Am Anfang war die Leihbücherei
Die katholische Leihbücherei lag neben dem alten Friedhof. Er wurde seit dem Krieg nicht mehr benutzt und war gesperrt. Eine Mauer schützte das Areal. Darin standen Eichen, die so alt waren wie die Welt. Sogar älter als mein Vater. Es gab nur eine Stelle direkt neben der Kirche, wo die Mauerkrone von einem Baum beschädigt worden war. Nach dem Firmunterricht zog ich mich an den brüchigen Ziegeln hoch, umfasste einen Ast und quälte mich auf die andere Seite hinüber. Der Friedhof war das schönste, was ich bis dahin gesehen hatte. Schöner als die Bilder von nackten Frauen im Gesundheitsbuch meiner Mutter.
Die Eichen wurden von Efeu überwuchert, das überall herab hing und den Weg versperrte. Viele Grabsteine waren eingesunken oder von Ästen zu Fall gebracht worden. Veilchen und Vogelmiere bedeckten den Boden und verströmten einen unbeschreiblichen Duft. Es gab mehr Schmetterlinge als im Rest des Dorfes und über allem schien ein Schatten zu liegen. Die Zeit schlief an diesem Ort. Sie lag bei den Toten und hatte aufgehört zu sein. Aber das schönste waren die Grabsteine. Stundenlang vertiefte ich mich in die Namen der Verstorbenen und versuchte mir ihr Leben vorzustellen. Die Ältesten lagen bereits mehr als zweihundert Jahre an dieser Stelle. Wenn ich auf dem Friedhof war, veränderte ich mich. Mein anderes Leben schien sich aufzulösen und ich vergaß, wer ich war. Ich lebte in Vergessenheit. Für eine kurze Zeit war es, als beschützte mich der Tod vor meinem Leben.
Fast ein halbes Jahr lang besuchte ich den Friedhof, ohne einem Menschen davon zu erzählen. Bis zu jenem Tag, als ich das Gitter entdeckte. Es lag am anderen Ende des Geländes und ersetzte einen Teil der Mauer. Jenseits der Eisenstäbe befand sich der Hintereingang der katholischen Leihbücherei. Als ich einen Blick durch das Fenster warf, sah ich in die Augen einer alten Frau. Die Leiterin der katholischen Hauptschule, die ich besuchte. Sie sprang sofort auf, schloß das Gittertor auf und holte mich heraus. Den Friedhof zu betreten war verboten. Sie zerrte mich in die Bibliothek und gab mir eine Ohrfeige. Ich hatte sie erschreckt.
Meine Wangen brannten. Frau Lamboi hatte einen harten Schlag, denn sie war in Übung. Auch in der Schule hatte sie die Angewohnheit sich mit schnellen kurzen Schlägen Respekt zu verschaffen. Sie war vermutlich die letzte Frau des 20. Jahrhunderts, die sich mit Stolz als alte Jungfrau bezeichnete. Die einzigen Kleidungstücke, die sie zu besitzen schien, waren Faltenröcke und karierte Blusen. Dazu trug sie Gesundheitsschuhe und hautfarbene Strumpfhosen, die vollkommen lichtundurchlässig waren.
Nachdem sie mich geschlagen hatte, war ich für einige Augenblicke benommen. Der Schreck der Entdeckung steckte mir noch in den Gliedern. In diesem Moment erkannte Frau Lamboi ihre Chance. „Willst du einen Leseausweis beantragen?“ fragte sie in ihrer harmlosesten Stimme.
Ich zuckte mit den Schultern. Es gab hier weder Videokassetten, noch Schallplatten. Nur Bücher. Frau Lamboi deutet meine Geste als Zustimmung und bereitete einen Ausweis für mich vor. Sie überreichte ihn feierlich und führte mich in die Abteilung für katholische Literatur.
Unter den vielen hundert Bänden befanden sich Werke wie: Die Lebensgeschichte Papst Gregor IX oder: Der Katechismus im Wandel der Zeiten und die Romane von Werner Bergengruen. Aber eines der Bücher kann mir bekannt vor. „Don Camillo und Peppone“. Ich hatte den Film gesehen. In meiner Verzweiflung lieh ich es aus. Frau Lamboi war zufrieden und lobte mich, denn es war ein katholisches Buch.
Am nächsten Tag brachte ich es zurück. Es hatte kaum einen Nachmittag gedauert, bis ich es zu Ende gelesen hatte. Diese vier Stunden, die ich mit den Figuren Guareschis zubrachte, veränderten mein Leben. Ich begann zu lesen. Zuerst nahm ich alles, was mir in die Hände fiel. Konsalik, Remarque, Simmel, Uris, Winter, Baldwin, Homer, Grimmelshausen, Sinclair, aber auch Tucholsky, Kästner und Heine. Nach einiger Zeit entdeckte ich, dass es in Bücherei eine Abteilung für klassische deutsche Literatur gab und eine andere für die Moderne. Als ich nach ungefähr fünf Jahren die Hauptschule verließ, um eine höhere Schule zu besuchen, hatte ich beide vollständig gelesen.
Die Eichen wurden von Efeu überwuchert, das überall herab hing und den Weg versperrte. Viele Grabsteine waren eingesunken oder von Ästen zu Fall gebracht worden. Veilchen und Vogelmiere bedeckten den Boden und verströmten einen unbeschreiblichen Duft. Es gab mehr Schmetterlinge als im Rest des Dorfes und über allem schien ein Schatten zu liegen. Die Zeit schlief an diesem Ort. Sie lag bei den Toten und hatte aufgehört zu sein. Aber das schönste waren die Grabsteine. Stundenlang vertiefte ich mich in die Namen der Verstorbenen und versuchte mir ihr Leben vorzustellen. Die Ältesten lagen bereits mehr als zweihundert Jahre an dieser Stelle. Wenn ich auf dem Friedhof war, veränderte ich mich. Mein anderes Leben schien sich aufzulösen und ich vergaß, wer ich war. Ich lebte in Vergessenheit. Für eine kurze Zeit war es, als beschützte mich der Tod vor meinem Leben.
Fast ein halbes Jahr lang besuchte ich den Friedhof, ohne einem Menschen davon zu erzählen. Bis zu jenem Tag, als ich das Gitter entdeckte. Es lag am anderen Ende des Geländes und ersetzte einen Teil der Mauer. Jenseits der Eisenstäbe befand sich der Hintereingang der katholischen Leihbücherei. Als ich einen Blick durch das Fenster warf, sah ich in die Augen einer alten Frau. Die Leiterin der katholischen Hauptschule, die ich besuchte. Sie sprang sofort auf, schloß das Gittertor auf und holte mich heraus. Den Friedhof zu betreten war verboten. Sie zerrte mich in die Bibliothek und gab mir eine Ohrfeige. Ich hatte sie erschreckt.
Meine Wangen brannten. Frau Lamboi hatte einen harten Schlag, denn sie war in Übung. Auch in der Schule hatte sie die Angewohnheit sich mit schnellen kurzen Schlägen Respekt zu verschaffen. Sie war vermutlich die letzte Frau des 20. Jahrhunderts, die sich mit Stolz als alte Jungfrau bezeichnete. Die einzigen Kleidungstücke, die sie zu besitzen schien, waren Faltenröcke und karierte Blusen. Dazu trug sie Gesundheitsschuhe und hautfarbene Strumpfhosen, die vollkommen lichtundurchlässig waren.
Nachdem sie mich geschlagen hatte, war ich für einige Augenblicke benommen. Der Schreck der Entdeckung steckte mir noch in den Gliedern. In diesem Moment erkannte Frau Lamboi ihre Chance. „Willst du einen Leseausweis beantragen?“ fragte sie in ihrer harmlosesten Stimme.
Ich zuckte mit den Schultern. Es gab hier weder Videokassetten, noch Schallplatten. Nur Bücher. Frau Lamboi deutet meine Geste als Zustimmung und bereitete einen Ausweis für mich vor. Sie überreichte ihn feierlich und führte mich in die Abteilung für katholische Literatur.
Unter den vielen hundert Bänden befanden sich Werke wie: Die Lebensgeschichte Papst Gregor IX oder: Der Katechismus im Wandel der Zeiten und die Romane von Werner Bergengruen. Aber eines der Bücher kann mir bekannt vor. „Don Camillo und Peppone“. Ich hatte den Film gesehen. In meiner Verzweiflung lieh ich es aus. Frau Lamboi war zufrieden und lobte mich, denn es war ein katholisches Buch.
Am nächsten Tag brachte ich es zurück. Es hatte kaum einen Nachmittag gedauert, bis ich es zu Ende gelesen hatte. Diese vier Stunden, die ich mit den Figuren Guareschis zubrachte, veränderten mein Leben. Ich begann zu lesen. Zuerst nahm ich alles, was mir in die Hände fiel. Konsalik, Remarque, Simmel, Uris, Winter, Baldwin, Homer, Grimmelshausen, Sinclair, aber auch Tucholsky, Kästner und Heine. Nach einiger Zeit entdeckte ich, dass es in Bücherei eine Abteilung für klassische deutsche Literatur gab und eine andere für die Moderne. Als ich nach ungefähr fünf Jahren die Hauptschule verließ, um eine höhere Schule zu besuchen, hatte ich beide vollständig gelesen.





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