nach Monaten wieder zurück brachte. Nicht einmal die Leiterin hatte den Mut, die Gebühren einzufordern, die er hätte entrichten müssen. Aber er wäre ohnehin nicht in der Lage gewesen sie zu bezahlen.
    Als er den Boden des Fürsten Pückler erreicht hatte, blickte er uns triumphierend an. Er zerdrückte die Pappe zwischen den Fingern und ließ sie fallen. Die letzten Reste schmolzen noch zwischen seinen Lippen, liefen die Mundwinkel herab und vermischten sich mit dem Dreck, der sein Gesicht bedeckte. In diesem Moment ertönte die Stimme seiner Mutter. Seine Haut wirkte plötzlich blass. Ich konnte sehen, wie die Übelkeit in ihm aufstieg.
    „Peeeter! Peeeter!“
    Sie lief ihren eigenen Worten hinterher und ihr Körper war eine einzige Bewegung.
    „Isch such disch die janze Zeit du Blötschkopp.“
    Er begann zu würgen.
    „Höre mal, Fürst Pückler, wo is denn dat janze Eis?“
    „Ich hab doch Geburtstag heute.“ sagte er und schluckte seinen Mageninhalt wieder hinunter.
    Sie versetzte ihm eine Kopfnuss und gleich darauf eine Ohrfeige. Er begann zu weinen. Aber ich glaube, dass ihm die Schläge nichts ausmachten. Daran hatte er sich mit Sicherheit gewöhnt. Es war die Übelkeit. Er hustete und schnappte nach Luft. Seine Mutter erschrak ein bisschen und legte ihren gewaltigen Unterarm auf seine Schultern.
    „Is ja jood, is jood. Du biss minge Kleenste.“ sagte sie und drückte ihn an sich. Er würgte ein bisschen. Die ganze Zeit warteten wir darauf, dass er sich übergeben würde. Aber er enttäuschte uns.
    Als er mit seiner Mutter verschwand, durchquerte er den Raum aus fleckigem Licht, der sich unterhalb der Platane bildete. Ein seltsamer Glanz ging von ihm aus, als ihn die Sonne berührte. Die Strahlen schienen fast durch ihn hindurch zu fallen, als bestünde er aus Pergament. Er war so farblos, als hätte er die Haut eines Toten.

    (zurück)

    Matthias Gerhards 6. Apr, 22:35 | 4 Kommentare - Kommentar verfassen

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    Matthias Gerhards - 4. Mai, 23:08
    Na ja,
    manchmal fühle ich mich wie in einem Schraubstock,...
    Matthias Gerhards - 4. Mai, 22:31
    Herzlichen, herzlichen...
    Glueckwunsch! Das hat Du gut gemacht! Bravo! Bravissimo!...
    Syl (anonym) - 3. Mai, 15:14
    Sehr.
    Schön.
    albannikolaiherbst - 1. Mai, 08:02
    Bärtchen
    Das Ar...lochbärtchen kannte ich noch nicht. Aber...
    Matthias Gerhards - 30. Apr, 06:56
    JHBVB
    Aber wenn Du Deinen Eintrag lange genug stehen laesst,...
    Syl (anonym) - 29. Apr, 16:38
    Hallo Mathias! Grün...
    jede Existenz wichtig, ausgenommen für eine Auserirdische. Gruss...
    SCHLAGLOCH - 25. Apr, 14:49
    Motorsense ist doch schonmal...
    Motorsense ist doch schonmal ein Schritt in die richtige...
    Moritz Papa - 22. Apr, 17:27

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