Eine kurze Geschichte der Welt in sehr kleinen Teilen. In diesem Blog geht es um Literatur, Politik, Wissenschaft und Technologie, weil es der Autor noch nie anständig entscheiden konnte.

projekte




  • Exposé
  • Die ersten Kapitel

    Erzählungen:


  • Am Geburtstag des Fürsten ...
  • The Way I Found Van Morrison
  • Am Anfang war die Leihbüch...
    Unvollendetes
  • Die sieben Dinge meines Lebens
  • The Way I found Van Morrision (Vol I-IV)

    Vol I | Vol II | Vol III | Vol VI

    Seitdem ich denken konnte, wurde ich von Alträumen heimgesucht. Meistens verfolgten mich Tiere oder Menschen mit dem festen Willen mich zu töten. Manchmal trachteten mir auch Vogelmenschen oder geflügelte Wölfe nach dem Leben. Aber in dieser Nacht war alles anders. Ein Engel jagte mich. Er hatte kalte Augen und aus seinem Mund kamen keine Worte, sondern verzerrte, jaulende Töne. Es war, als würde alle toten Rock Gitarristen auf den Harfen des Himmels spielen. Als ich endlich gestorben war, begriff ich plötzlich, dass nur der Engel ein Teil meines Traumes gewesen war. Der Lärm existierte wirklich.

    Draußen vor unserem Haus spielte jemand „The Wind Cries Mary“. Die Klänge der Gitarre bewegten sich wie Schiffe durch die Nacht. Sie schienen einen verborgenen Raum in der Dunkelheit zu öffnen, als würde ein neuer Ozean erwachsen. Für einige Augenblicke verschwand ich in den Tiefen des Klangs.

    Es war fast zwei Uhr. Ich war erst vierzehn, aber selbst ich wusste, dass Jimmy Hendrix schon seit zehn Jahren tot war. Außerdem lag unser Haus alleine. Die nächsten Nachbarn lebten mehr als fünfzig Meter entfernt und hatten sicherlich noch niemals eine elektrische Gitarre aus der Nähe gesehen. Doch als ich endlich meine Trägheit überwunden hatte und aus dem Bett sprang, kehrte plötzlich Ruhe ein.

    Draußen war nichts zu sehen. Die Hunde schliefen. Sogar die Lämmer waren still, die sonst unentwegt nach ihren Müttern riefen. Ich kontrollierte das Radio, den Fernseher und die Stereoanlage meiner Eltern. Nichts.

    Am nächsten Morgen stand ein Lastwagen vor dem Haus unserer Nachbarn. Es war ein Umzugswagen. Ein kleiner Mann mit schütteren Locken entlud die letzten Kleinteile und grinste mich an. Er trug eine Jeans und die Fingernägel seiner rechten Hand waren erstaunlich lang. Als ich ihn nach einiger Zeit noch immer von der anderen Straßenseite aus beobachtete, kam er zu mir herüber und schüttelte mir die Hand. Er hieß Volker, arbeitete als Laborant bei Bayer, hatte eine etwas schrille Frau und zwei Kinder. Sie waren so nervig, dass es zwanzig Jahre dauern sollte, bis ich es selbst wagte eine Familie zu gründen. Erst heute weiß ich, dass seine Kinder ganz normal waren. Er war Maler und Musiker.
    ~ zurück ~
    Volker war einer der tiefsinnigsten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe. Wenigsten in meiner Erinnerung. Er hatte kein Abitur. Aber er studierte die griechischen Klassiker mit dem gleichen Interesse wie er Rockmusik hörte oder Ginsberg und Hubert Selby las.

    Nachdem sie eingezogen waren, klopfte ich Woche für Woche an seine Tür. Immer öffnete seine Frau. Sie hieß Ruth und lud mich jedes Mal zum Abendessen ein. Es war ein Ritual. Volker saß in seinem Atelier, dem kleinsten Raum in der Wohnung. Es war voll gestopft mit Schallplatten, Bildern, Leinwänden, einer elektrischen Gitarre, einem Klavier und einem urwaldartigen Gestrüpp von Pflanzen, die Ruth in der ganzen Wohnung verteilte. Er saß auf einem Klappstuhl aus Metall und schien immer glücklich mich zu sehen. Jedenfalls gelang es ihm diesen Eindruck zu erzeugen.

    Wann immer ich bei ihm auftauchte, hatte er eine Stunde Zeit, um sich die Tragödie meiner Jugend anzuhören. Ich war vierzehn oder fünfzehn und in einem desaströsen Zustand. Er hörte zu und zerstreute meinen Kummer durch Schweigen. Er war einer jener seltenen Menschen, die über ein intaktes Erinnerungsvermögen verfügten. Und er war ehrlich zu sich selbst.

    Sobald ich in Selbstmitleid verfiel, begann er über Musik zu sprechen. Fast alles, was ich über Rockmusik weiß, geht auf ihn zurück. Bei ihm hörte ich das erste Led Zeppelin Stück. In seinem Arbeitszimmer lernte ich Clapton, J.J. Cale und Steve Ray Vaughan und Johnny Winter kennen. Aber auch John Lee Hooker und Lightnin' Hopkins. Irgendwann nahm er eine Kassette für mich auf. Darauf waren Hendrix, Cocker, Ray Charles und ein Pausenfüller, der in der Mitte abbrach, als das Band zu Ende war.
    ~zurück ~
    Die Musik löste etwas Seltsames in mir aus. Ich war wie Zuhause in diesem Klang. Er war nicht besondern virtuos oder neuartig. Aber es war meine Musik, mein Sound. Ich hörte das Lied über sechs Wochen hinweg mindestens dreißig Mal pro Tag. Bis meine Eltern ernsthaft darüber nachdachten, mich doch in die Jugendpsychiatrie einliefern zu lassen. Aber leider besaß ich keine Stereoanlage, sondern nur einen schäbigen Kassettenrecorder. Er war einer der Gründe, weshalb ich noch immer keinen Sex hatte. Außerdem fraß er Bänder. Und es dauerte nicht lange, bis er auch diese Kassette auf dem Gewissen hatte. Dabei knickte er sein Opfer ungefähr hunderttausend Mal, bis es in eine Streichholzschachtel gepasst hätte. Nachdem ich das Band wieder aufgespult hatte, war von meinem Lied nicht mehr übrig, als ein dumpfes Grollen. Das Geräusch eines sterbenden Traktors.

    Ich war verzweifelt. Aber noch verzweifelter wurde ich, als ich feststellen musste, dass auch Volker mir nicht helfen konnte. Er hatte es einfach vergessen. Schließlich war es nur der Pausenfüller gewesen. Aber er versuchte es redlich. Jede Woche machten wir ein paar Experimente. Aber mein Stück stammte weder von Rory Gallagher, noch waren es die Pouges und schon gar nicht Screamin' Jay Hawkins. Ich versuchte Volker auf die Sprünge zu helfen. Aber meine Gesangskünste waren spärlich.

    Nach und nach verlor ich das Interesse. Auch diese Narbe verheilte. Aber die Stimme und jenen besonderen Klang der Musik, vergaß ich niemals. Den Text hatte ich nicht verstanden, denn mein Englisch genügte in dieser Zeit kaum für die Schule. Dennoch wurde dieser Sound so etwas wie meine erste Liebe. Ein Traum, der seine Leuchtkraft gerade deshalb behielt, weil er niemals in Erfüllung ging. Es war, als würde die Schönheit eines fremden Landes vor meinen Augen entstehen. Klippen begrenzten es und Hügel lagen darin. Die Musik war wie eine Erzählung von Dylan Thomas.
    ~zurück~
    In dieser Zeit begann ich zu reisen. Aber weil ich in jugendlicher Armut lebte, musste ich mich auf Europa beschränken. Meine Reisekassen waren stets so klein, dass nur Fortbewegungsmethoden in Frage kamen, die buchstäblich nichts kosteten. Ich durchquerte den gesamten Kontinent mit einem Fahrrad. Damit meine ich, dass ich von Köln bis nach Gibraltar gefahren bin. In knapp vier Wochen. Durch England und Schottland brachte mich ein Fischlastwagen. Die Niederlande, Belgien und Frankreich habe ich wieder auf einem Plastiksattel bereist. Irland durchquerte ich zu Fuß.

    In Limerik, einer sehr schmutzigen Stadt, hörte ich etwas, das meinem Lied glich. Es war in einem Pub und ich bestürmte sofort den Barmann, er möge mir verraten, was das für eine Musik war. Nach einem längeren Disput unter den anwesenden Gästen, den ich nicht verstand, verkündete man mir, dass es sich um „Van Morrison“ handelte. Ich dachte sofort: „Der Mann, den sie Kleinlastwagen nannten.“ Aber jetzt hatte ich einen Namen. Später erfuhr ich, dass „Van“ die Kurzform von Ivan war. Ein nicht eben besondern langer Name.

    Noch auf der Insel kaufte ich meine erste Platte. Es war die „Astral Weeks“. Leider habe ich sie später wieder verloren. Aber das ist eine andere Geschichte. Mein Lied war nicht darauf. Aber das machte nichts, denn ich hatte gefunden was ich suchte. In diesem Augenblick wurde die Welt ein Stückchen größer, der Himmel schien blauer als sonst und ich legte ein kleines Stück meiner jugendlichen Verzweiflung ab. Bis heute kann ich nicht erklären, was mich an dieser Musik begeistert. Aber vielleicht gibt es für jeden Menschen auf dieser Welt einen besonderen Klang. Einen Sound, der den Zustand unserer Seele ausdrückt.

    Erst zehn Jahre später, fiel mir das Lied wieder in die Hände. Damals hatte ich schon fast alles von Van Morrison einmal besessen und habe es bei Umzügen und Trennungen wieder verloren. Ich hörte das Stück bei einem Freund, der kaum mehr als fünf CDs besaß und glaubte, dass es sich um Van Halen handelte. Mein Lied hieß „Dweller on the Threshold“, Siedler auf der Schwelle und hatte einen völlig idiotischen, esoterischen Text. Aber das machte nichts. Denn selbst, wenn ich es heute höre, kann ich jederzeit in Tränen ausbrechen, weil es so schön ist. Aber das passiert natürlich nicht, weil ich die letzten zwanzig Jahre meines Lebens darauf verwendet habe, erwachsen zu werden.
    Matthias Gerhards 19. Mrz, 22:01 | 2 Kommentare - Kommentar verfassen
    Jack1fS - 25. Jun, 09:43

    Jetzt ist Dein Beitrag schon ein paar Tage alt und noch kein Kommentar. Sind hier nur Banausen als Leser vertreten :-))? Bei Deinem Beitrag fiel mir wieder ein wie ich damals (zwanzig Jahre) zu Van Morrison kam. Wow! Ich werde alt... Vielleicht schreibe ich das auch einmal auf. Für mich eins seiner besten ist "Did ye get healed" auf der Poetic Champions Compose. Angeblich eine seiner schwächeren...so what?
    antworten

    Matthias Gerhards - 25. Jun, 21:40

    Dein Urteil tut sehr wohl :-). Die "Poetic Champions Compose" habe ich noch nicht. Aber das wir sich ändern. Zur Verteidigung der hier Mitlesenden muss ich sagen, dass es einen Metaeintrag gegben hat, der einigermaßen ausgiebig kommentiert wurde. Aber den habe ich natürlich nicht in dieses neuen Inhaltsverzeichnis aufgenommen.

    blog

    Eine kurze Geschichte der Welt
    • + Back from outer office
    • + Der fuenfte Meridian
    • + Deutsches Tagebuch
    • + Erinnerungen an die Hoelle
    • + life style
    • + Ligurisches Tagebuch
    • + Prosaisches Tagebuch
    • + Sizilianisches Tagebuch
    • + Ungarisches Tagebuch
    Bilderalben:
    • + Sizilien 2006

    twoday.net

    so bist du...

    Du bist nicht angemeldet.
    • login

    famose letzte worte

    Danke, Danke! Probeausdrucke...
    Danke, Danke! Probeausdrucke sind gerade in Arbeit....
    Matthias Gerhards - 4. Mai, 23:08
    Na ja,
    manchmal fühle ich mich wie in einem Schraubstock,...
    Matthias Gerhards - 4. Mai, 22:31
    Herzlichen, herzlichen...
    Glueckwunsch! Das hat Du gut gemacht! Bravo! Bravissimo!...
    Syl (anonym) - 3. Mai, 15:14
    Sehr.
    Schön.
    albannikolaiherbst - 1. Mai, 08:02
    Bärtchen
    Das Ar...lochbärtchen kannte ich noch nicht. Aber...
    Matthias Gerhards - 30. Apr, 06:56
    JHBVB
    Aber wenn Du Deinen Eintrag lange genug stehen laesst,...
    Syl (anonym) - 29. Apr, 16:38
    Hallo Mathias! Grün...
    jede Existenz wichtig, ausgenommen für eine Auserirdische. Gruss...
    SCHLAGLOCH - 25. Apr, 14:49
    Motorsense ist doch schonmal...
    Motorsense ist doch schonmal ein Schritt in die richtige...
    Moritz Papa - 22. Apr, 17:27

    Meine Gadgets


    aBook S.240 (500 KB)


    aPod 2 (100% analog)


    aWriter 1 (100 cpm)

    schreibt mir

    matthias[.]gerhards[at]gmx[.]de

    meine sorte

     ...Bibi a Mi(nga)...
     ABRAUM
     Alsos Threpsoneires
     Anobella
     Barbara A. Lehner - Einblicke
     Die Dschungel. Anderswelt.
     Elsas Nacht(b)revier
     Film und Musik Feuilleton
     Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert
     Kwaku Ananse
     Lyrik-Blog
     Melancholie Modeste
     Memento
     Regina in Ungarn
     Rosenherz
     Saintphalles Kramladen
     Sopran
     Tänzerin zwischen den Welten
     artblog
     nömix
     opablog
     sub Rosam

    outer territories

    • toomuchcookies
    • Die dunkle Seite
    • Moritz Abenteuer
    • Schlagloch
    • Comandantina
    • From Gaza with love
    • Der hermetische Café
    • Das Universum für Doofe

    archiv

    Mai 2008
    April 2008
    Januar 2008
    Dezember 2007
    November 2007
    Oktober 2007
    September 2007
    August 2007
    Juli 2007
    Juni 2007
    Mai 2007
    April 2007
    März 2007
    Februar 2007
    Januar 2007
    Dezember 2006
    November 2006
    Oktober 2006
    September 2006
    August 2006
    Juli 2006
    Juni 2006
    Mai 2006
    April 2006
    März 2006

    finde deinen weg

     

    credits

    Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

    powered by Antville powered by Helma


    xml version of this page
    xml version of this page (summary)
    xml version of this page (with comments)

    twoday.net AGB

    status

    Online seit 747 Tagen
    Zuletzt aktualisiert: 10. Mai, 06:50

    counter

    kostenloser Counter