Am Geburtstag des Fürsten Pückler (I, II, III, IV)
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Der Supermarkt der Familie Helpenstein lag im Schatten einer Platane. Sie wuchs am Rand des Friedhofes und stand unter dem Schutz der Kirche. Der alte Helpenstein fluchte über die Dunkelheit und machte sie für die schwindenden Umsätze verantwortlich. Aber er konnte dem Baum niemals etwas anhaben. Nicht einmal der Umstand, dass der Bürgermeister sein Schützenbruder war, brachte ihn in irgendeiner Weise weiter.
Ich liebte die Platane, denn sie war größer und älter als alles, was ich kannte. Und ich mochte das fleckige Licht, das sie auf den Bürgersteig warf, der sich vor dem Laden entlang schlängelte. Die Sonne brach sich in ihren Blättern und verwandelte den ganzen Platz ein Meer aus Schatten. Wenn ich meine Augen zu Schlitzen verengte, gelang es mir manchmal mich bis an einen fremden Ozean zu träumen.
Der alte Helpenstein mochte es nicht, wenn wir vor seinem Geschäft saßen. Obwohl wir keine schlechten Kunden waren. Malek und ich kaufen mindestens einmal pro Woche etwas. In der Regel handelte es sich um eine Familienpackung Eis. Es nannte sich Fürst Pückler und bestand aus Vanille, Schokolade und Erdbeere. Eine Mischung, die man heute aus guten Gründen beinahe vergessen hat. Wir setzten uns auf den Bürgersteig, traktierten es mit Plastiklöffeln und beobachteten die Leute bei ihren wöchentlichen Einkäufen. Immer wenn die Sonne schien, erzählte ich Malek von meinem Traum.
„Ein Meer? Du hast Phantasie.“ sagte er jedes Mal. Bis heute weiß ich nicht, ob er sich über mich lustig machte oder mich bewunderte.
Malek hatte viele Fähigkeiten. Er konnte sein Mitgefühl ausdrücken, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wenn er die blauen Flecken entdeckte, die ich gewöhnlich mit mir herum trug, schaute er nicht weg wie die meisten anderen. Er betrachtete sie und schwieg verständnisvoll. Vielleicht hatte er diese Fähigkeit von seinem Vater geerbt, der aus Istanbul stammte, wenig sprach und mindestens einmal am Tag ein trauriges Lieder sang, um danach seine gute Laune wieder zu finden.
Nachdem wir die Familienpackung geleert hatten, verdauten wir unser Eis und schwiegen, weil uns ein bisschen schlecht geworden war. Es war langweilig. Der Nachmittag strömte träge an uns vorbei und es bestand wenig Hoffnung, dass Gott aus seinem ewigen Schlaf erwachen würde. Aber an jenem Tag im Oktober, von dem ich hier berichten möchte, geschah dennoch etwas, dass uns für einen Augenblick von der ozeanischen Langsamkeit befreite, die in unserem Dorf herrschte und die jede Bewegung und jeden Gedanken zu ersticken schien.
Frau Krall hatte dunkle, glänzende Locken. Sie war mit einem geblümten Morgenmantel bekleidet, trug Filzpantoffeln und hatte eine Zigarre im Mund. Meistens brannte der Stumpen nicht einmal und sie kaute nur darauf herum. Doch heute zog sie eine Wolke aus beißendem Rauch hinter sich her und lächelte in die Oktobersonne hinein.
Bis zu dem Tag, an dem ich mein Dorf für immer verlassen sollte, habe ich sie nur ein einziges Mal gesehen, ohne dass eine Zigarre an ihren Lippen klebte. Damals stand sie am Grab ihres Sohnes, dessen gewaltsamer Tod die ganze Gemeinde erschüttert hatte, auch wenn niemand darüber sprach. Sie weinte. Der große Körper hatte sich zusammengezogen und bebte. Es war ihr jüngstes Kind. Doch ich möchte nicht abschweifen, denn das geschah in einer anderen Zeit und die Schatten dieser Ereignisse sind an diesem Punkte meiner Geschichte noch sehr weit entfernt.
„Leve Frau, wenijer rauchen ist jesünder.“ Der alte Helpenstein bemühte sich, seinen rheinischen Dialekt zu verbergen. Aber er bemerkte nicht, wie vergeblich es war.
„Isch rauch schon lang nimmie. Nur noch Zijarre.“
Mit diesen Worten schob sie ihren Einkauf aus dem Geschäft heraus und überquerte damit die Straße. Sie hatte genügend Kraft, um mit jeder Hand einen Wagen zu steuern. Erst in diesem Augenblick bemerkten wir, dass Peter nicht mehr bei ihr war. Stolz grinsend stand er neben uns. Er hatte eine Familienpackung Fürst Pückler Eis in der Hand.
„Ich habe heute Geburtstag.“ sagte er. Wir versuchten ihn zu ignorieren. Aber er setzte sich zu uns und holte drei Plastiklöffel hervor.
„Wollt ihr?“
Wir schüttelten den Kopf und zeigten auf den Mülleimer. Er zuckte mit den Schultern und begann zu essen. Wir rückten noch ein Stück weiter von ihm ab und grinsten, denn es war uns klar, dass ihm unweigerlich schlecht werden würde. Aber ich glaube, er wusste es auch.
„Das sieht aus wie ein Meer. “ sagte er und ich sah den Traum eines Ozeans in seinen Augen. Ich versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. Manchmal genügt ein einziger Augenblick, um die Einsamkeit zu durchbrechen, mit der wir uns umgeben.
„Warst du überhaupt schon mal am Meer?“
„Nee, aber ich hab ein Buch darüber.“
Malek zuckte mit den Schultern. Erst heute, da ich an diese Begebenheit zurückdenke, wird mir klar, dass Peter Krall nicht den Dialekt unseres Dorfes sprach. Die meisten Mitglieder seine Familie verachteten ihn wahrscheinlich dafür. Er verwendete eine klare, einfache Sprache, die er sicher nicht zuhause gelernt hatte. Vermutlich stammte sie aus den Büchern, die er aus der katholischen Bücherei entlieh und erst nach Monaten wieder zurück brachte. Nicht einmal die Leiterin hatte den Mut, die Gebühren einzufordern, die er hätte entrichten müssen. Aber er wäre ohnehin nicht in der Lage gewesen sie zu bezahlen.
Als er den Boden des Fürsten Pückler erreicht hatte, blickte er uns triumphierend an. Er zerdrückte die Pappe zwischen den Fingern und ließ sie fallen. Die letzten Reste schmolzen noch zwischen seinen Lippen, liefen die Mundwinkel herab und vermischten sich mit dem Dreck, der sein Gesicht bedeckte. In diesem Moment ertönte die Stimme seiner Mutter. Seine Haut wirkte plötzlich blass. Ich konnte sehen, wie die Übelkeit in ihm aufstieg.
„Peeeter! Peeeter!“
Sie lief ihren eigenen Worten hinterher und ihr Körper war eine einzige Bewegung.
„Isch such disch die janze Zeit du Blötschkopp.“
Er begann zu würgen.
„Höre mal, Fürst Pückler, wo is denn dat janze Eis?“
„Ich hab doch Geburtstag heute.“ sagte er und schluckte seinen Mageninhalt wieder hinunter.
Sie versetzte ihm eine Kopfnuss und gleich darauf eine Ohrfeige. Er begann zu weinen. Aber ich glaube, dass ihm die Schläge nichts ausmachten. Daran hatte er sich mit Sicherheit gewöhnt. Es war die Übelkeit. Er hustete und schnappte nach Luft. Seine Mutter erschrak ein bisschen und legte ihren gewaltigen Unterarm auf seine Schultern.
„Is ja jood, is jood. Du biss minge Kleenste.“ sagte sie und drückte ihn an sich. Er würgte ein bisschen. Die ganze Zeit warteten wir darauf, dass er sich übergeben würde. Aber er enttäuschte uns.
Als er mit seiner Mutter verschwand, durchquerte er den Raum aus fleckigem Licht, der sich unterhalb der Platane bildete. Ein seltsamer Glanz ging von ihm aus, als ihn die Sonne berührte. Die Strahlen schienen fast durch ihn hindurch zu fallen, als bestünde er aus Pergament. Er war so farblos, als hätte er die Haut eines Toten.




